CH-3280 Murten: Kanonen und Erdbeerschnitten

Wehrgang mit Türmen
Murten: Wehrgang mit Türmen

Wir wollten wieder einmal Sauerbraten mit Härdöpfustock in Fraubrunnen essen. Frau L. fühlte sich danach so gut und unternehmungslustig, dass wir trotz Nebelwetter noch einen Schlenker nach Murten anhängten. Sauer macht lustig.

Murten wurde im 12. Jhdt. durch die Zähringer auf einer älteren Siedlung neu aufgebaut und befestigt. Nach einer Periode der wirtschaftlichen Prosperität wurde die kleine Stadt 1218 nach dem Erlöschen des Geschlechts der Herzöge von Zähringen reichsfrei. Im Grenzgebiet von Savoyern und Habsburgern gelegen, war sie aber lange Zeit Spielball der damaliger Mächte. Zwischen 1255 bis 1475 geriet Murten unter die Schutzherrschaft von Savoyen, behielt aber wegen vertraglicher Bindungen mit Bern eine gewisse Autonomie. 1353 wurde Murten sogar der Status eines zugewandten Ortes der Eidgenossenschaft gewährt.

Schilling-Chronik
Schlacht bei Murten: Schilling-Chronik

Nach verschiedenen Händeln zwischen Eidgenossen und Karl dem Kühnen von Burgund, unternahm dieser 1476 von der Freigrafschaft Burgund aus einen Feldzug gegen das Territorium der Eidgenossen. Nach der Niederlage Karls des Kühnen bei Grandson, sammelte er in Lausanne, das zum Herzogtum Savoyern gehörte, ein neues Heer, wie es die damalige Welt noch nie gesehen hatte und stiess erneut in Richtung Bern vor. Bern war gewarnt und besetzte Murten rechtzeitig mit 2000 Mann und baute die Stadt zum Bollwerk ihrer offenen Südflanke aus.

Am 11. Juni 1476 wurde Murten von den Truppen Karls umschlossen, abgeriegelt und belagert. Mit Hilfe modernster Kanonen wurden Breschen in die Mauern geschossen. Kurz vor Erschöpfung der zähen Verteidigung gelang es Bern und den zur Hilfeleistung gerufenen eidgenössischen Orten und Verbündeten, ein Entsatzheer in Eilmärschen nach Murten zu entsenden, welches am 22. Juni 1476 das burgundische Heer in einem Überraschungsangriff unterlief und fast vollständig vernichtete. 10’000 Burgunder liessen ihr Leben, die burgundischen Marketenderinnen behielten ihr Leben und die Eidgenossen eroberten einen Teil der vom Herzogtum Savoyen beherrschten Waadt.  Karls Verbündete Jolanda, Regentin von Savoyen, musste Bern und Freiburg für den Frieden 1476 Murten und einige Regionen der Waadt abtreten.

Berner Tor, umgebaut 1778
Berner Tor, umgebaut 1778
Blick in die Hauptgasse
Blick in die Hauptgasse

Die mittelalterliche Altstadt von Murten, erbaut auf einer Fläche von ca. 300 m × 200 m ist heute noch schön erhalten. Die Bauten der Hauptgasse stammen grösstenteils aus der Barockzeit des 17. und 18. Jahrhunderts und sind, wie in Bern, mit durchgehenden Laubengängen versehen.

mittelalterliche Wehrmauer
mittelalterliche Wehrmauer
Hauptgasse mit Laubengängen
Hauptgasse mit Laubengängen
Bergfried und Wehrturm
Schloss: Bergfried und Wehrturm
Ausblick auf See und Mont Vully
Ausblick auf See und Mont Vully

Die fast vollständig erhaltene Ringmauer wurde 1238 erstellt und später mehrfach ausgebaut, auf 8.5 Meter erhöht und verstärkt. Der Wehrgang mit 12 Türmen ist über weite Strecken noch begehbar. Die ehemals vorhandenen Gräben wurden bereits im 16. Jhdt. zugeschüttet.
Am Südwestrand der Altstadt erhebt sich auf einem Vorsprung das Schloss, das ab Mitte des 13. Jahrhunderts von den Savoyern erbaut wurde. Der älteste erhaltene Teil ist der massive viereckige Bergfried aus der Erbauungszeit. Die Aussenmauern des Schlosses sind in die Stadtbefestigung integriert und durch Türme verstärkt.

Erdbeercremeschnitte Monnier
Erdbeercremeschnitte Monnier
Heimfahrt am Fuss des Mont Vully
Heimfahrt am Fuss des Mont Vully

Im Café Monnier an der Hauptgasse gibts nette Patisseriewaren und, eine Seltenheit in der Schweiz, ordentlichen Schwarztee. Köstlich die Novembererdbeercremeschnitte, nach Burgunderkanonen aus mit Gianduja gefülltem Waffelteig wars uns nicht.

Und weil wir den Sauerbraten mittags brav aufgegessen hatten, brach auf der Heimfahrt die Sonne voll durch. Einfach schön.

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16 Kommentare zu „CH-3280 Murten: Kanonen und Erdbeerschnitten“

  1. Danke fürs Mitnehmen (wenn auch leider nur virtuell), eine wunderschöne Gegend – da würd’s uns auch gefallen – Und was die Sonne bei der Heimfahrt anbelangt: du weiß doch: wenn Engel reisen…..- habt einen schönen 2. Adventssonntag!

  2. Das schöne Murten kannte ich bisher nicht, darum freut es mich, daß ich es auf diese Weise kennenlernen kann. Die Gebäude sind ja ein Fest fürs Auge. Danke für den Geschichtsunterricht und die wunderschönen Fotos. – Nach diesem Rundgang hätte ich mir die Erdbeercremeschnitte Monnier auch schmecken lassen.

  3. Es ist doch jedes Jahr so: Kaum wirds kalt und ungemütlich, mag man wieder Sauberbraten und co. Hier in München wartet ein Zweitagegulasch auf dem Balkon auf seinen Einsatz, die Kartoffeln sind schon aufgesetzt.
    Leider ohne Cremeschnitte zum Dessert,obgleich mein significant other schwerst cremeschnittenaffin ist.

  4. @Eva: die Engel haben zuweilen auch Teufelshörnchen 🙂

    @Nathalie: Güggeli ?

    @Ulla: Ja, richtig geraten und schon ein Wort Berndeutsch gelernt 🙂

    @Rosa: thanks for sharing your trip to Lausanne !

    @Charlotte: wir machen gerne Kurzausflüge da man abends wieder im eigenen Bett liegen darf 🙂

    @duni: Gulasch wird beim Lagern auch nicht schlechter. Was uns auch immer wieder erstaunt: zäh geratene Bratenstücke, die wir zwischenzeitlich eingefroren hatten, werden nach Auftauen plötzlich zart. An Cremeschnitten kann ich nie vorbeigehen, obwohl ich immer noch nicht weiss, wie man die anständig essen kann.

  5. Ja, klar. Hoffentlich liest das mein Hotzenwälder Vater nicht. Ich schreibe Giggerl statt Güggeli. Da gibt er mich gleich zur Adoption frei.

  6. Vielen Dank für „Murten“, ein schöner Beitrag zur Schweizer Heimatkunde. Eine Idee: Sie könnten eigentlich die Beiträge bündeln und ein Buch daraus machen. Meines Wissens ist so etwas z.Zt. nicht auf dem Markt.

  7. Du heißt Robert, gell? Robert, also…nimm‘ mich das nächste Mal mit. Es wird in jedem Fall die Sonne scheinen, da ich meine Tellerchen fast immer leer esse….:_)

  8. @Nathalie: zur Adoption ? ein strenger Grossvater.

    @Buchfink: ich bin kein Historiker und sammle (klaue) mein Wissen jeweils aus diversen Geschichtsbüchern und wiki zusammen, kürze alles, formuliere um, vereinfache, gebe die Fotos hinzu, das ist mein ganzer Beitrag, zuwenig für ein Buch 🙂 Aber ich habe Spass daran, unsre Reisli etwas vorzubereiten und nicht einfach von einer in die nächste Beiz zu fahren. Ausdrucken tu ich sie jedenfalls, als Erinnerungsstoff fürs Altersheim 🙂

    @Peppinella: da müsste ich erst eine Umfrage starten, wer seine Tellerchen auch noch leer isst und dann gleich einen Autobus mieten 🙂

    @Sabine: Jaaa, die Mauern und Türme, nur der Weihnachtsladen fehlt.

  9. C’est fou ça ! J’habite au Vully ! On aurait pu se rencontrer devant un café et une tranche de gâteau du Vully.
    Une prochaine fois … qui sait !
    verO

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