Erstbesteigung des Montebianco, 150 mm ü.M.


Montebianco: nicht der höchste, aber unbestritten der köstlichste Berg im italienisch-französisch-schweizerischen Alpengebiet. Bestehend aus spaghettiförmig gepresstem Marronipüree, verfeinert mit Kirsch. In der Schweiz unter dem Namen Vermicelles in jeder, wirklich jeder Konditorei, jedem Café zu haben. Und ich war noch nie auf diesem Berg. Auf Eingebung von Barbara habe ich mir die Bergschuhe angezogen, den Schneepickel unter den Arm geklemmt und bin losmarschiert. zur Wegbeschreibung

Vermicellespüree stellt in der Schweiz kaum mehr eine Konditorei selbst her. Entsprechend haben die Vermicelles in der ganzen Schweiz denselben langweiligen Einheitsgeschmack. Zum selbermachen kann man sich fertige Blöcke kaufen, Zucker inbegriffen. Rein in die käufliche Vermicelles-Presse und fertig. Nicht verwunderlich: auch zuhause der normierte Einheitsgeschmack.

Vermicelles bestehen nicht immer nur aus Kastanien, zuweilen sollen sich auch unappetitliche Keime darin tummeln. Ein Grund mehr, alles selber zu machen. Die Kastanien habe ich mir beim Marronibrater meines Vertrauens geholt: er briet mir eine ganz frische extra-Portion, nicht so stark wie üblich geröstet, ohne schwarzverbrannte Stellen, aber gut schälbar. Mein Rezept hab ich mir selbst zusammengeschustert: das Grundrezept halbwegs nach der Bäckereifachschule Richemont, ohne Milch, drum besser haltbar. Zusätzlich angereichert mit Lorbeer und Schokolade, einer Idee aus dem italienischen Blog meaculpa. Von dort habe ich auch die Namensgebung Monte Bianco geklaut.

Proviant
500g Kastanien mit Schale, frisch geröstet, geschält 400 g
2 dl Zuckersirup (2/3 Zucker, 1/3 Wasser)
10 g Vanillezucker selbst gemacht
50 ml Kirschwasser
40 g Butter weich
40 g dunkle Schokolade 75% Kakaoanteil
1 Msp. Salz
3 Lorbeerblätter

Schlagrahm

Ausgangsmaterial, gebraten, geschält Vermicelles-Masse am cuttern
Ausgangsmaterial Marroni,asse am cuttern

Routenbeschreibung
(1) Die kurz gerösteten Marroni schälen und im Dampfsieb über Wasser mit 3 zerknüllten Lorbeerblättern weichgaren (etwa 10 Minuten). Alternativ kann man rohe Kastanien im Dampfkochtopf weichgaren ohne sie zu rösten, dann macht das Schälen gemäss Frau Dr. Marroni etwas mehr Mühe.
(2) Die Marroni etwas abkühlen lassen, dann in einem Cutter mit dem Zuckersirup, dem Vanillezucker, der weichen Butter, dem Kirsch und Salz feincuttern bis eine weiche, homogene Paste entstanden ist. Zum Schluss die geschmolzene Schokolade einrühren.
(3) Die Masse mit einer Lochpresse (Vermicelles-Presse) zu einem Berg türmen oder in Haselnuss-Mürbteig-Tortenbödeli füllen und mit geschlagenem Rahm toppen.

Vermicelles-Presse Montebianco bezwungen
Marronipresse Montebianco bezwungen

Wegmarken
Zuoberst hab ich noch eine kandierte Marroni in Cognac hingelegt, das hat den Berg um weitere 24 mm höher gemacht. Die Vermicelles-masse kann tiefgekühlt werden. Das war alles so einfach zu machen und der Schwatz beim Marronibrater so nett, dass ich meine Vermicelles künftig nur noch selbermachen werde. Die Mengen an benötigtem Zuckersirup hängen vom Reifegrad und der Marronisorte ab. Mein Purée hätte noch etwas mehr Sirup vertragen und damit weicher sein dürfen. Gekühlt war die Masse etwas zäh.

Wer die alternative Wanderroute wählt, kann über reichlich Geröll auf den vorgelagerten Nebengipfel des Montebianco steigen. Hier oben wird gefeiert. Mit Vermicelles und herrlicher Fernsicht ! Und wenn ich mich etwas auf die Zehen stelle, was in den Bergschuhen gar nicht so einfach ist, sehe ich knapp auf einen Hügelzug mit Spielwiese. Viel Grün, kein Schnee. Weiter westlich ein Blick auf den Monte Kapriolo mit der unverwechselbaren, muffchenförmigen Kuppe. Nach Westen ausblickend reicht die Sicht eben bis zum Eiffelturm, ganz in dessen Nähe soll man ja ganz hervorragend essen ! Weiter nördlich einfach hübsche Dörfer entlang der Düssel. Richtung Osten versperrt leider der Säntis die Sicht. Die Lage der Wanderhütte für Gourmets und der noch weiter östlich gelegenen Stätten für esskultur zu  low cost-Preisen kann deshalb nur vermutet werden. Die Zeit reichte nicht aus, um alles zu sehen. Der Abstieg über das Geröllfeld drängte. Nix wie runter bevors Nacht wird.

Alternativroute
Alternativroute über viel Geröll.

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35 Kommentare zu „Erstbesteigung des Montebianco, 150 mm ü.M.“

  1. @BerlinKitchen: richtig geraten, eine Süss-speise.

    @Bolli: das nicht, ich feiere ganz alleine. Siehe unterstes widget, ganz rechts, rechne…

  2. Ich werde Deinen Rat befolgen und gleich hinaus gehen, vorher aber noch ein Lob auf Deine neueste Kreation, das Auge lacht, der Magen sicherlich auch.

    Und nun bin ich wech !

  3. Du hattest auch schon vor deinen Vermicelles einen der kulinarischen Gipfel erreicht 🙂

    Ich gratuliere, zum Einjährigen!

  4. Wo ich hinschaue heute geniale Gerichte!

    Danke und herzlichen Glückwunsch zum Burtzeltag deines Blogs! Auf viele weitere kulinarische Jahre! Ich schaue hier sehr gerne rein und habe schon gaaanz viele Anregungen bekommen.

    Weiter so und ganz liebe Grüße

  5. Was ich noch fragen wollte: die Vermicelli-Presse ist nicht so fein, wie eine Spätzlepresse, oder?

    Das sieht zumindest auf deinem Bild so aus.

  6. @Alle: Danke für die Glückwünsche. Verglichen mit den seit Jahren etablierten Blogs ist ja ein Jährchen null und nichts. Den verschiedenen Blogs, die seit mehreren Jahren auf hohem Niveau geführt werden, gehört mein Respekt. Wenn ich dran denke, wie oft ich schon aufgeben wollte (wozu tue ich mir das an?), ist ein Jahr trotzdem ein kleiner Sieg über mich selbst, über meine Faulheit. Und dann all die netten Menschen, die täglich vorbeischauen. Doch, ich mache noch etwas weiter…

    @sammelhamster: trotz Zement und Tapetenkleister in den Augen schon so wach am Morgen 🙂

    @Ilka: Danke, bin schon wieder im Basislager angekommen.

    @Petra: siehe oben. Hab die Presse eben mit dem Mikroskop vermessen: genau 3 mm messen die Löcher, 2 mm würden mit weicher Masse auch gehen. Meine Masse ist erst im Kühlschrank wegen der Butter zäh geworden.

  7. Oh, yummy! That’s something I really love! Great job! Your Montebianco looks fabulous and ever so tempting!

    Gruss,

    Rosa

  8. Excuses-moi, jetzt verstehe ich erst……

    Ein Jahr super leckre Gerichte, danke Robert!!!!!!!
    Ich freue mich schon auf viele weitere Jahre!!!!!!
    Ich hoffe, etwas soll heissen: noch viele Jahre!

    Für uns, und, für Euch!!!

  9. Und dann auf dem Gipfel noch ein Glas Eiswein…herzlichen Glückwunsch zu den immer wieder schönen Rezepten und ihrer originellen Präsentation!

  10. Großartig! Gratuliere zur Gipfelbesteigung und zum Einjährigen. Seit es lamiacucina gibt, ist die Kochblog-Welt viel bunter geworden. Lass mich Anfang Januar 2009 wissen, was Du Dir zum Zweijährigen ausgedacht hast. Ich komme dann persönlich – in Wanderschuhen – zum Gratulieren! 😉

  11. da würd sogar ich zum bergsteiger werden 🙂 herzlichen glückwünsch und auf ein weiteres erfolgreiches blogjahr. lg aus münchen

  12. Das sieht ja klasse aus.
    Um die Haltbarkeit (mit und ohne Milch) bräuchte ich mir da keine Gedanken zu machen.
    Herzliche Geburtstagsgrüße auch aus dem Norden.

  13. Jaaa!!! 🙂

    Vielen vielen Dank, das ist glaube ich so ziemlich der schönste Berg, den ich je gesehen habe – der leckerste sicher! Ich geb’s ja zu, dass ich in der Schweiz immer einen Vorrag Fertigzeugs kaufe, aber der ist schon ganz lange weg – und in der Speisekammer sind 2 Päckchen vakuumverpackte Esskastanien…

    Auch von mir Gratulation zum Einjährigen: Ich bin hier immer sehr sehr gerne.

    Letzten Freitag war ich 2 Stunden in der Schweiz – da wäre ich fast vorbeigekommen – bei so leckeren Bergen! 😉

  14. Auch von mir die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag und lieben Dank für die schönen Stunden, die ich schon bei Dir verbringen durfte. Diese Wanderung mit Erstbesteigung – herrlich zu lesen, ich musste sehr, sehr lachen!

  15. @Rosa: not as high as what you can see from your window 🙂

    @Bolli: wenn Du nicht aufhörst mach ich auch noch weiter. 🙂

    @Iris: Danke, Du erinnerst mich daran, dass man dazu auch einen Wein hätte trinken können.

    @fressack: Bei Euch wird Morgen auch gefeiert ?

    @Claudia: als graue Maus plustert man sich gern zum bunten Vogel auf. Was soll ich Dich 2009 wissen lassen ? Wo ich heute noch nicht weiss was ich Morgen koche, damit ich am Freitag was im Blog bringen kann.

    @lavaterra: Danke, das gilt ja alles gegenseitig.

    @nysa: willkommen hier, ich merke erst jetzt, dass Du auch Deutsch schreibst !!

    @sebastian hüttenhilfe: gibts Bergfest nicht jedes Jahr ?

    @sivie: keine Berggeist ? ein Küchengeist !

    @Barbara: dass Du noch Zeit findest Berge zu betrachten während des vielen Autofahrens ! Ostschweiz ? Da gibts auch Marronipuree, so schlecht ist es auch wieder nicht.

    @kulinaria: das kann ich nicht versprechen, ich bin launisch und in steter Wandlung begriffen.

    @Jutta: Der Schalk in Schnuppschnüss ist mir ja auch Ansporn.

  16. Ohne Auto: Flughafen Zürich! 😉
    Leider war es schon dunkel, sonst hätte ich Berge von oben sehen können. Aber die wären nicht so lecker gewesen.

  17. Von mir auch herzlichen Glückwunsch! Auch zum hübschen Montebianco, der den Mont-Blanc von Angelina – ein Muss in Paris – sehr lieblos und banal aussehen lässt.

  18. Merci! Kann zwar nicht kochen, aber essen allemal.

    Werde sFrauli auf die Fährte locken und dann wagen wir auch eine Besteigung, mjam 🙂

  19. So wie das Matterhorn in der realen Bergwelt wunderschön ist, so iist es auch der Montebianco in der kulinarischen Welt.

    Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen 🙂

    LG

  20. Feiern? Heute? Verstehe ich nicht.

    Übrigens: Warum ist meine Verlinkung beim Namen weg?

    Danke nochmal für die Weintips.

  21. Keine Fasching im Rhein-Main-Gebiet ? Was ist denn das für eine Enklave ?

    Verlinkung: Wenn Du eingeloggt bist sollte der link automatisch gesetzt werden. Sollte. In Deinem Profil fehlt der link ! Darum. Wieso ?

  22. @Véronique: die Angelina kenn ich nicht 🙂

    @rufus: Weinempfehlung hatten wir schon, Musikempfehlung: Linda di Chamonix mit netten Baritonpartien. Und der Montblanc im Hintergrund.

    @Ulli: Danke, Matterhorn hat seine kulinarische Entsprechung schon in Toblerone gefunden.

  23. L’elisir d’amore wäre mir auch lieber, egal ob Belcore oder Dulcamara, aber den Montblanc im konventionellen Bühnenbild gibts nur in der Linda. 🙂

  24. ein vierteljahr später entdeckt. immerhin.
    das nächste mal entzünde ich ein leuchtfeuer. ein nachbarschaftliches gipfeltreffen schaffen wir aber auch ohne. kastanien- oder maronireis (so heisst das bei uns. und ich mag ihn, mit viel ungesüsstem schlagobers und obenauf staubzucker. vielleicht ein paar eingelegte weichseln dazu?) selbst zu machen kann auch nur dir einfallen. möge dir nie fad in der küche werden!

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