Erfrischung: das was viele im Sommer am Mittelmeer (vergeblich) zu finden hoffen, fanden wir in den Bergamasker Alpen: viel Frische, Regen und Sonne, keine Touristen. In normalen Jahren sind auch hier die Alpweiden im Juli gelb verbrannt, heuer war noch alles grün im Saft. Ideales Wanderwetter. Ausgangsort war das kleine Städtchen Serina auf 820 m Höhe im Val Serina, etwa 30 km nördlich von Bergamo entfernt. Weiter nördlich liegen die orobischen Alpen und das Veltlin. Die westlich gelegenen Nachbartäler sind bekannter, wie das Val Brembana mit dem Ort San Pellegrino Terme, bekannt durch sein Mineralwasser oder dem Val Taleggio, Heimat verschiedener Bergkäse.
Serina -mit der schönen Hopfenbuche im Vordergrund- ist vom Monte Zucchino (1206m) aufgenommen, den wir nach einem kräftigen Morgengewitter mittags doch noch erwandern konnten.

Serina ist der kleine Hauptort des abgeschiedenen Tales, ein kleines Bergdorf, rund 2000 EW, wenig Tourismus, Sommerfrische für hitzegeplagte Städter der Lombardei.

an der Rathausfassade eine verwitterte signierte Parole von Benito Mussolini (die notabene auch vom italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti stammen könnte).

Allüberall Hinweise, Denkmäler, Kunstdrucke oder dilettantisch kopierte Wandmalereien der aus Serina stammenden, im Bergdorf verehrten Malerdynastie der Negretti, detto Palma, Onkel und Neffe, Renaissance, venezianische Schule, Zeitgenossen von Tizian und Tintoretto. Die holzgerahmte Wandschönheit „Violante“ -mit dem Veilchen im Ausschnitt- ist jedoch, sorry, Tizian zugeschrieben und das Original in Wien zu besichtigen.

Doch was schweife ich ab zu Kunst und Geschichte, wo doch Blumenwandern das Thema ist: Blümeln und Fotografieren.

Kleine Telekie, Xerolekia speciosissima, in ihrem satten Gelb

Höher hinaus ging es in der dritten Wanderung: zur Bergflanke des Pizzo Arera, 2512 m. An diesem Wandertag kartierte einer unserer Reiseleiter, der Berner Botaniker Adrian Möhl, insgesamt über 200 verschiedene Arten. Zweites Highlight des Tages (für mich) war der morgendliche Kauf der Sandwiches im Dorfladen, Brot und Füllung nach Wahl, alles frisch zusammengestellt: im Dorf produzierter Stracchinokäse, so ganz anders als der bei uns käufliche, in Plastik verpackte Industriekäse, zartester Rohschinken, mit einer handbetriebenen Berkel dünn geschnitten.

Im Aufstieg u.a. erst Kugelginster und Bergkiefern

Schwärzliches Knabenkraut, Orchis ustulata

Alpen-Bergscharte, Stemmacantha rapontica

Sterndolden, Astrantia major

Rote Kugelorchis, Traunsteinera globosa

Aufsteigendes Läusekraut, Pedicularis ascendens

Narzissen-Windröschen, Anemone narcissiflora

In der Blumenschwemme kann das Alpen-Edelweiss, Leontopodium nivale leicht übersehen werden

Zottiges Habichtskraut, Hieracium villosum

Der „Sentiero dei Fiori“ ist ein schmaler Pfad entlang der Südflanke des Pizzo Arera, der dem Besucher im Frühling wie im Sommer einige endemische (teils seltene) Blumen bietet. Das hat auch damit zu tun, dass die Gletscher der Bernina und des Ortlers die Sperre der orobischen Alpen nie überwinden konnten. Durch die hier nur geringe Vereisung während der Kaltzeiten konnten viele Arten hier die höchsten Eisstände überdauern. Die tiefen Täler der Bergamasker Alpen sind nicht durch Gletscher, sondern fluvial entstanden.
Kahler Alpendost, Adenostyles alpina, noch nicht voll erblüht

Insubrischer Lauch, Allium insubricum, Blüte noch verschlossen

Bergamasker Leinkraut, Linaria tonzigii

Um die Grössenverhältnisse klarzustellen 😉

Insubrische Glockenblume, Campanula raineri

Es gibt kein schöneres Geschenk an uns selbst, als sich eine Auszeit zu nehmen, sich von der hektischen Routine zu lösen, um sich als Teil einer Welt zu fühlen, die es zu entdecken gilt. Entdecken bedeutet, eine respektvolle und neugierige Haltung gegenüber dem einzunehmen, was wir besuchen und was durch unseren Blick zu einer Erinnerung und damit zu einem Teil von uns wird.
Dass meine Auszeit länger dauerte, als gedacht, ist einer Unpässlichkeit meines Knochengestells zuzuschreiben.
Einfach nur zauberhaft, Berg- und Blumenwelt. Gute Wünsche dem Knochengestell! Herzlich, Sunni
Danke, die guten Wünsche hab ich weitergeleitet, wenn das Knochengestell nur nicht so schwerhörig wäre.
Ein wirklich schöner Beitrag! Chapeau & danke!
Italien inspiriert immer, wem sag ich das!
Hieracium
mit hieratischer Strenge das falsche t in Hieracium aufgedeckt. Danke!
Wie immer ein sehr schöner Beitrag: hervorragende Fotos, wunderbare Texte.
Und dennoch: ein bisschen vermisse ich die Rezepte von früher. Nie habe ich bessere – und schönere – Pasteten gebacken als mit dem Blog! Aber ich habe Verständnis: Alles hat seine Zeit.
„Alles hat seine Zeit“. Die Fleischzeit ist für uns vorbei. Aufwendiges Kochen auch. Dennoch freue ich mich auf den allerletzten, privaten Pastetenkurs bei Lucas Rosenblatt im kommenden Dezember.
Großartige Reportage über deine Reise…… mein nächstes Bergabenteuer im Spätsommer 2024 steht nunmehr fast……
Bergreisen sind für Talbewohner immer reizvoll, egal wo.
Sehr toll,gute Anregung
die Alpi orobie verfügen über ein gut ausgebautes Wanderwegnetz.
Eine derart wundervolle Reihe von Reiseberichten mit Fotos exquisiterster Art sind mir noch nie begegnet. Ein Hochgenuss sonergleichen, und für Appetit wird auch noch gesorgt. Châpeau!
Danke, seit 2 Jahren kann ich wieder reisen, das macht Freude.
Wunderschön, ich erfreue mich auf meinen Hunderunden auch immer sehr an den kleinsten Blümchen. Ich hoffe, das Knochengestell ist noch oder wieder heile!
großartig, so schöne Blümchen, und wie liebevoll fotografiert. Heute ist einfach ein toller Samstag, weil Herr L. uns wieder beschenkt hat. Und das dumme Knochengestell? Hoffentlich tut es wieder, was es soll.
Viele Grüße vom Bolsenasee.
es muss, was es soll, daran arbeite ich täglich 2mal eine halbe Stunde. Im Camper am Lago di Bolsena? Schön!
sooo schön! danke und gute besserung. 👋🏼❤️🐝👑🐶
Das Humpeln ändert sich langsam zum Phantomhumpeln.
Grossartig!! Danke. Ich mag Ihre Reiseberichte unheimlich gerne. Immer spannend, und man lernt was.
Danke auch, dann darf ich nächste Woche also beruhigt nach Wien reisen 🙂
Wunderschön, Dein Reisebericht! Das nenne ich mal „sophisticatet“ – oder einfach nur: anders als normal….
wir jedoch bevorzugen Städtetrips – allerdings auch schon seit einiger Zeit nur noch solche, die nicht so bekannt sind – im In-und Ausland – da kann man erstaunliche und wunderbare Entdeckungen machen…
ja, Deine schönen Rezepte fehlen mir auch ein wenig. Aber ich verstehe das. Auch wir haben beschlossen,: mehr einfach leben, einfach kochen.
Aber ab und an eins von Deinen raffinierten vegetarischen Gerichten wäre schon schön, und als Weihnachtsgeschenk für uns liebe Leser das Rezept von Lucas Rosenblatts Pastete wär natürlich das Ultra-Highlight ! Erpressung? …ist manchmal unumgänglich…
viele Grüße
Gila
Einzelne Pasteten von Lucas sind von mir längst verbloggt und somit abgehakt. Also lieber ein vegetarisches Gericht. Doch jetzt gehts erst mal ab nach Wien unter Umgehung der bekannten Sehenswürdigkeiten.