CH-1663 Gruyères: Fondue und Kuhfell

Greyerz
Greyerz

Trüber Novembertag. Ausfahrten gesundheitlich bedingt schon seit Wochen gestrichen. Doch die Seele braucht auch Abwechslung. Deshalb Frau L. ins Auto gepackt und ab nach Greyerz: Fondueessen.  Greyerz für die Seele, Fondue für den Magen. Das letzte Mal waren wir vielleicht vor 15 Jahren hier. Der kleine Ort, in der Hochsaison überlaufen, liegt jetzt leergefegt vor uns. Kein Fotowetter, dennoch schöner als im Sommer.

Das historische Kleinstädtchen liegt im Kanton Freiburg auf einem freistehenden Hügel, gut 100 Meter hoch über der landwirtschaftlich genutzten Saane-Ebene, direkt unterhalb des Schlosses der Grafen von Greyerz. Das Städtchen belegt eine Fläche von etwa 300 m×100 m. Im Jahr 1144 erschien der Name de Grueria erstmals in den Akten. Der Name Gruyères (dt.: Greyerz) leitet sich wahrscheinlich vom gräflichen Wappentier, dem Kranich (franz.: grue) ab.
Im 10. Jahrhundert gehörte das spätere Gebiet der Grafschaft Greyerz zum Königreich Burgund. Das Kerngebiet der Grafschaft Greyerz umfasste nach Eroberungen der Grafen Wilhelm (noch ein Eroberer) das gesamte obere Saanetal von der Saanequelle im Bereich des Sanetschpasses bis zum heutigen Lac de la Gruyère im Bereich von Broc und La Tour-de-Trême. Auch das Jauntal gehörte dazu. Ein in sich abgeschlossenes, von Bergketten umgebenes Gebiet. Zusammen mit der Grafschaft kam Gruyères 1244 unter die Lehenshoheit der Grafen von Savoyen. Die Grafen von Greyerz gehörten zu den bedeutendsten Fürstengeschlechtern der Westschweiz. Vom 11. bis ins 16. Jh. sind 19 Grafen bezeugt. Michael, der letzte Graf von Greyerz, geriet aber in finanzielle Schwierigkeiten und ging 1554 bankrott. Seine Gläubiger, die Städte Freiburg und Bern, teilten seine Grafschaft unter sich auf. (Damals führte staatliche Schuldenwirtschaft noch zum Staatsbankrott, wer heute über seine Verhältnisse lebt, braucht sich keine Sorgen zu machen, der Steuerzahler steht dafür gerade). Das Schloss wurde von 1555 bis 1798 Sitz der Freiburger Landvögte, dann Residenz der Präfekten bis 1848. Nach zeitweiligem Privatbesitz gehört es heute dem Kanton Freiburg und beherbergt historische Sammlungen und kulturelle Aktivitäten.

Eingangs des Städtchens
Eingangs des Städtchens
der erste Schnee
der erste Schnee

Die hügelige Marktgasse, die einzige Strasse des Städtchens, wird von zwei beeindruckenden Häuserzeilen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert gesäumt. Darunter befindet sich die Maison de Chalamala von 1531, welche den Namen eines bekannten Hofnarren des 14. Jahrhunderts trägt.

Greyerz Marktgasse
Greyerz Marktgasse
Greyerz Haus an der Marktgasse
Greyerz Haus an der Marktgasse
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala

Im Café Restaurant Le Chalet das Greyerzerfondue. Immer noch gleich wie vor 15 Jahren. Gut, reichlich, begleitet von Brot, Pellkartoffeln, Cornichons und Silberzwiebeln. Der Café mit Greyerzer double-crème aus den geschnitzten Portionen-Holzeimerchen. Als ob wir nicht 15 Jahre älter geworden wären. Nur die (auf die Nachreinigung der Holzeimerchen spekulierenden ?) Katzen vor dem Hause sind andere.

Türschloss
Türschloss
Doppelrahm-Interessenten vor Chalet
Doppelrahm-Interessenten vor Chalet

Eingekauft: Zwei grosse Bitzen Greyerzerkäse Alpage und vieux aus der unterhalb des Städtchens gelegenen Schaukäserei sowie ein Stück Greyerzer Kuh als Schliesslasche auf einer Einkaufstasche für Frau L.. Die schwarz-weisse Greyerzer-Rasse ist in der Schweiz leider ausgestorben und durch Black Holsteins ersetzt. Die Einkaufstasche aus Fellimitat. Wir sind unzweifelhaft 15 Jahre älter geworden.

Greyerzer Kuh
Greyerzer Kuh
Schloss und Kultur
Schloss und Kultur

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19 Kommentare zu „CH-1663 Gruyères: Fondue und Kuhfell“

  1. Oh, was für ein süßes Städtchen! Bin immer wieder über die Architektur dort erstaunt, ist mir als Norddeutsche, die in Mitteldeutschland weilt und Ungarn oft bereist, sehr neu. Sollte vielleicht mal in der Schweiz urlauben …

  2. Leztes mal, als wir zum Genfer See fuhren, machten wir in Romont Halt. Aber Greyerz ist ja wohl ein schönerer Platz, vom Käse ganz abgesehen. Ich bewundere immer, wie schön die Schweiz sich die alten Orte bewahrt. Natürlich ist im Krieg nichts zerstört worden, aber in Deutschland wurde beim Wiederaufbau so unsensibel verfahren. Vielleicht sind die Bausparverträge daran schuld.

  3. Eine wunderbare Beschreibung, danke! Die Schweiz ist wirklich schön, und wenn gerade keine Zeit für einen Besuch dort ist, helfen diese Ausflugsimpressionen weiter.

    Gute Besserung.

  4. Leider war ich nie in diesem Teil der Schweiz und freue mich deshalb sehr über die interessante Reportage mit den, wie immer, wunderschönen Aufnahmen. Die November-Stimmung mag ich besonders gern (Erinnerung an Venedig im selben Monat; schwarz-weiß-Fotos, die alles noch plastischer erscheinen ließen). – Einfach schön fürs Auge. – Es freut mich für Euch, daß das Greyerzerfondue noch immer so gut schmeckt. Das Restaurant sieht ja auch sehr hübsch aus.

    Das Stück Greyerzer Kuh als Schließlasche auf der Einkaufstasche ist schon ulkig. Schade allerdings, daß solch eine alte Rinderrasse ausgestorben ist. Sie gab wohl zu wenig Milch?

  5. Warum auch in die Ferne schweifen, …
    Auch die Schweiz bietet reizvolle Orte, die zu schönen Reiseberichten Anlass geben, so man will.
    Gute Erholung wünsche ich!

  6. Was für ein schöner Ort, wie friedlich er doch ohne Touristen sein kann, hier bei uns ist es diesbezüglich ähnlich, des Einwohners schönste Zeit !

    Sagte ich es schon ?

    Ich glaube, ich muss unbedingt mal wieder in die Schweiz ! 😉

  7. @Anikó: ja die Architektur war früher landschaftsbezogener. Heute sieht alles gleich aus, ob in Berlin, Manila oder Böckelshausen.

    @Nathalie: wie konnte ich nur, Beides war auch dabei !!

    @Bolli: nein, mein Fondue ist nicht besser als das Fondue von Anderen. Aber mir schmeckts.

    @Buchfink: Romont ist auch schön, grösser halt, in seiner Lage an Orvieto erinnernd. Zum kaputtmachen alter, schöner Architektur brauchts keine Bomben. Geld genügt.

    @Rosa: just a few miles from Geneva, but I’m sure you already were there !

    @Sammelhamster: nicht mein Immunsystem, jenes von Frau L. läuft Amok. Auf und ab.

    @Barbara: Danke, ich leite es weiter.

    @Charlotte: zu wenig Ertrag, ja. In Argentinien hat man welche in einer Herde gefunden und macht nun genetische Analysen. Vielleicht sind sie doch noch nicht ausgestorben.

    @Houdini: Wer nicht mehr so jung und nicht mehr so abenteuerfreudig ist, muss sich halt beschränken auf das, was rundum liegt 🙂

    @the rufus: das Haus liegt am Durchgangsweg des Grafen, 300 Meter vom Schloss, Leitern hats auch, nur von einer schönen Tochter ist nichts überliefert.

    @ultraistgut: um diese Zeit würde mich selbst das Meer nicht weglocken 🙂

    .

  8. Greyerzer kann ich nicht aussprechen, deswegen bin ich dankbar für die französische Bezeichnung. 😉
    Ich hätte nicht gedacht, dass die Heimat dieses wunderbaren Käses so ein idyllisches Städtchen – es sieht ja eher aus wie ein Dorf – ist.

    Hm, wieso kriege ich jetzt plötzlich Lust auf Fondue? Ich muss auch wieder mal eines schmelzen, ich liebe es ja sehr, mache es aber selten.

  9. Danke für deinen schönen Reisebericht…da bei uns ja die Ausfahrten auch gestrichen sind (aus anderen Gründen) komme ich zumindest durch dich und deine Berichte ein wenig herum 🙂
    Hoffentlich geht es Frau L. bald konstant wieder ein wenig besser – ich wünsche es euch beiden so sehr!

  10. @Martina: wenn Du Greyhound aussprechen kannst, sollte auch Greyerzer gehen 🙂

    @Eva: Danke für die Wünsche, Küchenarbeit lenkt auch ab.

    @entegut: Käsefondu ist ja so international, dass man das auch in Wien nicht schlechter hinkriegt.

  11. Ach ja, meine Reiseziele sind immer so weit entfernt. Dabei war es im letzten Jahr in Österreich so schön. Wieso eigentlich nicht mal Schweiz?

    Den Kleinkram wische ich jetzt zur Seite und wünsch euch, dass es bald wieder aufwärts geht und das Jammertal durchschritten ist. Es nimmt kein Ende, gell? Gute Besserung!

  12. Die arme Frau L. (die von Anbeginn dieses Blogs meine volle Sympathie genießt!), auf diesem Wege beste Genesungswünsche von einer unbekannten

    Musi (Blogleserin)

  13. @Jutta: anderen geht es viel schlechter, da geht es „uns“ vergleichsweise sehr gut. Danke Jutta.

    @Musi: die Unbekannte meldet sich immer wieder mal, also ist sie so unbekannt auch wieder nicht. 🙂 Danke für den Zuspruch.

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