
Der Absinth hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Erfunden wurde er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im abgelegenen Val de Travers, das versteckt in den Jurahöhen hinter Neuenburg liegt. Zunächst Heilgetränk, wurden ihm bald magische Kräfte zugesprochen. Dem im Wermuth enthaltende Thujon wurden, mit viel Alkohol genossen, euphorisierende und halluzinogene Wirkungen nachgesagt. Der Absinth wurde erstmals 1797 industriell hergestellt von Daniel-Henri Dubied, der der Familie der Erfinderin die Rechte für das überlieferte Rezept abgekauft hatte. Mit Hilfe seines Schwiegersohnes Henri-Louis Pernod gründete Dubied seine erste Brennerei in Couvet, später eine weitere Fabrik in Pontarlier, gleich über der Grenze. Andere Produzenten zogen nach und begründeten den Ruf der grünen Fee aus dem Val de Travers. Schnell verbreitete sich der Absinth im frankophonen Raum, erst als ein Getränk das billiger war als Wein, später dann in ganz Europa als Modegetränk von Bohémiens, Künstlern und Intellektuellen.
Zur Verbreitung der Popularität des Getränks trugen auch die französische Militärärzte bei. Ruhr und Typhus wurden während der Einnahme und Besetzung Algeriens in den Jahren ab 1830 systematisch mit Absinth bekämpft. Offensichtlich erfolgreich. Heimkehrende Truppenangehörige vertrauten auch in der heimischen Cafe-Bar auf die Wirksamkeit des Getränks. Der glücklich strahlende Spahi-Soldat auf dem Plakat nebenan scheint dies zu bestätigen.
Die Grüne Fee wurde zunehmend auch von anderen Bevölkerungsschichten anstelle von Wein getrunken. Wohl kein alkoholisches Getränk hat die Malerei und die Dichtung so sehr stimuliert wie der Absinth, ein Zaubertrank, der die Phantasie inspirierte und beflügelte sowie den Geist berauschte. In Frankreich wurde er um die 1900er Jahrhundertwende in grossem Stil industriell produziert, 1912 wurden allein in Frankreich ca. 220 Millionen Liter Absinth umgesetzt.
Ein im Waadtland 1905 im Alkoholsuff begangener Mord erregte damals die Gemüter in der Schweiz. Abstinenzvereine und kirchliche Kreise setzten sich in einer unheiligen Allianz mit Weinbauern für ein Verbot der Grünen Fee ein. In der Folge wurde der Absinth in der Schweiz nach einer umkämpften Volksabstimmung 1910 verboten. Andere Staaten, so auch Frankreich (1915) zogen in den folgenden Jahren nach. Das Plakat der grünen Jeanne auf dem Scheiterhaufen betrauert das Verbot in Frankreich. Ihre grüne Schweizer Schwester erwartet sie bereits auf dem Wölklein der Verbannung.


Das Absinthverbot traf das kleine Val de Travers schwer. Hatten doch Hunderte von Familien vom Anbau und Verkauf und der Destillation der Kräuter ihr Auskommen gefunden. Wie überall, wo Prohibitionsgesetze gelten, entwickelte sich im Tal eine rege Schwarzbrennerei. Frankreich war weniger betroffen, dort stellten die Hersteller auf die Produktion von Anisschnäpsen um, also Mischungen aus Alkohol, Anisöl und Zucker, wie etwa Pastis und Pernod.
Endlich, am 1. März 2005 wurde Absinth hier wieder legalisiert, einige der Schwarzbrenner betreiben heute gutgehende Distillerien, sogar eine Unterschutzstellung unter das Label IGP wird angestrebt.
Eines der schönsten Plakate, die Ende des 19. Jhdts. publiziert wurden, ist jenes der Marke Absinthe Bourgeois, welches ein damals bekanntes Bildmotiv der Marke Pernod (ohne Katze) karikierte.

Absinth wird aus Kräutern und Alkohol hergestellt. Außer dem grossen Wermut (Artemisia absinthium) enthält der in Frankreich und der Schweiz hergestellte Absinth noch grünen Anis, teilweise auch Sternanis, Fenchel, Ysop, Zitronenmelisse und kleinen Wermut (Artemisia pontica). Der Rezepturen sind viele, auch Melisse, Pfefferminz, Angelika, Kalmuswurzel, Koriander, Wacholder und andere Kräuter werden verwendet. Wermut, Anis und Fenchel machen dabei den typischen Geschmack des Absinths aus. Die grüne Farbe, den einzelne Absinthsorten aufweisen, stammt vom Chlorophyll frisch extrahierter (nicht mitdestillierter) Kräuter. In der Schweiz wurden die Absinthe während der Prohibition meist farblos gehalten (bleu), um sie beim Konsum besser vor der Polizei kaschieren zu können.
Da unser WE-Häuschen nicht in Kanada, sondern im Jura, 90 Minuten vom Val de Travers entfernt liegt, habe ich mich (zusammen mit Frau L. als Sittenwächterin) nochmals aufgemacht, eine Flasche, besser gesagt, ein kleines Fläschchen -ich mag so starke Schnäpse überhaupt nicht- dieses mythenumwobenen Destillates zu Kochzwecken einzukaufen. Mehr darüber in Folge (2). Der erste Anlauf musste vorzeitig abgebrochen werden.
Die Abbildungen 2-5 darf ich hier mit freundlicher Erlaubnis von Daniel Nathan-Maister vom Virtual Absinthe Museum publizieren. Dort findet sich eine sehenswerte und umfassende Sammlung von Materialien, Postern, Postkarten etc. rund um den Absinth. © bei www.oxygenee.com
