Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (2)

CH 2112 Môtiers 0_2009 01 22_7900
Môtiers, ehem. Markthalle, heute Hôtel des Six Communes

Im zweiten Anlauf hat es doch noch geklappt. Die Reise ins Val de Travers,  der Wiege des Absinth, „le bercau de l‘ absinthe“.
Das den Jura durchquerende Val de Travers erstreckt sich vom Neuenburgersee quer durch den Jura bis hin zur Grenze zu Frankreich. Einst der direkte Juradurchgang zwischen Bern und Paris, im 19. Jhdt. ergänzt um die wichtige  Bahnlinie Mailand-Paris und heute noch vom TGV Bern-Paris durchfahren. Sehenswürdigkeiten sind u.a. der gewaltige Felsenzirkus des Creux-du-Van, die wilde, abenteurliche Areuse-Schlucht sowie die Asphaltminen von Travers, ein ehemals 100 km langes Labyrinth von Stollen und Gängen, aus denen 1712 bis 1986 Naturasphalt bergmännisch gefördert wurde. Im Minencafé (geöffnet im Sommerhalbjahr)  ist der in Asphalt gekochte Schinken zu empfehlen. Wir sind jedoch wegen der «Grünen Fee» hieher gekommen. Môtiers (NE), die älteste Gemeinde des Val de Travers ist unser Ziel. Ihr Name, wie Mustair, ist auf das lateinische monasterium zurückzuführen.

Ende des ersten Jahrtausends begannen Benediktinermönche mit der Urbarmachung des zum Königreich Burgund gehörenden Tals. Das von ihnen gegründete Benediktinerkloster Saint-Pierre war anfänglich eine Niederlassung des Klosters Cluny.

Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre

Um das Kloster entwickelte sich allmählich das Dorf Môtiers. Das Priorat hatte anfänglich die kirchliche als auch die weltliche Herrschaft über das Val de Travers inne, bis die Talschaft 1237 von der Freigrafschaft Burgund als Lehen an die Grafen von Neuenburg abgetreten wurde. Diese verdrängten die Mönche sukzessive von den Schalthebeln der Macht. Môtiers entwickelte sich zum regionalen Zentrum des Tales. Mit der Säkularisierung 1536 wurde das Kloster aufgelöst, die Mönche zogen sich in ihr Mutterhaus zurück. Die Gebäude wurden im 19. Jhdt. von einem Schaumweinfabrikanten erworben und beherbergen in den geräumigen und tiefen Kellern heute die grösste Schaumwein-Produktion der Schweiz.

Am Dorfplatz steht die imposante, ehemalige Markthalle der Talschaft (Titelbild), in der vierteljährlich ein Wochenmarkt abgehalten wurde. Der heutige Bau mit Rundbogenarkaden und gotischen Fenstern im Obergeschoss stammt aus dem Jahre 1612.

Die Talschaft gehörte bis 1806 zu Neuenburg, das 1648 Fürstentum wurde und ab 1707 durch einen schlauen Schachzug der Berner mit dem Königreich Preussen verbunden wurde und so den Begehrlichkeiten der Franzosen entzogen wurde. 1806 wurde Neuenburg von Napoleon I. einverleibt, aber 1815 durch den Wiener Kongress der Schweizerischen Eidgenossenschaft zugesprochen, wobei die Könige von Preussen erst 1857, unwillig, auf ihr Sonderrecht als Fürsten von Neuenburg verzichteten.

Maison des Mascarons Museum
Maison des Mascarons Museum
Chateau d'Ivernois
Chateau d'Ivernois

Môtiers war in früheren Jahrhunderten ein beliebter Sommersitz von Neuenburger Adligen. Davon zeugen heute noch verschiedene, repräsentative Gebäude an der Grande Rue. Jean-Jacques Rousseau lebte hier für 3 Jahre im Exil. Das Dorf (heute 800 EW) hat heute den Charme eines verschlafenen französischen Provinzstädtchens.

Der Barbier von Môtiers
Der Barbier von Môtiers
Ländliche Biederkeit
Ländliche Biederkeit

Neben dem Jean-Jacques Rousseau-Haus steht das Maison des Mascarons. Darin untergebracht das Musée Regional d’Histoire et d’Artisanat, das im Winterhalbjahr aber geschlossen ist. Das Museum zeigt das tägliche Leben und die Industrie im Val-de-Travers vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, ein Raum ist der Geschichte und der Herstellung des Absinthe gewidmet.
In Môtiers gibts es heute nach meiner Zählung ein paar Absinth-Brenner, alle nahe dem Zentrum: La Valote, Blackmint (Kübler), Absintherie du Père François etc. Zufällig stolpere ich über die Schwelle einer Kleindestillerie: La Valote, ein Zusammenschluss dreier ehemaliger Schwarzbrenner, die heute, jeder nach eigenen Rezepturen, aber unter gemeinsamer Marke, verschiedene Stilrichtungen des Absinthe in Kleinproduktion verkaufen.

Eine von 3 Alambics
Eine von 3 Alambics
nur der Katze wegen gekauft
nur der Katze wegen gekauft

Die vorangegangenen Beiträge zum Thema

Grüne Fee:

Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (1)
CH-2314 La Sagne: Mittagessen in der Vergangenheit

 

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14 Kommentare zu „Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (2)“

  1. Ein kleiner Sonntagsausflug, danke! Hast Du die zweite Flasche von rechts genommen, oder den Flachmann, weil die Regale nicht hoch genug sind?

  2. ja, das château ist ja ganz nett, ich nehm’s dann im Winter, da Barbara es ja im Sommer haben möchte….

    Da rauscht man also im TGV vorbei……vielleicht sollte der öfters mal ne Panne haben!!!!

  3. @Nathalie: das war vor ein paar hundert Jahren so. Da haben die Leute noch anders gehaushaltet 🙂

    @Rosa: nur nichts überstürzen.

    @Barbara: unten ist ein ordentliches Restaurant eingebaut 🙂

    @Eva:
    @Buchfink:
    bin ja deswegen ständig auf Achse 🙂

    @Poulette: die zweite von rechts (1 dl), dafür von den andern Sorten auch noch eine.

    @Bolli: hier fährt der TGV noch ganz langsam durch.

  4. 4 Märkte im Jahr waren auch in unserer Gegend früher die Regel – aber dann „richtig“ – auch auf unserer Dorfhauptstraße soll das Gedränge so groß gewesen sein, dass man dann nur „längs“ und nicht „quer“ aneinander vorbeikam:-). Heute erinnern daran noch die „Fetes“, wie der Schweinemarkt im Februar (Schlachttermin), der Pflanzenmarkt im Mai (zu Beginn der Gartensaison), der Kastanien- und junger Weinmarkt im Herbst. Der 4. fiel vermitlich im Sommer mit dem jeweils traditionellen Dorffest zu Ehren des jeweiligen Schutzpatrons zusammen.

    Der kleine Alambic macht mich ja ganz neidisch – so ein schönes Stück!

  5. Witzig, dass Du gerade einen Bericht über den Absinth schreibst. Ich lese gereade das Buch „Verteufelt gut“ von Taras Grescoe, „Expeditionen ins Reich der verbotenen Genüsse“, indem er in einem Kapitel wunderbar die Herkunft und den Geschmack des Absinth beschreibt. Darüber hinaus auch die Rivalität der einzelnen Brenner untereinander.

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