Doubs(12) Tuilerie

Doubs der Unschlüssige (12): Combes de Punay

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Wer im Auto kein Navi sein Eigen nennt, verfährt sich zuweilen. Wie ich zum Beispiel. Auf dem Weg vom Doubs zur Loue, einem Zufluss des Doubs, passierte ich auf Irrwegen ein eigenartiges Gebäude, das mich auf den ersten Blick faszinierte und anhalten hiess: wie sich später zuhause beim Recherchieren herausstellte, die Anciennes tuileries des Combes de Punay. Ich fühlte mich dabei ein wenig wie der britische Archäologe Howard Carter bei der Entdeckung der Grabkammer von Tutanchamun.

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Wer sich die Mühe macht, über allerhand Zivilisationsschutt in den Tempel einzudringen, wird von einer Zauberwelt empfangen. Eine alte, ehemalige Ziegelstein- und Klinkerfabrik. Dem Verfall preisgegeben. Aufgegeben. Verlassen. Denkmalgeschützt. Ein „édifice classé au titre des Monuments historiques“. Wie schön das in der Sprache der Pariser Verwaltungsaristokratie doch klingt.

Die ersten Gebäude der Fabrik wurden 1839 von Charles Guyot de Vercia erbaut. Die Fertigung war damals noch handwerklich. 1845 wurde eine Dampfmaschine in einem eigens entworfenen Gebäude installiert, um „tuiles perfectionnées“ zu produzieren.  Die Dampfmaschine betrieb die Mühle zum Zerkleinern des Mergeltons und später eine Pressmaschine zum Formen von Ziegel- und Klinkersteinen. Das Werk verfügte über 2 Brennöfen zur Herstellung von Ziegeln und Backsteinen, sowie einen Kalkbrennofen.
1884, Jahre nach dem Tod von Guyot de la Vercia, kaufte der Holzhändler Firmin Mourot die Fabrik und ergänzte die Brennöfen mit einem Sägewerk, um mit dem Holz die Öfen zu betreiben.

Um die 1930 war Schluss mit Fliesen.  Die Säge wurde noch ein paar Jahre weiter betrieben. 1965 stellte die Firma ihre Aktivitäten vollends ein.

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1978 und 1988 wurden Restaurierungskampagnen durchgeführt. Das Werk wurde am 31. Juli 1979 zum historisches Denkmal deklariert.

Die Gebäude sind immer noch in Privatbesitz eines Nachkommen von Firmin Mourot. Doch fehlt es an Geld zum Unterhalt. Ideen zur Einrichtung eines Ecomusée scheiterten. Anfängliche Unterhaltsbeiträge verschiedener Körperschaften des Pays d’Ornans mussten aus gesetzlichen Gründen 2012 wieder gestoppt werden. Langsam zerfällt die Anlage.

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Die Brennöfen und Maschinen sind längst ausgebaut und versilbert

Von einer eigenartigen Schönheit sind die Unterlagsbrettchen, auf denen die feuchtgeformten Ziegel und Steine unter dem Dach langsam trockneten, bevor sie im Ofen während ca. 5 Tagen gebrannt werden konnten. Lagerung unter dem Dachstock, weil sich dort wohl die Abwärme der Brennöfen staute.

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Unterlagsbrettchen

Die Trockenracks wurden wohl mit Seilzügen unter den Dachstock hochgezogen (?) und auf Querträgern gelagert.

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Gewaltig der Dachstock mit den Trockenracks. Ein Hochregallager aus dem 19. Jhdt.

Die Unterlagsbrettchen wurden offensichtlich in dieser Werkstatt handgefertigt. Heute haben die Spinnen das Regime übernommen.

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Der Dachstock mit dem Zugang zu den Trockenracks ist morsch. Katzen sind hingegen, wie im alten Aegypten, nicht nur geduldet, sondern werden offensichtlich als heilig verehrt. Schliesslich stehen sie unter dem Schutz der Göttin Bastet. Tochter des Sonnenkönigs Re.

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Allfällige Besucher bitte Katzenfutter nachfüllen!

Ganz zum Schluss meiner archäologischen Expedition stiess ich auf  ein antikes Reklameschild „Buvez les vins Grappe Exquise“. Das Siegel einer Schatzkammer? Was würde die Kammer bergen? Gold und Edelsteine? Sarkopharge? Mumien? weingefüllte Amphoren oder bloss den vergessenen Weinkeller des verblichenen Tempelbesitzers?  Aufgeregt schob ich das Siegel beiseite.

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Nichts von alledem. Die dahinter liegende Kammer war bereits von Grabräubern leergeräumt. Und enthielt alte Traktorenpneus statt Weinflaschen. Wäre doch zu schön gewesen.

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Anmerkung: Ich bin mir bewusst, dass ich mit solchen Themen die Mehrzahl rezepthungriger foodblog-Leser vergraule. Doch damit muss und kann ich leben.

Quelle:
Patrimoine en Bourgogne-Franche-Comté (mit Plänen)

28 Kommentare zu „Doubs der Unschlüssige (12): Combes de Punay“

  1. Im Gegeteil! Ganz fasziniert han‘ i di „archäologische“ Bricht gläse.
    Vo dine Rezäpt sind no gnueg uf dr Wartelischte, so dass es mir nie langwiilig wird. Und denn gits no Rezäpt wo scho lang uf e Wiiderholig hoffe. Also nur zue, was immer dir Fraid macht.
    Sunnigwarmi Griess – du waisch vo wo … 😉

    1. Danke für dein Verständnis! Bis Mitte nächster Woche hat sich der Sommer hier wieder festgesetzt: schönstes Wanderwetter, wenn ich nicht gerade Arzt- und Autotermine wahrnehmen müsste.

  2. Vielen Dank für den wunderbaren Ausflug am Doubs, den ich auch sehr liebe! Ich freue mich immer sehr, wenn ich teilhaben darf an den Erkundungen. Sie haben nicht nur Geschmack am Essen, sondern eine Liebe zur Welt.
    Herzlichen Dank aus Schwabach!

  3. Und das ist alles einfach so zugänglich?
    Nicht nur weil ich neben einer Ziegelfabrik (Oberachern) aufgewachsen bin, fasziniert mich dieser Bericht mitsamt seinen wunderbaren Fotos! Morbide Industrieästhetik.

  4. Mich vergraulst du mit solch interessanten Berichten auch nicht, lieber Robert, aber das weißt du ja.
    Mich wundert auch, dass das so frei zugänglich ist.
    Ist ja auch nicht ganz ungefährlich, wenn alles mit der Zeit morsch wird….
    aber schön und faszinierend!

    Liebe Grüße an euch zwei
    Eva

    1. Wir kochen ja beide sehr gerne. Aber nicht ausschliesslich 🙂
      Wenn die Anlage dem Staat gehören würde, wäre wohl eine Zaun drum gezogen. Liebe Grüsse zurück nach HH.

      1. Auch mich vergraulst Du mit solchen faszinierenden Geschichten überhaupt nicht, Robert. Bitte mehr davon. Mir geht es übrigens wie Dir: Ohne Navi und nicht gerade orientierungsbegabt, komme ich manchmal in Gegenden, die Autofahrer mit Navi nie sehen würden. Grüsse aus Spanien Margit Kunzke

        1. der Navi lenkt mich von der Konzentration auf die Strasse ab und ist mir deshalb zu gefährlich. Wenn man sich nach dem Sonnenstand richtet, kommt man immer am Ziel an. Und wir leben ja nicht im Urwald 🙂 Danke, das du mir treu bleibst.

  5. Ganz tolle, einzigartige Fotos mit interessanter Beschreibung! Wen das vergrault, der soll auch kein Rezept bekommen – altes Sprichwort! 🙂 Herzlich, Sunni

    1. Aus dem alten, chinesischen Sprichwörterschatz schöpfe ich auch so gerne 😉
      Nun ist noch ein Bericht über das Vallee de la Loue ausstehend, dann ist Winterreisepause, frei nach Franz Schubert.

  6. Da ich gestern keine Ruhe hatte, habe ich mir erst heute Abend deinen wunderbaren Bericht über die alte Ziegelei zu Gemüte geführt. Text und Bilder sind eine großartige Einheit. Und was das Navi betrifft, da bin ich der Meinung, dass dieses nur zusammen mit einem einigermaßen „gesunden Menschenverstand“ funktionieren kann.
    Herzliche Grüße vom herrlichen Herbst!

  7. Lieber Herr Lamiacucina,
    solange in deiner Cucina so gute Geschichten bereitet und so gute Fotos gemacht werden (das Gestell! ach, könnt ich so aufmerksam fotografieren!) bin ich immer gern darin zu Gast. Und wenn nur kurz oder unregelmäßig, so liegt es an Verwirbelungen beim Zeitreisen, meinem. Um so lieber schaue ich hier herein, wo jederzeit mit Sorgfalt und Geduld angerichtet wird, ob Keks oder Text. Ich freu mich dran, hab Dank!

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