Archiv der Kategorie: Besuch in..

Doubs der Unschlüssige (22) Besançon-Dole Teil 2

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Seitenkanal des Doubs bei Rochefort-sur-Nenon und mein Velo steht zuhause

Von Besançon bis Dole mäandriert der Doubs in einer Vielzahl von Schleifen erst durch Verengungen, dann durch die immer breiter werdenden Niederungen des Doubstales. Teils vereinigt sich der Fluss mit dem Canal du Rhin-Rhone, dann trennt er sich wieder, schafft Platz für Schleusen oder um Schwellen zu umgehen. Bei Salans überquere ich die Brücke auf das linksseitige Ufer des Doubs bis Dole. Enge Landstrassen. Viel Landwirtschaft.  Wenige Weiler. Kleine Dörfer. Kaum Menschen. Schon gar keine Touristen.

Zweiter Besuch in Dole. Angenehm die vielen, freien Parkplätze am Wasser des Canal du Rhin et Rhone. Und das in der Ferienzeit Mitte August.

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Quartier au Prélot
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Unterirdischer Zugang zur Grande Fontaine

Erfrischung verheisst eine ungewöhnliche Pforte in das Quartier au Prélot (von: près de l’eau).

Vom Canal des Tanneurs führt ein unterirdischer Gang zu einem grossen Brunnenbecken (La Grande Fontaine) aus dem 18. Jahrhundert. Das Wasser einer am Hausberg Mont Roland versickerten Quelle tritt hier am Fusse der Stadt erneut ans Tageslicht, Licht, das durch eine Öffnung in der Rue du Prélot in die Tiefe dringt.

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Grande Fontaine: Waschbecken

Während der Belagerungen von Dole in den Jahren 1479 und 1636 durch den französischen König deckte der seit 1274 genutzte Brunnen den Wasserbedarf der Einwohner. In der Fortsetzung des unterirdischen Gangs gelangt man über eine Treppe in die Rue Pasteur 77 wieder ins Freie.

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Geburtshaus von Louis Pasteur, der in der Franche-Comté allgegenwärtig ist

In der Rue Pasteur liegt das Geburtshaus von Louis Pasteur, ein Forscher, dem die Menschheit so viel mehr als nur die pasteurisierte Milch zu verdanken hat: Begründer der Stereochemie; mit seinen Arbeiten über die Mechanismen der Gärung und der Entwicklung von Impfungen (Geflügelcholera, Pocken, Milzbrand, Tollwut) zeigte der geniale Pasteur das wirtschaftliche und medizinische Potenzial experimenteller Biologie auf.

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Vorbei an den mächtigen Mauerquadern der Bastion Saint-André, die zwischen 1540 und 1595 unter dem Habsburger Kaiser Karl V. errichtet wurde. Die einzige von 7 Bastionen, die nach der endgültigen Einverleibung durch Frankreich nach 1678 nicht abgerissen wurde. Auf der Bastion steht das Charité-Krankenhaus, zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet, das lange Jahre als öffentliche Fürsorgeeinrichtung diente und heute das Internat eines Gymnasiums beherbergt.

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Hôtel-Dieu
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Hôtel-Dieu, Innenhof

Gleich dahinter majestätisch das Hôtel-Dieu aus dem 17. Jahrhundert, das ehemalige Armenhospiz. Heute sind hier Kultureinrichtungen der Stadt untergebracht.

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Porte d’Arans

Im Südwesten der Altstadt steht das einzig verbliebene Stadttor, die Porte d’Arans, eingefasst von Resten des ehemaligen Walls (Courtine d‘ Arans).

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Hôtel Froissard
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Hôtel Froissard, eine schöne Doppeltreppe. Hinten der Gesindehof

Das Stadthaus Hôtel Froissard ist ein schönes Beispiel für die späte Renaissance, die in Dole Anfang des 17. Jahrhunderts aufblühte.

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Treige de la Tour de Chamblans. Mittelalterliche Gassen.

Altstadtgasse. Alles proper. Keine tags, kein Urin. Keine Schmierereien. Was ist hier anders und wieso?

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Blumen statt Fleisch

Der charmante Place aux Fleurs wurde im 19. Jahrhundert oberhalb der ehemaligen städtischen Fleischereien angelegt.

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Place aux fleurs

Inzwischen ist es 12 Uhr geworden.

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Sandwiches
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Patisserie

Das beste Restaurant von Dole steht in Arbois. Vor 2 Wochen beim letzten Besuch ass ich dort im Maison Jeunet. Heute will ich in Dole essen. Die köstlichen Sandwiches von Damien Benetot? Oder im Restaurant Grain de Sel, ein Name, der mich an die Gartenküche von Micha erinnert?? Oder im vom Gummireifenmännchen empfohlenen, japanischen Restaurant?? Das vegetarische Menu mit Gyo-za Ravioli und Friture de tofu? Doch lieber runter zum Grain de Sel: Das dortige Menu: Adlerfisch und Ente. Nicht bei 35°C. Nichts von Gartenküche. Also doch wieder rauf: Un voyage au japon sans prendre l’avion. Ich war noch nie japanisch essen. Ich probiers mal.

Hätte ich mich doch für Sandwiches entschlossen!

Das vegetarische Menu war eine Variation von 3 mal Sojabrühe:
einmal mit Flan de Shiitaké
einmal mit (in eine essbare Art von Cellophan eingewickelte?) Tofuwürfel und Salatgemüse
Gyo-za waren aus. Stattdessen Brühe mit Udonnudeln, Salatgemüse und Sprossen.
Das hätte ich zuhause auch hingekriegt.

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Udonnudeln, Salatgemüse, Sprossen, Brühe

Nur noch 12 km bis zur Sâone entlang dem Canal du Rhin et Rhone. Der Doubs kümmert sich nicht um die Abkürzung, nimmt sich Zeit, windet sich entlang der Sâone über weitere 60 km bis er sich dem stärkeren Strom übergibt. Zeit will auch ich mir nehmen, beim nächsten Tagesausflug werde ich dem Doubs bis zur Einmündung in Verdun-sur-le-Doubs folgen. Ein Blick Richtung Meer. Weiter geht es für mich derzeit nicht mehr.

 

Quellen:
Itinéraire Le chat perché

Doubs der Unschlüssige (21) Dole Teil 1

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Neun (9) Monate sind seit meiner letzten Reise an den Doubs vergangen. Eine Ewigkeit. ABEANT FURES MURES LEMURES  (Fort mit Dieben, Mäusen und Geistern)  lese ich über dem Eingang eines Hauses in der Altstadt von Dole. Ich würde den Satz gerne durch MORBUS erweitern, aber das reimt nicht. Umsomehr freue ich mich an einer neuen Etappe meiner Eintagesreisen entlang des Doubs. Bis zum Meer ist es noch weit. Aber die Saône liegt schon in Reichweite. Zeit hatte ich nur wenig eingeplant in Dole, was soll es hier schon zu sehen geben???, das Mittagessen war in Arbois bestellt. Umsomehr überraschte mich das hübsche, herausgeputzte Städtchen. Da muss ich nochmals hin. Besser vorbereitet.

Die im 11. Jahrhundert gegründete Stadt liegt über einer Schleife des Doubs an Verkehrswegen, die sich hier kreuzen. U.a. verläuft der Rhein-Rhone-Kanal parallel zum Doubs. In Dole kreuzen sich die französischen Autobahnen A 36 und A 39. Der Bahnhof liegt an den TGV-Eisenbahnstrecken Paris-Dijon–Frasne–Vallorbe-Lausanne sowie Dijon-Besançon–Belfort-Strassburg).

Historisches:

Die Grafen von Burgund und der deutsche Kaiser als Oberherr der Grafschaft gewährten Dole 1274 einen Freibrief, der ihr eine gewisse Autonomie garantierte.

1422 wurde Dole Hauptstadt und Parlamentssitz der Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) im Burgundischen Reichskreis. Im gleichen Jahr gründete Philipp III. der Gute von Burgund eine Universität, die zur wichtigsten Ausbildungsstätte für Zivil- und Kanonisches Recht in Westeuropa wurde.

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Das alte Spitalgebäude aus dem frühen 18. Jahrhundert beherbergt heute ein Lyzeum.

Zusammen mit dem Herzogtum Burgund, der Freigrafschaft Burgund und der Grafschaft Flandern, die er geerbt hatte, formte Philipp ein Territorium von Gebieten beiderseits der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Aus Hass gegen den Dauphin, den späteren französischen König Karl VII. (der den Vater Philipps umbringen liess), verbündete sich Philipp im Vertrag von Troyes vom 21. Mai 1420 mit Heinrich V. von England gegen Frankreich, um sich zu rächen. In seinen letzten Jahren überließ Philipp die Regierung ganz seinem ehrgeizigen Sohn und späteren Nachfolger, Karl dem Kühnen. Der installierte sich vollends als Oberhaupt eines von Frankreich unabhängigen Reiches, das er allerdings durch seine unbedachte Politik verspielte und das nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld 1477 wieder zwischen Frankreich und Habsburg aufgeteilt wurde.

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Idyllisch der Canal des Tanneurs. Heute gibt es dort keine Gerber mehr. Dafür hat es Restaurants am schmalen Ufer.
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Vom Canal des Tanneurs sind es nur wenige Schritte bis zum Geburtshaus des allgegenwärtigen Louis Pasteur.

1479 belagerten die Truppen Ludwigs XI. die Stadt Dole, die dem französischen König heroischen Widerstand leisteten. Dole wurde erobert und abgefackelt. Wütend über ihren Widerstand verbot Ludwig XI. den Dolois den Wiederaufbau ihrer Häuser Das erklärt das Fehlen von Gebäuden aus dieser Zeitepoche. Letztlich musste die Stadt 1493 von den Franzosen nach dem Vertragschluss von Senlis an die Habsburger zurückgegeben werden.

1636 probierten die Franzosen ein zweites Mal, jedoch erfolglos, die Stadt zu unterwerfen, diesmal unter Leitung von Kardinal Richelieu himself. Wiederum leisteten die Einwohner während der 80 Tage dauernden Belagerung erbitterten Widerstand, so dass von den ursprünglich 4500 Einwohnern nur noch 662 das Ende der Belagerung erlebten.

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Die Schäden der diversen, französischen Belagerungen sind den Fassaden heute noch abzulesen 😉
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Maison des Orphelins (Waisenhaus) Erbaut zu Beginn 18. Jahrhundert. Bis vor wenigen Jahren noch durch eine Stiftung unterhalten. Das Gebäude steht auf den Fundamenten der alten Stadtmauer.
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Hotel de Champagney, dit Palais Granvelle. Hoch über dem Ufer die spätgotische Collegiale Notre Dame aus dem Jahre 1571.
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Nahe der Collegiale eine Hauswand, mit schönsten trompe l’oeil Graffiti verziert. Links oben guckt Louis Pasteur heraus. Im Dachfenster „Die grüne Stute“, ein Werk des Schriftstellers Marcel. Aymé. Auf dem Balkon: andere lokale Grössen verschiedener Epochen.

1668 belagerte Ludwig XIV. die Stadt erneut und eroberte sie, musste sie im Frieden von Aachen aber wieder an die Habsburger abtreten. Erst im Holländischen Krieg 1674 wurde sie endgültig von Frankreich eingenommen. Die Rache liess nicht auf sich warten: 1676 verlegten die neuen Herrscher das Parlament der Freigrafschaft in das nun zur Hauptstadt erhobene Besançon. Wenige Jahre danach wurden im Frieden von Nimwegen (1678/79) die Freigrafschaft sowie die freie Reichsstadt Besançon endgültig vom Heiligen Römischen Reich abgetrennt und an Frankreich abgetreten. Später wurde die Universität von Dole nach Besançon verlegt, die Münzwerkstätte geschlossen und die Befestigungsanlagen unter der Leitung von Festungsbaumeister Vauban geschleift. Durch den Bedeutungsverlust wanderten die reichen Patrizierfamilien nach Besançon ab. Dole musste sich mit dem Status einer Kleinstadt mit heute gut 25000 Einwohnern abfinden.

Kleinstadt? Dole hat in ihren Mauern eine Markthalle, freitags leider geschlossen, Confiseure und Metzger, die ich mir in Basel wünschen möchte.
Mehr darüber nach dem nächsten Besuch. Zunächst weiter nach Arbois durch die weite Landschaft der Franche-Comté.

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Quellen:
wiki: Dole
wiki: Philipp III. Burgund
wiki: Liste des monuments historiques de Dole

Basel Tattoo 2019 Parade

Wenn ich schon nicht mehr an den Doubs komme, so muss die Stadt am Rhein herhalten. Wieder einmal ein paar völlig subjektive Eindrücke vor und von der Tattoo Parade. Headerbild: Hellenic Navy Band. Posieren fürs Erinnerungsfoto.

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was tun die Dancers of the Water Supply and Drainage Company of Shijizhuang, China, hier?

Rätsels Lösung: Was auf der einen Seite in die Kannelüren des Türbogens hinein geflüstert wird, wandert auf die andere Seite und wer dort gegenüber steht, versteht Wort für Wort.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Familienleben im Schatten der Kastanienbäume neben dem Münster.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Mineralwasser als Haarfestiger.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Hutablage für St. Georgener Schäppel mit unbeabsichtigter Werbung für das braune Gesöff.

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Markgräfler Trachtengruppe Weil a. Rhein

Die Damen tragen Hörnerchappe mit Fürtuech, die Herren Gehrock, Zylinder oder Hut.

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The Wind Band of the Water Supply and Drainage Company of Shijizhuang, China

Wenn ordensbehangene Chinesen sich in einen historischen US-Sanitätsjeep setzen.

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Kriegsführung mit lackierten Fingernägeln

Bis zum Haarnetz perfekt gestylt.

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Dudelsackbläser der Cape Town Highlanders

In der Parade wie jedesmal: viel Dudelsack

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Der arme Fuchs weiss abends, was es geschlagen hat

Trommeln, Pauken und

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Kavalleriebereitermusik Bern

Trompeten und andere Hörner, ja sogar Schalmeien.

Doubs der Unschlüssige (20) Besançon Teil 2

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Kapelle des Hôpital Saint-Jacques. Das Spital wurde ursprünglich für Pilger auf dem Jakobsweg erbaut. Im Titelbild der Ehrenhof desselben Spitals aus dem 17. Jhdt. Im Altbau residiert heute die Spitalverwaltung des Unispitals.

Und weiter gehts mit Geschichte: 1674, nach einem 6 Jahre zuvor durchgeführten Handstreich, marschierte die Armee des Fürsten von Condé mit 20’000 Mann endgültig in Besançon ein.
Besançon wurde in der Folge zur Hauptstadt der Franche-Comté erhoben. Schritt für Schritt wurden zahlreiche Behörden wie die Militärregierung, die Wirtschaftsverwaltung, das Parlament oder die Universität in Besançon angesiedelt. Der am 10. August 1678 unterschriebene Vertrag von Nimwegen gliederte die Stadt und ihr Umland endgültig an Frankreich an.

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Seitenflügel des Palais de Justice: Behörden schwören auf Trikoloren.

Ludwig XIV. entschied sich, Besançon zu einem Bollwerk seiner Ostverteidigung auszubauen und beauftragte Vauban mit den Planungs- und Bauarbeiten. Die Zitadelle wurde zwischen 1674 und 1688 komplett umgebaut, 1689–1695 folgten weitere Befestigungen und ab 1680 wurden zahlreiche Kasernen errichtet. Die großenteils erhalten gebliebenen Anlagen sind heute als Teil des Weltkulturerbes der UNESCO registriert.

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Blick von der Zitadelle auf die darunter liegende Altstadt
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Zitadelle: Ziehbrunnen mit Hamsterrad für Menschen, ursprünglich 130 m tief
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Tour de la Pelote
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Tour bastionné de Chamars
École d'Artillerie
École d’Artillerie: wo man die Kunst lernt, die Flugbahn von Kanonenkugeln zielgenau zu berechnen. Heute mittels Handy.
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Le Petit Hôtel Chassignet. ein Hôtel particulier (Patrizierhaus)  aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert erlebte die Franche-Comté eine Periode des Wohlstands. Die Bevölkerung von Besançons wuchs von 14’000 auf 32’000 Einwohner und prachtvolle Gebäude entstanden.

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Hauszeile entlang des Quai Vauban am Doubs
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Die Grand Rue, dort, wo weder H&M, Zara noch Benetton hinwollen
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Fontaine des Clarisses
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Fassade des Palais Granvelle
Université de Besançcon
Gebäude der Université de Franche-Comté Besançon
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Malerische Seitengassen

Nach der Französischen Revolution verlor Besançon seinen Status als Sitz des Erzbischofs und als Hauptstadt und blieb nur noch Hauptort eines Departements. Erst die Ansiedlung einer Gruppe emigrierter Schweizer Uhrmacher brachte durch die Gründung von Uhrenmanufakturen neuen Aufschwung in die Stadt.

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Erholung mitten in der Altstadt im Parc Granvelle

Ende des 19. Jahrhunderts stammten 90% der in Frankreich hergestellten Uhren aus Besancon. Die Erfindung und Herstellung von Kunstseide brachte der Stadt neue Arbeitsplätze. Nach der Ölkrise 1973 war Schluss damit. Die grösste Uhrenfabrik und die Rhodiaceta mussten schliessen. Heute sind es vor allem die Dienstleistungsökonomie, die Mikrotechnologie, die Präzisionsmechanik und die Nanotechnologie, auf die sich die Wirtschaft der Region stützt.

Quelle:
wiki Besançon

Doubs der Unschlüssige (19): Besançon Teil 1

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Zitadelle und Vauban-Bastionen am Ufer des Doubs

Nein, auf meinen Reisen entlang des Doubs bin ich immer noch nicht am Meer angelangt. Zum Ende der Reisesaison gönnte ich mir den Besuch der Stadt Bisanz. Mit dem Auto. In einer Tagesreise hin/zurück gerade noch zu bewältigen. Mit rund 120’000 Einwohnern die grösste Stadt am Doubs. Und zugleich die Schönste.
Die Altstadt ist in einer grossen Schleife des Doubs gelegen und wird von einer Zitadelle und viel Mauerwerk des französischen Festungsbaumeisters Vauban geschützt. Sie war aber schon vor Römerzeiten besiedelt.
Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde das Territorium zwischen Rhone, Saône, dem Jura und den Vogesen vom Keltenstamm der Sequaner beherrscht. Die Siedlung war von einem Wall (murus gallicus) eingeschlossen. Das auf Latein Vesontio genannte Oppidum war Hauptort und wirtschaftliches Zentrum der Sequaner. Es wurde zunächst durch die Sueben (einer Stammesgruppe von Germanen), später durch die Haeduer (gallische Kelten), schliesslich im Jahr 58 v. Chr. durch die Römer erobert. Letzteres durch Julius Caesar.

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Reste eines antiken Theaters

Vesontio wurde Militärstützpunkt und -an der via francigena gelegen- Handelsknoten des römischen Galliens; es erlebte eine Blütephase. Kurz nach dem Fall des Römischen Reichs wurden die gallischen Völker unter dem Merowingerkönig Chlodwig I. vereint. Bis 879 war Vesontio Teil des Westfrankenreichs.

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Porte noire: Triumphbogen zu Ehren von Marc Aurel, Symbol der Unterwerfung und Loyalität der Sequanen
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Detail der Porta nigra: Steinewerfer und sequanische Schönheit (insta-konform fotografiert)

Durch die noch weitgehend intakten Vauban-Bastionen verfügt die Stadt über viele Parks und Grünflächen und wurde daher mit der Auszeichnung „Grünste Stadt Frankreichs“ geehrt.

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La belle au bois dormant (im Parc Chamars)

Im 9. Jahrhundert fiel die Stadt an die Grafen von Burgund. Gleichzeitig wurde Besançon ein unabhängiges Erzbistum und Bischofssitz. Im 11. Jahrhundert wurde Besançon und die gesamte Grafschaft Burgund ein Teil des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Während des gesamten Mittelalters war Besançon eine Freistadt, direkt der kaiserlichen Herrschaft unterstellt und unabhängig von der Grafschaft Burgund. Die Freigrafen von Burgund, die die Herrschaft über die Franche-Comté erlangt hatten, wurden zur Schutzmacht für die Stadt, die in dieser Periode zu Wohlstand kam.

Nach dem Tod von Karl dem Kühnen wurde Besançon von Ludwig XI. mit Privilegien begünstigt, um sich die Stadt für Frankreich gewogen zu halten.

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Blick auf die Grand Rue mit den üblichen Modeläden.

Mit Beginn der Renaissance fiel die Franche-Comté wieder an das Deutsche Reich. Kaiser Karl V. befestigte Besançon und machte aus der Stadt ein Bollwerk für sein Reich. Ein Comtois, Nicolas Perrenot de Granvelle, wurde 1519 Reichskanzler und Justizminister. Die Region profitierte vom Wohlwollen Karls V., Besançon wuchs zur fünftgrößten Stadt des Reichs und erhielt einige Baudenkmäler wie das Palais Granvelle oder das Rathaus.

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Palais Granvelle, 1534-1547 erbaut
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Bürgerhaus. Hinterhof mit Aussentreppe und Schmal- bzw. Schmalstspurbahngleis ohne Anschluss.

Während das 16. Jahrhundert von Prosperität geprägt war, wurde das 17. Jahrhundert eine Periode der Kriege, Hungersnöte und Pestilenz.

Nach soviel altem Graffelwerk und Nöten ein Hupf in die Neuzeit. Den Rest der Stadtgeschichte streife ich in Teil 2.

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Besançon: Pont Battant, die Sainte Madeleine und die türkisfarbenen Trams (CAF Urbos)

Sind wir schon auf der Battantbrücke, sind es nur ein paar Schritte ins lebhaftere Battant Quartier.

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Épicerie orientale in der Rue Battant, das Reich des Toufik Abdelli.
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Bric à Brac: Gegenstände des täglichen Bedarfs, Plüschbären, gelbe Kunstrosen, Vasen für unter oder über die Blumen, edles Kristall aus Glas oder Plastik.

Zurück in der Altstadt links des Doubs lockt Dienstag und Freitag Morgen der offene Markt auf der place de la révolution.

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Neben dem offenen Markt gibts gleich nebenan noch eine moderne, gedeckte Markthalle, der Marché couvert des Beaux Arts. Dienstag bis Samstag, tagsüber und Sonntagmorgen geöffnet.

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Wie traurig sich dagegen der Basler Markt ausnimmt! Auf der Suche nach einer Essgelegenheit wäre ich beinahe im Café des félins (Katzencafé) gelandet, konnte mich aber nicht zwischen Gavroche, Fantine und Marius als Essensbegleiter/innen entscheiden.

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Schliesslich entschied ich mich für das Le Saint Cerf, Holztische, einfach, gut. Grosse Sterneküche findet man in Besançon eh nicht.

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Le Saint Cerf: Pastinakensuppe, Speck, Sesam

Quellen:
wiki Besançon

Berlin in drei Wanderungen: Tag Drei

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Glück muss der Mensch haben. In einem extrem trockenen Sommer beginnt es heute morgen zu regnen. Kein richtiger Regen, keine Pfützen, einfach nur ein wenig nass. Nachdem ich Friedrich Wilhelm, den mannhaften Don Quijote, in seinem Kampf mit den Windmühlen meiner vollen Unterstützung versichert hatte, wandere ich der Georgenstrasse und S-Bahn entlang Richtung Gendarmenplatz. Unterwegs finden sich wie fast überall Kleinode der Kunst.

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Um viele Ecken herum stehe ich endlich auf dem Gendarmenplatz. Ein schöner Platz. Menschenleer beim leichten Niesel. Unter dem Schirm macht die Belichtungsautomatik des Handy was sie will. Und weil sie hell will, kriegen wir hell. Auch hübsch.

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All die berühmten Baudenkmäler scheinen aus schweren Steinquadern erbaut, „eine feste Burg…“. Doch wer genauer hinschaut, erinnert sich an den Pudel in Goethes Faust.

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Von dort mit der U6 und U3 nochmals zur Schlesischen Brücke. Zu gerne hätte ich dort ein Pfützenbild aufgenommen. Damit ist nichts, doch Speedy Gonzales bessert meine Laune gleich wieder auf. ¡Arriba! ¡Ándale! 

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Zurück zum Kottbusser Tor. Von dort zu Fuss zum Engelbecken, dem einzig verbliebenen Teilstück des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals, der ab 1852 die Spree mit dem Landwehrkanal verband. 1926 wurde der Kanal bis auf das Engelbecken zugeschüttet und in eine Gartenanlage umgestaltet. Berliner Rosen. Schubkarrenweise.

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Hier könnte man bis zum Landwehrkanal durchwandern. Beim Oranierplatz breche ich ab.

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Treffe mich zu Mittag mit der Berliner Fotografin und Bloggerin Creezy vom Blog holy fruit salad, die seit Januar 2006 im web aktiv ist und mich am Nachmittag durch ihr Kreuzberg in die Markthalle IX führen will.

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Spider Man mit Muschelkalk.

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Die Markthalle IX, zentral gelegen, ist mit bekannten Delikatessläden besetzt, in denen nicht nur verkauft, sondern auch produziert wird, z.B. wird bei Bäcker Sironi Teig geknetet und gebacken, Kumpel&Keule füllt Würste, Mani in Pasta füllt Ravioli, Heidenpeter braut Bier. Und meinen Lieblings Comté gibt es bei Alte Milch zu kaufen.

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Wandern gibt Durst, im Restaurant der Markthalle schmeckt das von einem Berliner Stammgast gestiftete Pale Ale vorzüglich. Danke nochmals!

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Schon 3 Tage in Berlin und noch kein Mitbringsel für Frau L. gefunden. Die gastfreundliche Creezy führt mich mit der U3 noch ins KaDeWe, wo ich sofort fündig werde. Anschliessend teilen wir uns in der edlen Fressabteilung noch eine Portion Pommes mit Beilage.

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Unerwartet bietet sich im KaDeWe doch noch eine Frontalansicht auf das gestern nicht fotografierbare Brandenburgertor, zwar in Marzipan, doch ohne schwarze Brandflecken der Bombardierungen.

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Wider meine Absicht kriege ich noch die Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche und andere hohe Häuser zu Gesicht. Imposant, aber nicht mein Quartier.

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Am andern Morgen Bündel packen, an der Schönhauser Allee einen letzten Cappuccino trinken.

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Rollkoffer in U- und S-Bahn und Flugzeug zwängen. Schade. Mir und meinem Koffer hats gefallen. Wir kommen wieder!

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Berlin in drei Wanderungen: Tag Zwei

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Langer Tag heisst früh aufstehen. Früh aufstehen bedeutet lange Schatten. Hier in den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie.

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An dem 1894 bis 1905 erbauten Berliner Dom, der das preussische Verständnis von italienischer Hochrenaissance, Barock und wilhelminischer Repräsentation in sich vereinigt, kann selbst ich nicht vorbeilaufen. Nur die Hohenzollern lasse ich in ihrer Gruft weiterschlafen. Denn der Himmel verheisst einen knall-sonnigen Tag.

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Mit der S3 zum Bellevue. Vorbei am pickelhaubenbewehrten Titanen des deutschen Volkes.

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Und da steht sie, die Goldelse, mein geliebtes Goldstück.  Die Aussicht von dort oben hängt bei mir in der Stube. Um dieselbe Aussicht mit Sonne im Rücken zu haben, hätte ich jedoch am Nachmittag hier sein müssen. Nun weiss ich es.

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Mit der U9 Richtung Moabit. Doch rechts der Spree ist die Sonne plötzlich weg. Die Moabiter Markthalle (Arminiushalle, Halle 10)  in fahlem, novembrig anmutenden Septemberlicht.

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Um zehn Uhr morgens, eh eine Unzeit, das hätte ich von der Basler Markthalle wissen müssen, ist in gastronomisch dominierten Hallen noch nicht viel los. 2 Stammgäste, die ihr Bier beim Brutzel-Werner trinken. Eine wunderschöne Halle mit filigranem Stahlskelett.

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Weiter mit U9 und Bus M45 nach Charlottenburg. Irgendwo hatte ich es gelesen und doch nicht wahrhaben wollen: der Park erstreckt sich auf 53ha. Den abzulaufen kann ich mir heute nicht antun. Ein Blick auf Schwert und Schild und Schloss und Busfahrplan muss genügen.

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Mit den Bussen M45, zu Fuss und M19 bis Yorckstrasse. Irgendwo dazwischen verliere ich Internetverbindung und Orientierung an meinem Handy und laufe eine Stunde lang im Kreis herum. Doch das Lützowufer des Landwehrkanals ist ja auch ganz nett.

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In der Yorckstrasse erwarten mich erst bunte Wohnbauten, deren Balkone verraten, wer Fernsehen in Bunt sieht.

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Dann die baufälligen, stützungsbedürftigen Yorckbrücken der S-Bahn. Die Strasse wird heute noch von insgesamt 33 Blechträgerbrücken, von denen 24 aber nicht mehr benutzt werden, überquert. Die alten, gusseisernen Stützen stammen noch aus den 90-er Jahren des vorletzten Jahrhunderts.

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Sowie neuzeitliche Fresken, siehe den Totentanz im Headerbild, Danse Macabre, auf Klinker der Unterführung gemalt. Auch an andern Bauwerken muss gestützt werden, wie hier das Portal durch Karyatiden.

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Läden des täglichen Bedarfs, wie etwa Schimala mit Möbeln,  Kleidern, Trödel und Gebrauchtwaren sind soviel sympathischer als gesichtslose Malls.

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Endlich ist mein Tagesziel an der Katzbachstrasse erreicht: das erste Haus am Platz für Linoleumböden. Falls ich mal welche benötigen würde. Hier gefällt es mir wieder besser als im Charlottenburg der erlauchten, hohen und höchsten Majestäten. Und ist zudem frei von Touristen. Ausser mir.

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Im modernen Laden der Bio Company nehme ich einen kleinen Imbiss. Den Appetit spare ich mir auf den Abend.

Mit der S2 zum Anhalter Bahnhof. Ziemlich kaputt hier alles. „…doch neues Leben blüht aus den Ruinen“. Ein Schweizer kennt seinen Wilhelm Tell.

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Und wieder mit der S2 zum Pariser Platz. Erst zum Holocaust-Denkmal. Grau & Sperrig. Vor allem sperrig.

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Dann zum Brandenburgertor. Pferdefuhrwerke und Touristen versperren mir die Sicht.

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Die bescheidenere Schmalseite ist mir ohnehin lieber. Da menschlicher.

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Von hier aus führt mich die Prachtsstrasse Unter den Linden erst zum Bebelplatz, danach die Friedrichsstrasse via Checkpoint Charlie runter zum Abendessen im  Nobelhart& Schmutzig.

Unter den insgesamt 10 Gängen sind 5 Gänge, die ich mir merken konnte und die ich im Kleinen bei Gelegenheit mal nachzukochen versuche:

Lauch / Sauerampfer
Müritzer Saibling / Haselnuss
Schmorgurke /Meerrettich
Zwiebel /Tomate
Kartoffel / Apfel (erledigt, siehe Blog)

Berlin in drei Wanderungen: Tag Eins

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Ein lange gehegter Wunsch hat sich mir erfüllt: Berlin in 3 Tageswanderungen. Mehr war nicht möglich. Frau L. durch die Spitex versorgt, ich sorgenfrei unterwegs. Meine paar Dutzend Instagram- und facebook-Follower haben einige der Bilder schon gesehen. Die drei Tage habe ich für meinen Blog und zu meiner Erinnerung aufgearbeitet, durch weitere Bilder und Text ergänzt, so wie ich mich durch Berlin habe treiben lassen: ein paar Fixpunkte, sonst weitgehend ungeplant, chaotisch, assoziativ. Alles Handybilder aus der Hüfte. Eine nüchterne Aufzeichnung, kein Reiseführer. Wenn sich jemand diese Diaschau antun will, bitte. Namensnennungen sind unbezahlt, unverlinkt und keine versteckte Werbung.

Noch mit dem gelben Rollkoffer an der Hand stolpere ich an der Schönhauser Allee (nicht ganz zufällig) über schöne Graffiti.

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Und über Kaffeesäcke: Zufallsentdeckung. Perfekter Cappuccino in der Kaffeerösterei The Barn, Coffee Roasters.

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An der Saarbrückerstrasse erfreuen mich in Stein gehauene Apostrophe:
„Einer acht’s;
der andre betracht’s;
der dritte verlacht’s;
was macht’s?“

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Koffer im Hotel Ackselhaus an schönster, ruhiger Lage am Prenzlauerberg deponiert, veganes Mittagessen im Hermann’s am Rosenthaler Platz (Prenzlau verpflichtet) und gemächlich stadtwärts gebummelt: an einem Backsteinpalast in der Auguststrasse vorbei, mit Bauklötzchen wie aus dem Anker Baukasten 1905-06 erbaut.

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Vor dem Sophieneck winkt mir der Fernsehturm ein erstes Mal verschämt zu:

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Die Hauseingänge führen manchenorts in Hinterhöfe. Schön gepflegte, bunt bemalte oder versprayte, vergammelte: hier lässt sich leben.

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Neben den Hackeschen Höfen das Haus Schwarzenberg, ein Ort, der seinen authentischen Charakter neben Kommerz und Kitsch bewahrt hat. Ein sich immer wieder erneuerndes Eldorado der graffitikunst.

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Irgendwie über den ausufernden Alexanderplatz -den ich aus Döblins Roman anders in Erinnerung hatte- in Richtung Amtsgericht Mitte.

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An den Weltkriegsruinen der Franziskaner Klosterkirche vorbei, wo heute anstelle klösterlicher Meditation weltliche Siesta gepflegt wird.

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Imposant das Amtsgericht Mitte, 1896-1904 erbaut: treppauf und treppab als Symbol für deutsche Rechtssprechung, in Jugendstil und wilhelminischem Barock.

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Mit der U2 unter der Spree durch zum Märkischen Ufer, schon die Haltestelle ist den Besuch wert:

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Wären hier am Spreekanal nicht die strengen Formen des preussischen Baustils zu sehen, man könnte sich in Venedig wähnen.

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Und immer wieder dieser Turm, hier mit Velo und Löschwassereinspeisung.

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Doch, ich bin in Berlin angekommen. Hier der Beweis.

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Wieder mit der U2 zur Stadtmitte, zu Fuss an den Gendarmenmarkt. Theatralischer Platz mit klassizistischer Imponierarchitektur. Hier der französische Dom. Der Löwe mit geflügeltem Reiter ziert das Konzerthaus.

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Vor der Humboldt-Universität verscherbeln die Gelehrten Helmoltz&Humboldt philosophische und triviale Bücher. Meist triviale.

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An der Neuen Wache vorbei zum Theaterverein: Bei so vielen Baudenkmälern ist Effizienz gefragt, Theatervereinshaus, Berliner Dom, Deutsches Historisches Museum und Fernsehturm, alles in einem Bild vereint, was will man mehr?

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Noch näher ran:

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So nahe der Museumsinsel laufe ich gleich drum herum: das Bode-Museum, gespiegelt im neuen Annex des Pergamonmuseums.

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Am Bode Museum gerade zur richtigen Tageszeit.

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Die anmutigen Spreetöchter hinter dem Bode Museum laden zum Ausruhen ein.

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Die U8 bringt mich vom Alexander zum Kottbusser Tor, die U3 ans Schlesinger Tor, die Haltestelle mit der berühmten Kurve.

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In Fussweite zur Oberbaumbrücke. Die muss ich einfach gesehen haben. Die Museen können warten bis zum nächsten Besuch.

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Vom Bahnhof Warschauerstrasse mit der S-Bahn wieder an den Alexander. Nach Hause auf den Prenzlauerberg. Man beachte die Steigung. Nach Hause? Nach Hause!

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Doubs der Unschlüssige (18): Les Brenets bis Biaufond

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Königsetappe. Weil schön & lang. Weil Längste & Schönste. Weil schattig & kühl. Wichtig bei der herrschenden Hitze. Deshalb habe ich sie mir zum Schluss aufgespart.

Mäxle darf am Lac des Brenets im Schatten warten. Um 10 Uhr fährt das Schiff bis zum Ende des Sees. Die Fjorde des Lac des Brenets (siehe auch hier) wirken vom Schiff aus am schönsten. Deshalb dürfen die Füsse noch etwas schifflifahren und ich hänge am Schluss noch die Strecke von Maison Monsieur bis Biaufond an.

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Der ca. 27 Meter hohe Wasserfall Saut du Doubs ist Folge eines Bergsturzes vor etwa 14’000 Jahren, der an dieser Stelle das enge, tief eingeschnittene Doubstal auffüllte und den Lac des Brenets staute.

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Nach dem Anblick des Wasserfalls rettet sich die Mehrzahl der Schiffsgäste zurück in die Wirtschaft am Ende des Sees, um sich wieder einzuschiffen. Mit mir waren es nur 3 Personen, die an diesem heissen Tag die Wanderung in der schattigen Schlucht Richtung Maison Monsieur fortsetzten.

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Kurz nach dem Wasserfall öffnet sich das Tal zum Stausee des Lac de Moron hin. Schöner, leicht coupierter Wanderweg unterhalb von Felsbändern, teilweise durch kurze Galerien, fast immer mit Sicht auf den See.

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Um den See heuer noch zu füllen, müsste es wieder einmal ein paar Wochen regnen, lieber Petrus! Am Ende des Sees: die Barrage du Chatelôt, 1951-53 als schweizerisch-französisches Gemeinschaftswerk erbaut.

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Durch vom Kraftwerk angelegte Tunnel und Galerien gelangt man auf die Unterseite der 74 m hohen Staumauer.

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Und schon sind wir in „unberührter“ Natur. Allein mit dem Restwasser, das die Kraftwerke gnädigerweise dem Fluss belassen. Das im Stausee von Moron gefasste Wasser wird durch eine Druckleitung zu der vier Kilometer flussabwärts liegenden Elektrizitätszentrale geführt und dort wieder in den Fluss geführt. Immerhin wird dem Doubs seit 2005 etwa 8 mal mehr Restwasser als früher belassen. Die am Fuss der Mauer eingebaute, kleine Turbine kompensiert den Verlust beim Nutzgrad teilweise.

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Die Ausbreitung des Protestantismus auf Neuenburger Boden (1530-1536) führte zu einer Spaltung zwischen Neuenburg und der Franche-Comté. Doch vermochte sie die nachbarlichen Beziehungen nicht zu behindern. Bis ins 20. Jahrhundert deckten sich viele Franzosen unter Umgehung von Zoll- und Steuerabgaben in Schweizer Geschäften ein, die an entlegenen Stellen eingerichtet waren. Selbst Hochwasser des Doubs war kein Hindernis. Die Waren wurden an Seilen über Flussengen gehievt. So entstand auch der einsam gelegene Halte du Chatelôt, der heute noch zeitweise bewirtet wird. Anstelle von Schmugglern sind es heute Wanderer, die hier einkehren. Hier wird mit Doubswasser gewaschen. Pasta wäre gemäss Speisekarte zu haben.

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Die Wanderung folgt nun auf weiten Strecken in tiefer Schlucht, am Fuss von teilweise spektakulär überhängenden Felsbändern. Schaurig schön. An ehemalige, zerfallene oder verschwundene Mühlen, Glashütten und andere Industrieanlagen erinnern Schautafeln des Kraftwerks.

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Gegenüber das französische Ufer, steil, meist weglos.

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Zyklopische Felsenformation.

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Schattig und feucht: Im Reich der Moose. Moos überwuchert alles. Totholz. Lebendes Holz. Nur schnell raus hier, bevor mich eine Schicht Moos überwuchert.

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Doch langsam öffnet sich das Tal. Nach Umgehung der Centrale du Torret, dem Elektrizitätswerk von Le Chatelôt, das den ganzen Uferbereich für sich und eine steile Standseilbahn beansprucht -hieher führt keine Strasse-, zieht sich der Wanderweg weiter entlang des wieder breiteren Doubs bis zum kleinen Weiler Maison Monsieur.

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Früher gab es kaum Brücken über den Doubs. Zwischen Morteau und Goumois kein einzige. Waren und Reisende, die von der Grafschaft Neuenburg nach Morteau befördert werden mussten, wurden im Dorf Les Brenets auf Fähren übergesetzt. Dasselbe in Maison Monsieur für die Destination Mömpelgard. Seit 1592 lagen die Zoll und Fischereirechte bei den Herren von Neuenburg, die diese hier an einen Statthalter verpachteten, der als Fährmann, Fischer, Zöllner und Gastwirt amtete. Heute Restaurant, direkt am Ufer. Leider nur Feldschlösschen-Bier (die grösste Brauerei der Schweiz). Aber ich bin leidensfähig. Nach 5 Stunden Wanderung trinke ich alles.

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Gestärkt passiere ich den Pavillon des Sonneurs, Versammlungsort eines Freundeskreises radikaler Neuenburger Patrioten aus dem Jahre 1841. Unangefochten von den patriotischen Musen im Garten. Der Name „Sonneurs“ erinnert an die Glocke, mit der früher die Fähre gerufen wurde. Ich wechsle bei La Rasse auf die französische Seite, um die abends von Grenzgängern stark befahrene Strasse zu umgehen.

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Nach einer weitern Stunde ist die Brücke von Biaufond erreicht. Das Postauto tutet mich -Heimat wie bist du schön- mit Dreiklang im Tritonus nach La Chaux-des-Fonds. Schnell umsteigen in den supermodernen RER der französischen Staatsbahn. Bis Le Locle. Von dort mit dem Bus nach Les Brenets an den Ausgangspunkt zurück. Geschafft.

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Georges Wenger: Le cuisinier du Noirmont

Wenn ein Mentor und Altmeister der jurassischen Regionalküche (2 Michelinsterne) ein rein vegetarisches Menu auf die Speisekarte setzt, das Restaurant mitten im geliebten Jura steht und ich mit der Menu-affiche „ohne Fisch&Fleisch“ sogar Frau L. nach zweijähriger unfreiwilliger Restaurant-Abstinenz dazu brachte, die 15 Meter Distanz vom Auto samt 4 Treppenstufen mit Gehhilfe zu überwinden um mich als Mitesserin zu begleiten…. Ja, dann ist Sonntag an einem Donnerstag. Auch wenn wir ausser 2 geschäftlichen Lunchessern an diesem Mittag die einzigen Gäste waren und auch wenn Frau L. nach den Amuse gueules eigentlich schon satt war und mir danach ganze Tellerladungen zum fertig essen zuschob.

Über fremdgegessene Speisen berichte ich grundsätzlich nicht mehr; uninteressant für andere Leser. Die Ausnahme mache ich für mich, weil ich die eine oder andere Idee zuhause in vereinfachter Form nachkochen will. Der französische Text ist aus der Menukarte. Der deutsche Text sind meine Notizen.

Amuse-bouche: Raviole de caillé des Reussilles à la sauge, purée d’ortie mousseuse et croquants
Ravioli mit Quark aus Les Reussilles gefüllt, an Salbei. Brennessel-Püree und rote Linsen mit Biss. Der Quark ist leicht aromatisiert mit Salbei und sehr weich. Fritiertes Brennesselblatt.

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Amuse-bouche: Légumes aux agrumes et livèche, sorbet à l’olive.
Karotten und Stangensellerie-Gemüse, eingelegter Rhabarber mit in Zucker konfierten Zitronen auf Liebstöckelpüree. Dazu ein ungesüsstes Olivensorbet aus Olivenöl, Wasser, Salz und einem Bindemittel.

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Déclinaison de tomate aux saveurs estivales
Verschiedene Tomaten mit Sommer-Aromen: Auf einem rechteckigen Stück angeschmorter Ochsenherztomate 3 kleine Mini-tomätchen befestigt mit Avocadocreme, gefüllt mit Auberginenpüree und zwei Pilzpürees. Deko-Steinpilz fritiert. Auberginenpüree, Tomatensauce und Oregano.

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Farci de colrave aux chanterelles et quinoa, jus mousseux au serpolet
Offenes Raviolo, mit gehackten Pfifferlingen gefüllt, „Hülle“ aus Kohlrabischeiben.  Thymian-Schaum. Kohlrabi vorgegart und sehr dünn geschnitten. Bodenscheibe und sternförmig eingeschnittene Deckscheibe (Schöne Idee!). Quinoa mit winzigen, rohen Apfelstückchen. Borretschblüte und Red Chard als Deko.

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Aubergine laquée aux épices, suc de poivron confit à la framboise et tamarin
Gewürz-Aubergine. Scheiben lackiert mit einer Gewürzjus u.a. mit Vanille (Soja?) gewürzt und gegart. Champignonsköpfchen. Saft aus eingelegten Peperoni mit Himbeer und Tamarinde. Dekoriert mit eingelegten Peperoni-Streifen, Himbeeren, Salicorne und Grünzeug..

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und das Fleischgericht 😉
Haricot coco farci aux mousserons et pomme de terre fumée à l’estragon.
Coco-Bohnen zu einem Schiffchen aufgeschnitten, gefüllt mit Sommerpilzen, geräuchten Kartoffelscheiben, eigenwillig abgeschmecktes Kartoffelpüree, mit Estragon parfümierte Sauce. Dekoriert mit Estragonblättern.

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Fraises au chocolat gratinées aux pignons et à l’orange, glace aux bourgeons de sapin
Gratinierte Schokolade-Erdbeeren mit einem Meringue-häubchen mit Pinienkernen und Tannensprossen-Eis auf einer Scheibe Orange. Tannenförmiges Guetzli.

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Pêche de saturne aux cerises et amande fraîche, glace marasquin
Geschmorter Saturnie-Pfirsich mit einem aufgesetzten Ring aus gebackenem Mandel-Zuckerteig mit Kirschen und Eiweissgebäck und (echten) etwas zu bitteren Gänseblümchen, Maraschino-Eis und Kirschenschaum.

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Mignardises, chocolat et bonbon Damasson
Hausgemachtes Gebäck, Pralinen und der Wenger-Klassiker: das schnapsgefüllte Damasson-Bonbon.
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Das Menu kostete 160.- p.P.

Restaurant & Hôtel Georges Wenger
Rue de la Gare 2 – CH-2340 Le Noirmont

2 Michelinsterne. 18 GM.

Highlights, die ich von diesem Menu mitnehme und in vereinfachter Form zuhause selber zubereiten will:

  • die weiche Quark-Salbeifüllung der Ravioli,
  • das Liebstöckelpüree zu Gemüse,
  • das Pfifferling-gefüllte, offene Kohlrabiravioli,
  • die vanillige Auberginenscheibe und
  • die gefüllten Cocobohnen.

Und wer jetzt Lust auf Fleisch bekommen hat, sollte sich auf die Seite von Lucas Rosenblatt hinüberbemühen. Dort habe ich die Markt- und Menu-Bilder aus dem letzten 8plus8-Kurs hochgeladen. Als Rezept eine einfache Galantine vom Freilandhuhn mit Eierschwämmen.

Doubs der Unschlüssige (17) La Combe de Biaufond. Mutter aller Schluchten

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Das Hinweisschild ist nicht zu übersehen: „Nur für schwindelfreie Personen begehbar“.  Wer in die Schlucht absteigen will, muss Stege, Treppen, Brücken und nahezu senkrechte Felswände auf langen Leitern überwinden. Ein no-go für Höhenschwindler und Schwindelwanderer wie mich. Doch murkse ich nun schon soo lange an dieser Wanderung herum. Einmal muss es sein. Augen zu und niemals und nie in die Tiefe schauen. Und kein Wort über mein Vorhaben an Frau L.

Mäxle parke ich wiederum in La Goule, dem Endpunkt der Wanderung. Ein in Saignelégier angeheuertes Taxi  bringt mich wieder auf die Jurahöhen und an den Ausgangspunkt La Ferrière. Schliesslich stehen mir 5 Stunden Wandern bevor.

Von La Ferrière führen Forstwege etwa 200 Höhenmeter hinab mitten in die Combe de Valanvron, eine Schlucht, die hinter dem Friedhof von La Chaux-de-Fonds beginnt. Dunkler Wald, liebliche Lichtungen, gesäumt von mannshohem Kerbel, Mädesüss und Wildblumen. Umflattert von einem Schluchtengetümmel bunter Schmetterlinge. Stille. Einzig vernehmbarer Schluchtenlärm ist das Schluchzen, Zwitschern und Kreischen von Vögeln.

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Entwässert wird das Tal durch den Wildbach La Ronde, der aber in der warmen Jahreszeit kein Wasser führt. Am tiefsten Punkt weitet sich die Schlucht und findet in einem weitgehend verlandeten, braunen Tümpelsee mit dem sinnigen Namen Cul des Près  ihren Abschluss.

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Dann naht die Stunde der Wahrheit. Die ersten Leitersprossen sind noch harmlos.

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Und plötzlich steht man überrascht am Abgrund: halb so schlimm, entschärft durch zwei lange Treppenleitern aus brossiertem, edlem Chromstahl,  beinahe stöckelschuhgängig, solide Schweizer Wertarbeit mit ungezählten Treppentritten samt beidseitigem Geländer, immer wieder unterbrochen durch vertikale Leitertritte und kleine Podeste. Auf solchen Leitern würde ich sogar aufs Matterhorn klettern! Geht doch!

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Auch wenn sich der verwöhnte Wanderer bei den folgenden Leitern und Treppen wieder mit verzinktem Stahlblech, Steinstufen und zuletzt mit Holzbohlen bescheiden muss: mit Bedacht ist alles sicher und schwindelfrei zu bewandern.

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Feuchte Moosfetzen hängen von den Bäumen herab, modernde Baumstämme liegen kreuz und quer und erinnern an einen Tropenwald. So geht es an hoch aufragenden Felsen vorbei weiter abwärts.

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Unterwegs trifft man auf schauderliche Höhlen, die ich leise auf Zehenspitzen umgehe. Soll den schlafenden, siebenköpfigen Drachen töten wer will. Ohne dass dafür eine schöne Königstochter zu gewinnen wäre, rühre ich keinen Finger. Mein Schweizer Taschenmesser bleibt im Rucksack.

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Am tiefsten Punkt der steilen Schlucht gelangt man an den Seitenarm des Lac de Biaufond, einem Paradies für Wasservögel.

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Hier bin ich wieder am Doubs. Am Stausee entlang geht es erst über Felder dann über Forstwege wieder hoch hinauf. Alles im Wald. Weit unten hört man den Doubs rauschen. Hin und wieder sieht man ihn auch in der Tiefe glitzern. Langweilig. Ich hätte doch auf die französische Seite wechseln sollen. Dort verläuft der Weg meist näher am Ufer. Aber das lässt sich ja wiederholen.

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Nach weiteren 3 Stunden winkt endlich das einsame Gasthaus in La Bouège mit Wasser und Kaffee.

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Nun fehlt noch die Königsetappe mit 6 Stunden Marschzeit. Dann fühle ich mich fit für 3 Tage Wandern in Strassenschluchten: Mitte September in Berlin. Ick freu mir.

Doubs der Unschlüssige (16) Von La Goule nach Goumois und zurück

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Schattenwandern. Wandern im Schatten einer Schlucht. Eine kurze Etappe, deshalb laufe ich sie hin und zurück: einmal auf der Schweizerseite mit Morgenlicht auf der französischen Seite des Doubs. Zurück auf französischer Seite mit Nachmittagslicht auf Schweizer Seite. Details, die zu beachten sind, wenn man schattenwandern will.

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La Goule, ein winziger Weiler, ein verlassenes Zollhaus, eine kleine schmale Brücke auf die französische Seite, eine Barrage aus Beton die den Fluss zum See staut und ein Parkplatz. Den Mäxle lasse ich hier stehen.  Im unterhalb des Staudamms erstellten Kraftwerk wird seit 1894 Strom erzeugt und fernverteilt. Damit waren die Mühlen und Sägereien nicht mehr an die Ufer des Doubs gebunden. Sie konnten näher an Siedlungen und Transportwege angebunden werden.

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1356, während des Erdbebens zu Basel, brach in La Goule eine ganze Felswand weg, verschüttete und staute den Fluss zu einem See. Hat man einmal das unterhalb der Staumauer gelegene Elektrizitätswerk passiert, ist man mitten in der Natur. Die enge Schlucht bietet viel Schatten, hohe Luftfeuchtigkeit, moosbehangene Äste und Bäume, viel Farn und führt durch das Waldreservat von Theusseret. 1992 vom Kanton, der Gemeinde und von Pro Patria gestiftet, umfasst das Reservat heute 89 ha.

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Felsen und Seeli von Theusseret.

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Nach einer knappen Stunde erreicht man, zwischen Felsen gezwängt, das Restaurant Vieux Moulin du Theusseret. Davor der Wasserfall (siehe auch Headerbild), der durch ein altes Stauwehr gebildet wird, der Rest des ersten Kraftwerks, das 1892 am Doubs erbaut und 1972 durch die Bernischen Kraftwerke stillgelegt wurde. Doubs und Felsen bilden hier eine unglaublich malerische Szenerie. Das alte Gebäude der Mühle und Sägerei ist angelehnt an die Felsen der engen Schlucht. Heute steht der Mahlstein als Deko in der Gaststube. Zeit für die Mittagspause bei schönstem Sonnenschein auf der Terrasse: Einmal Forelle an Beurre Ciboulette trotz Proviant im Rucksack und ein Galopin als Stärkung.

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Weiter bis nach Goumois, über die Brücke nach Frankreich und wieder flussaufwärts zurück. Erst auf einem Fahrweg, der aber vor dem eben noch als malerisch gefeierten Felsklotz zu Ende ist. Auf Trampelpfaden und Felsstufen steil hoch. Immerhin darf man vom ungesicherten Felsen den gegenüber essenden Gästen auf die (Reklame)-Sonnenschirme gucken.

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Der Rückweg auf französischer Seite ist weiterhin nur bedingt Kinderwagengängig, meist auf Trampelpfaden über Stock, Stein und umgestürzte Bäume. Sogar eine Leiter ist zu überwinden.

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Jede Biegung des Tals lässt immer wieder neue Perspektiven entstehen. Das Wasser des Doubs strömt an einigen Stellen wild schäumend, an andern Stellen leise vorüber. Verharrt an flachen Stellen, um die Bäume sich im Wasser hoffärtig spiegeln zu lassen: Eine wundervolle Palette in schönsten Grüntönen. Noch viel schöner im Herbst nach einem trockenen Sommer.

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Kurz vor La Goule, mitten im Felststurzgebiet von Bief d’Étoz, neben einer Kapelle die Skulptur einer offenherzigen „Madonna mit Malerpalette“, Schutzpatronin und Fürsprecherin der bildenden Künste, die den Felssturz im Jahre 1356 weitgehend unbeschadet überstanden hat und heute noch dem müden Wandersmann den rechten Weg weist. Hach wie schön, mitten im Wald auf solch erhabene Kunstwerke zu treffen!

 

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