Zeeland 2/4: Zierikzee, Middelburg, Deltawerke

Von Brouwershaven fuhren wir mit dem Bus nach Zieriksee. Die Jachten folgten uns auf dem Seeweg.

Der dicke Turm Sint-Lievens Monstertoren dominiert die Stadtsilhouette von Zierikzee. 1454 begann der Bau, der freistehend neben der dazugehörigen gotischen Kirche errichtet wurde, Der Turm sollte eine Höhe von etwa 130 Metern erreichen, der Bau wurde aber auf der heutigen Höhe von 61 Metern aus Geldmangel gestoppt. Nach dem Brand der Kirche 1832, bei dem der Turm unbeschädigt blieb, wurde die spätgotische Kirche abgerissen und durch einen neoklassizistischen Neubau ersetzt, der heute als Kulturhaus dient.

Der Aufstieg erfolgt über eine Wendeltreppe mit gefühlten 979, tatsächlich aber nur 279 Stufen. Die Aussicht lohnt jedoch die Mühe.

Die Stadt war im 14. Jahrhundert in den Krieg der Holländer mit den Flamen verwickelt, wurde lange belagert, konnte sich aber behaupten. Erst 1576, zu Beginn des achzigjährigen Krieges, gelang den Spaniern nach neunmonatiger Belagerung die kurzzeitige Besetzung der wehrhaften Stadt. Zierikzee hat drei schöne mittelalterliche Stadttore: das Noordhavenpoort, das Zuidhavenpoort und das Nobelpoort. Alles ehemalige Verteidigungsanlagen. Das Zuidhavenpoort befindet sich an der Einfahrt zum alten Hafen.

Am Hafen steht die Mühle Den Hoop.

Danach mit dem Bus zum nach der Flutkatastrophe von 1953 neu geschaffenen Naturschutzgebiet De Schelphoek. Hier wurde fleissig botanisiert. Es fand sich sogar ein wilder Sellerie.

Interessant, wie in Zeeland die Ufer befestigt werden: ca. 50-60cm lange, unterschiedlich geformte Betonsteine mit Basaltzusatz werden maschinell nach einem geometrisch abgestimmten Muster in den Boden gerammt. Basalt deshalb, weil man entdeckt hat, dass dieses Gestein das Wachstum von Pflanzen in den Ritzen fördert.

Auf dem Heimweg ein kurzer Zwischenstopp bei den Deltawerken. Unser Skipper, im Hauptberuf leitender Ingenieur bei den Deltawerken, gab uns eine eindrückliche Übersicht auf die Anlage bei Neeltje Jans. Anlass zu deren Konstruktion war die Flutkatastrophe von 1953, bei der im Flussdelta im Süden der Niederlande 1835 Menschen und über 200’000 Tiere ums Leben kamen. Um das Land künftig gegen solche Sturmfluten zu schützen, liess die Regierung 1953 einen Plan mit Sturmflutsperren entwerfen, der eine drastische Verkürzung der Küstenlinien vorsah.

Im Jahr 1958 wurde die erste, bewegliche Sturmflutsperre in der Hollandse Ijssel in Betrieb genommen, 1961 bis 1987 folgten weitere Dammbauten. Das grosse Oosterscheldesperrwerk wurde 1986, die letzten Sperren 1997 in Betrieb genommen.

Zur Regulierung des Wasserabflusses aus den Rhein- und Maasmündungsarmen mussten die Dämme jeweils mit grossen Sielanlagen versehen werden. Das sind verschliessbare Gewässerdurchlässe in einem Deich. Gewissermassen Ventile zur passiven Entwässerung des hinter dem Deich gelegenen Binnenlandes. Bei Flut ist der Wasserstand bzw. Wasserdruck auf der Meerseite höher, dann werden die Siele geschlossen. Bei Ebbe ist der Wasserstand bzw. Wasserdruck auf der Binnenseite höher, dann werden die Siele geöffnet.

Die Kosten des Projekts waren gigantisch, betrugen damals rund 3 Milliarden Euro. Wie lange die Anlage bei der durch die Meereserwärmung steigenden Meerspiegel noch halten wird, ist offen. Die Deltawerke sind auf einen Meeresspiegelanstieg von 40 cm und frontalen Druck ausgelegt. Der bis Ende 21. Jahrhundert prognostizierte Anstieg ist jedoch wesentlich höher. Und was, wenn eine Sturmflut in schrägem Winkel auf die Sperren trifft?

Leichtes Abendessen im Kettenimbiss Lekkerbekker: Dorschfilet paniert mit Mayo und Pommes (und Jupiterbier). Keine Sterneküche, aber nicht schlecht.

Am nächsten Tag folgte eine spontan eingeschobene Fahrt nach Middelburg, der Hauptstadt von Zeeland. Im 17. Jahrhundert war Middelburg nach Amsterdam die zweitwichtigste Stadt der Niederlande. Diese Epoche hat deutliche Spuren hinterlassen: Alte Lagerhäuser, stattliche Herrenhäuser, enge Gassen und historische Plätze. Das historische Rathaus gehört zu den meistfotografierten Gebäuden der Stadt.

Die Abtei in Middelburg wurde um 1100 von Mönchen aus Flandern gegründet. Das Kloster erwarb enormen Reichtum und der Abt war einer der mächtigsten und einflussreichsten Personen in Zeeland. Nach der Eroberung der Stadt durch den Prinzen von Oranien 1574 wurden die Mönche gezwungen, die Abtei zu verlassen. Mit Ausnahme der Kirchen wurde der Komplex bis heute als Sitz der Staaten von Zeeland genutzt. Zum Abteikomplex gehören neben verschiedenen Kirchen das Zeeuws Museum.

De Gistpoort, das Blaue Tor, ist eines der früheren Zugangstore zur Abtei von Middelburg. Die im spätgotischen Stil erbaute Pforte stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die Fassade ziert eine Statue von Graf Willem II., in dessen Auftrag die Abtei zwischen 1255 und 1256 erweitert wurde.

An der Seite der Abteianlage befindet sich der Abteiturm „Lange Jan“. Er ist 90,5 Meter hoch und gehört damit zu den höchsten Türmen der Niederlande.

Hübsch auch die engen Gassen der Altstadt, wenn man sich an dunkeln Orten auch irgendwie beobachtet fühlt.

Dieses ehemalige Lagerhaus, ein nationales Denkmal aus dem 17. Jahrhundert, wurde nach aufwendiger Restaurierung zum Wohnhaus.

Die „Vereenigde Oostindische Compagnie;“ abgekürzt VOC,  war eine Ostindien-Kompanie, zu der sich 1602 niederländische Kaufmanns-innungen zusammenschlossen, um die Konkurrenz untereinander auszuschalten. Die VOC erhielt vom niederländischen Staat Handelsmonopole sowie Hoheitsrechte in Landerwerb, Kriegsführung und Festungsbau. Sie war eines der grössten Handelsunternehmen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Die VOC hatte ihren Hauptsitz in Amsterdam und Middelburg. Davon zeugen heute noch die reichen Quartiere von Middelburg. Die wirtschaftliche Stärke der VOC beruhte vor allem auf der Kontrolle der Gewürzroute von Hinterindien nach Europa. Während zweier Jahrhunderte hatte die VOC circa 4700 Schiffe unter Segel. Nach dem Vierten Englisch-Niederländischen Krieg von 1780 bis 1784 kam die Kompanie in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1798 liquidiert.

Blick auf die Oostkerk (im Hintergrund), eine achteckige, barocke Kuppelkirche aus den Jahren 1664–1667. Sie wurde als erste grössere Kirche der Stadt nach der Reformation speziell für den reformierten Gottesdienst gebaut.

Mittagessen in der Seafarm, Nähe Neeltje Jans. Einem in der Spitzen-Gastronomie führenden „grünen“, nachhaltigen Züchter und Grosshändler von Steinbutt, Schwertmuscheln, Austern, Meeresfrüchten und Krustentieren mit integriertem Speiserestaurant. Auf meinem Teller ein Baby-Steinbutt.

Zurück über die Zeelandbrug nach Zieriksee. Danach einschiffen und Fahrt zu der zum Nationalpark Oosterschelde gehörenden Zeehondenbank. Einer Sandbank, auf der sich nachmittags die vereinigte Seehundkolonie ein Verdauungsschläfchen gönnt.

Weiter mit dem Schiff Richtung Willemstad. Wer müde war, blieb auf dem Schiff, die Unternehmungslustigen stiegen an den Krammersluizen aus, wurden vom Bus abgeholt und an das Ufer des Wattenmeers vor Sint Philipsland gefahren. Die drei beherzten Damen stiegen nackten Fusses in den Schlick, um kiloweise Herzmuscheln zu sammeln bis sie nach 2 Stunden, von der rasch steigenden Flut vertrieben, wieder zu uns stiessen.

Die am trockenen Ufer verbliebenen Herren hielten Mittagsschläfchen, beobachteten Wasservögel oder botanisierten derweil und fanden eine ergiebige Quelle von frischem Queller (Salicorne).

Abendstiummung am Wattenmeer vor Sint Philipsland.

Eintreffen abends gegen 21 Uhr in Willemstad. Kochen und Nachtessen auf dem Schiff. Herzmuscheln mit Salicornesalat. Dann Ratatouille. Aus der von mir heimlich erträumten Karriere als Smutje ist leider nichts geworden. Ich sehe ja auch nicht aus, als ob ich ein Spiegelei braten könnte. Immerhin wurde ich von der Salatgruppe mit dem Schneiden von Zwiebeln und dem Abzupfen der Salicornes betraut. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die ich ohne Beanstandungen meisterte.

13 Kommentare zu „Zeeland 2/4: Zierikzee, Middelburg, Deltawerke“

  1. eine wunderbar organisierte Reise…. Ich habe die Spargelzeit dazu benutzt, mir die Gegend bis hinunter nach Belgien anzusehen…. Wirklich sehr schön, diese auch auf dem Brompton Bike zu erkundigen….. Immer mit Bedacht, auf den unangenehmen Gegenwind……

      1. bei Lukas haben wir ihn meist zu Fisch angerichtet. In der Regel kurz blanchiert. Aber in den NL fand ich ihn roh noch besser. Mit feinem Wildspargel kann man ihn ersetzen, doch fehlt der Geschmack nach Meer.

  2. Was für ein schöner, eindrucksvoller Bericht. Sie und ein Spiegelei….Unvorstellbar 🙂 Liebe Grüße, Sunni

  3. Barfuß durch’s Watt kann unangenehm werden, wenn man sich die Sohle an manchen Muscheln aufschlitzt!

    Ich habe damals im Praktikum an der Nordsee gelernt, alte Turnschuhe o.ä. zu benutzen. Übliche Gummistiefel können sich, vor allem im Schlickwatt, festsaugen, dann zieht man dummerweise den Fuß aus dem Stiefel und steht recht wackelig da, einbeinig kann man den leeren Stiefel kaum rausziehen – bietet allerdings dem Rest der Gruppe schon etwas Unterhaltung.

  4. Vielen Dank für diese wunderschöne Reisebeschreibung. Das lockte jetzt sogar die Sonne im Überschwemmungsgebiet Wien, nahe am Donaukanal raus.

    1. Taugliche Tatobjekte der Sachbeschädigung (§ 303 StGB) sind fremde Sachen. Darunter fallen alle körperlichen Gegenstände, beweglich oder unbeweglich. Auch Tiere unterliegen dem strafrechtlichen Sachbegriff und stellen taugliche Tatobjekte dar. § 90a S. 1 BGB.

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