CH-8596 Münsterlingen: Der Kopf des Johannes

Münsterlingen Kantonale Heil- und Pflegeanstalt
Münsterlingen Kantonale Heil- und Pflegeanstalt

Auf der Heimfahrt von einem Ausflug in die Ostschweiz haben wir in Münsterlingen, am Südufer des Bodensees, Nähe Konstanz, eine Kaffeepause eingelegt. In der Cafeteria der Kantonalen Heil- und Pflegeanstalt (Psychiatrie), die mit einem wunderschönen Ausblick auf den Bodensee, Automatenkaffee, Gebäck, Parkplätzen und Toiletten aufwarten kann.
Erwähnenswert, wenn man von Schul-, Gemeindehaus und Hallenbad absieht: die Klosterkirche des ehemaligen Benediktinerinnenkonvents St. Remigius. Typische Vorarlberger Barockarchitektur, 1711 neu erbaut. Die Gründung dieses Klosters (Monasteriolum) soll Ende des ersten Jahrtausends erfolgt sein. Der Legende nach von einer Tochter des englischen Königs Eduard I gestiftet. Geschichtlich belegt ist nur die Verlegung des Konstanzer Kranken- und Armenhospizes St. Konrad nach Münsterlingen um die Eintausendjahrwende. Die Ordensschwestern arbeiteten hier nach den Regeln der Augustiner in der Krankenpflege. Nach der Reformation wurde das Kloster von Benediktinerinnen übernommen. Seit 1848 wird die Anlage durch das Kantonsspital und die Psychiatrie belegt.

Barocker Sandsteinturm
Barocker Sandsteinturm
Kopf des Johannes
Kopf des Johannes

Die Kirche hütet eine kleine Büste des Heiligen Johannes, künstlerisch unbedeutend, aber Anlass, deren Geschichte nachzuerzählen.
Seit 1573 wurde, immer wenn der See zugefroren und begehbar war, der Kopf des Johannes in einer feierlichen Prozession übers Eis in die Nachbargemeinde am andern Seeufer getragen, wo er bis zur nächsten Seegfröni verbleiben durfte. Als Seegfrörni bezeichnet man in der Schweiz das Zugefrieren oder Zugefrorensein eines Sees. Bei der nächsten Seegfrörni wurde er wieder über den See zurückgetragen. Seit 1963 steht die Büste in der Pfarrkirche von Münsterlingen und nicht mehr in Hagnau (D) am Nordufer. Die Klimaerwärmung könnte dafür sorgen, dass er noch einige Zeit hier verbleiben darf.
Johannesköpfe, meist auf Tellern waren ab dem Spätmittelalter beliebte Heilsbringer in Kirchen. Berühren mit der Hand soll Kopfleiden geheilt haben. Mit dem originalen Kopf des Johannes befasst sich hingegen die Oper Salome von Richard Strauss. Die Tochter des Herodes verlangt von ihrem Vater als Preis für einen freizügigen Schleiertanz das Haupt des Propheten. Den abgeschlagenen Kopf in Händen, steigert sie sich in einen ekstatischen Liebes- und Lusttaumel, küsst den Mund des Leichenkopfes, bis sie auf Geheiss ihres entsetzten Vaters umgebracht wird. Nadja Michael als Salome.

Eigentlich wollten wir nur schnell einen Kaffee trinken.

Abendstimmung auf der Heimfahrt entlang am Untersee
Abendstimmung auf der Heimfahrt entlang am Untersee

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18 Kommentare zu „CH-8596 Münsterlingen: Der Kopf des Johannes“

  1. Obwohl schon öfter am Bodensee gewesen (Verwandtschaft; Fahrradtour um den Bodensee etc) kannte ich diesen Brauch nicht! Kann mir auch nicht vorstellen, dass der See jemals nochmals ganz zufrieren wird, also wird die Büste wohl in Münsterlingen bleiben dürfen 🙂 Wunderschönes Bild von der Abendstimmung am See! – Auch für euch einen schönen Adventssonntag.

  2. Oh, ich liebe den Film „Die Fischerin vom Bodensee“ *lach* Das ist ein hübsches Fleckchen Erde, äh, Wasser 🙂 Bei uns in Wien ist es seit Tagen trüb und auch ziemlich dunkel…

  3. Der Heilige Eusebius lebte hier bei uns um die Ecke in Viktorsberg. Er wurde von den Sensenmähenden Bauern (versehentlich?) geköpft. Dann lief er mit dem Kopf unter dem Arm zurück ins Dorf. Bitte fragt mich nicht um genaueres. So jedenfalls wurde es mir überliefert.

    Ein Bildstock in der Nähe erinnert daran.

  4. @Nathalie: in Basel war der Rhein fast zugefroren, man konnte einige Meter Richtung Flussmitte laufen.

    @Eva: Danke, wir laufen da gern, weil der Weg so schön eben 🙂

    @Elisabeth: ich kann mich nur noch an die Marianne Hold erinnern 🙂 Hier ist es auch trüb, vom vielen Schnee hat die Stadt nichts abbekommen, aber ausserhalb ist es schön weiss.

    @Rosa: thanks, Johannes was not thrilled about it 🙂

    @Dandu: früher wurden manche um einen Kopf gekürzt, damit der Heiligenschein hinterher Platz fand.

  5. Eine interessante Geschichte; schon die Überschrift ließ mich an die Salome denken (gehörte einst zu meinen Lieblingsopern) und machte mich neugierig. Danke für den Ausflug und das wunderschöne Bild von der Heimfahrt. Die Gegend rund um den Bodensee hat wirklich viel zu bieten für jeden Geschmack.

  6. Der echte Kopf soll übrigens in Damaskus liegen in der Umayyaden-Moschee. Der dortige Schrein im Inneren der Moschee sieht aus wie ein Glaskiosk. Der heilige Johannes wird auch von den Moslems verehrt, einer der vielen Berührungspunkte zwischen Islam und Christentum. Um den nach Überlingen zu schaffen, müsste wohl wieder ein Kreuzzug ausgerufen werden. Da ist mir die Bodenseevariante doch lieber … und er schaut auch so treu, so als würde er seinen Unterleib nicht vermissen.

    Danke für diese Reisebeschreibung! 🙂

  7. @Charlotte: als genaue Leserin wirst Du schon aus der Titelüberschrift erraten haben, was danach kommt 🙂 Heute bevorzuge ich Falstaff. Auch jetzt im Winter ist der See schön, unendlich weit im Nebel.

    @Martina: Danke für diese Informationen, soweit habe ich nicht nachgeforscht, erstaunlich, was alles zusammenkommt, wenn man von einem Punkt zum nächsten hüpft.

  8. Cool, meine Gesangslehrerin hat bei dieser Aufführungsserie in Mailand auch mit gewirkt – und ich? habe meinen Kopf noch, weil ich nicht dort war. 😉

  9. Danke für den Bericht aus der Nachbarschaft und die schönen Fotos. Wenn die Temperaturen mal nicht so unwirtlich sind, empfehle ich einen Blick auf den kleinen Friedhof vor dem Kirchlein – keine berühmten Leute, aber sehr persönlich und liebevoll gestaltet.
    Zwei Schritte weit weg ist übrigens die Confiserie Bürgi. Da gibts nicht nur Kaffee, sondern ganz feine hausgemachte Schokolade (nein, die zahlen mir nix).

  10. @Hanne: nicht mein Verdienst 🙂

    @the rufus: Herodes hat ihn auch noch, Tenöre leben länger.

    @Der grüne Tisch: tu ich gerne, wenns wärmer ist. Und im Bürgi mit der Glaskuppel sind wir auch schon oft gewesen.

  11. lamiacucina lesen – immer überraschend. rezepte bzw. sinnliches für den gaumen erwartend wer denkt da schon an oper und dann – ja dann -salome- und was fällt mir dazu ein? die hab ich in münchen gehört an einem samstagabend und am nachmittag war der keller voller kloake und ich saß wie auf kohlen in der salome weil ich nicht wußte ob der rohrreiniger kam – oder wir uns beim heimkommen noch einen kellerputz vornehmen müssen. erinnert dank lamiacucina wenn das nicht`s ist!
    richard

    1. @Richard: Kloakenrohrbuch tönt schlimm, wir hatten nur mal eine verstopfte Leitung mit Rückstau in die Sickerröhre. Das war schon unangenehm genug. Und nicht einmal die Elektra war davon betroffen 🙂

  12. Wieder ein interessanter und prägnanter Bericht. Danke auch für die Salome. Wir sind nicht weitab. Ihr seit bei nächster Durchfahrt herzlich willkommen.

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