Zwangsurlaub im Jura

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Das Duett von Betonschneidmaschine und Presslufthammer, unterstützt von Hammerschlägen, war nicht mehr auszuhalten. Die neuen Besitzer des Erdgeschosses wollen offensichtlich durch Entfernen tragender Mauern die Statik unseres Basler Wohnhauses testen. Dass die Hütte nicht zusammenkracht, verhindern Eisenspriessen. An Kochen und Schreiben ist nicht mehr zu denken. Ab in den Jura. In unser winziges Wochenendhäuschen am Rand der Freiberge. 30 m2 Wohnfläche. Kein Telefon. Kein Internet. Nichts.

anklicken für grössere AnsichtUns erwartet Schnee, für uns der erste richtige Schnee dieses Jahr. Und Hochnebel, gerade so hoch, dass man auf 900 m ü.M. mittendrin steckt. Gegen Mittag macht er der Sonne Platz. Ich liebe dieses eigenartige, goldene Leuchten des Nebels, kurz vor dem langsamen Durchbrechen der Sonne.
Der Jura ist eine rauhe Gegend. Im Oktober fällt der erste Schnee, im April der letzte. Dazwischen eine kurze, aber intensive Vegetationsperiode mit Sonne, Regen, Nebel und stürmischen Winden. Karge Böden, Steine, Steine und nochmals Steine.

 

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Hier noch ein Blick ums Haus und in unsere Miniküche:

leicht verzuckert
leicht verzuckert
Stillleben mit Schneeschaufel
Stillleben mit Schneeschaufel
Küchenzeile
Küchenzeile
Auszugs-Kühlschrank
Auszugs-Kühlschrank
Hütten- statt Gourmetküche
Hütten- statt Gourmetküche
Stützen des Hauses (Spriessen)
Stützen des Hauses (Spriessen)

Eine runde Spüle, ein Bioloch, zwei Klapp-Elektroherdtafeln, ein Umluft-Backofen in halber Bauhöhe. Gegenüber eine kleine Anrichte, der eingebaute Kühlschrank mit Auszugstablaren. Praktisch, weil man sich nicht so tief bücken muss. Hier wird nie gross gekocht, eher aufgewärmt. Heute aufgetaute, selbstgemachte Knöpfle mit Dosenerbsen und Spiegeleiern. Hier fällt der elektrische Strom wegen umgekippter Tannen oft aus, darum Dosengemüse.
Die Freiberge, überhaupt der ganze Jurabogen von Basel bis Genf sind ein grosses, wunderschönes Wandergebiet, ich sollte mehr darüber berichten, leider ist Frau L. nicht mehr in der Lage, an grösseren Wanderungen teilzunehmen. Darum wandern wir solidarisch mit dem Auto.

Und keine Geschichte ohne Geschichte:
Bis ins Mittelalter waren die Jurahöhen der Freiberge kaum besiedelt. Durch eine Schenkung Rudolfs III. von Burgund wurde das Gebiet im Jahr 999 dem Bischof von Basel übergeben. 1384 stellte der damalige Fürstbischof Imer von Ramstein einen Freibrief für die kaum besiedelte Region aus, um die Gegend urbar zu machen. Der Freibrief erliess Ansiedlern und ihren Nachkommen Zinsen und Zehnten auf dem von ihnen gerodeten Grund und Boden. Und das für ewige Zeiten. Deshalb bekam das Gebiet den Namen Franches Montagnes (auf deutsch: Freiberge). Im 16. bis zum 18. Jahrhundert liessen sich hier viele Täuferfamilien (Mennoniten) aus dem Emmental nieder, die dort wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und denen der (katholische) Bischof von Basel Glaubensfreiheit zusicherte.

Ewige Zeiten dauern auf der Erde meist recht kurz. Die zugesicherten, ewigen Freiheitsrechte wurden mit dem Einmarsch der napoleonischen Truppen 1792 beendet. 1678 hatte sich Ludwig XIV schon die angrenzende Franche-Comté von Habsburg-Spanien abgeluchst. Die Freiberge wurden annektiert, dem französischen Département du Mont Terrible, später dem Département Haut-Rhin zugeschlagen. Der Wiener Kongresses sprach die Region 1815 dem Kanton Bern zu, als Ersatz für den von Bern losgelösten Kanton Waadt. Seit 1974 bilden die Freiberge einen Bezirk des damals neu gegründeten Kantons Jura.

Au revoir, wenn die Handwerker am Montag wieder anfangen.

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35 Kommentare zu „Zwangsurlaub im Jura“

  1. wieder was gelernt…Danke! Die Küche erinnert mich an unseren letzten Fankreich Urlaub (aber mit Gas). Und der Kühlschrank gehört in ein Museum. Toll!

  2. Wie gut, dass ihr diese Rüchzugsmöglichkeit habt und da ist dann auch mal keine Gourmetküche notwendig.
    Nett, dass du uns gezeigt hast, wohin ihr euch dann so zurückzieht; genießt die Tage dort! 🙂

  3. es gibt schlimmeres, ehrlich!

    Ich würde die Statik des Hauses dann doch nochmal überprüfen lassen, nur Pariser Häuser sind so beweglich….

  4. So einen schönen Zwangsurlaub hätte ich jetzt auch gerne!! Sieht richtig schön aus! Außerdem finde ich es im Urlaub auch mal schön, nicht so kompliziert kochen zu können, bleibt mehr Zeit für alles andere…

  5. Lärm ist wirklich quälend – gut, dass ihr die Möglichkeit habt, ihm auf so prächtige Weise zu entfliehen. Diese verschneite Landschaft ist zu schön. Und der Blick in die Küche ebenfalls. Macht das Beste daraus und genießt die schöne Zeit, ohne zuviel an die Erstwohnung zu denken!

  6. Wo gibt es den diesen Kühlschrank?Ich bin schon lange auf der Suche nach einem Schubladen-Kühlschrank. Gibt es aber nur im Gastronomie-Bereich und ist sündhaft teuer.

  7. Schön, daß Ihr wenigstens noch mit dem Auto „wandert“ und nicht den Kopf in den Sand steckt. Und für diese Landschaft lohnt es sich auch.

    Und zum Kochen in solchen Küchen:
    Diese Hüttenküche ist doch was ganz anderes, aber in dieser Umgebung schmecken Hüttengerichte wie Gourmetgerichte.

  8. Wenn ich ein Häuschen in sooo einer schönen Gegend hätte, würde ich wahrscheinlich dort freiwillig überwintern 🙂 Schon die Aussicht auf sooo viel *SCHNEE* würde mein Herzchen jubeln lassen!

  9. Was für ein schöner Flecken Erde 🙂 Da könnte ich das auch gut aushalten mit einem großen Stapel Bücher 😉 Ich hoffe die Bauarbeiten sind bald vorbei und ihr habt auch zu Hause wieder Ruhe!

  10. Wunderschöne Umgebung Eures Ausweichquartiers, vor allem mit all diesem Weiß, da woanders ja schon längst wieder geschmolzen ist. Und wenn man Autowandert, gibt es im Jura ja auch viel zu entdecken – bestimmt guten Käse und zumindest Richtung Belfort auch viele gute Weine, die dazu passen:-).

    Die Hütte ist ja noch doppelt so groß, wie meine Hauptwohnung und die Küche geradezu ein Luxus – sogar mit Kühlschrank! – immerhin ist mein zwei flammiger Gaskocher unabhängig vom Stromanschluss (den wir ja auch nicht haben:-)) – Deftige Gerichte passen ja auch gut zum Wetter also: Zen und gute Erholung.

  11. @Stefan: der Kühlschrank ist erst 10 Jahre alt 🙂

    @Eva: wenn man mitten in der Stadt wohnt, kann man sowas immer wieder gebrauchen.

    @mipi: nach 3 Tagen sehnt man sich wieder nach etwas Lärm.

    @Bolli: es steht noch, aber überall liegt Staub von den Erschütterungen.

    @rike: der Vorteil des Alters 🙂

    @Jutta: übers WE sind wir wieder in Basel und geniessen die Ruhe, und kochen was, der Blog will nächste Woche wieder gefüttert sein, Mitte Woche ist dann das Schlimmste überstanden.

    @Mike: Hallo Mike, ein Haushaltmodell von Siemens, im Internet hab ich ihn bei der Firma nicht gefunden, ist auch schon 10 Jahre alt und vermutlich kein Verkaufsschlager.

    @Nathalie: das tun wir so oft wie möglich.

    @Hanne: früher hatte es dort mehr Schnee, in letzter Zeit ist er auch rarer geworden.

    @Anikó: Für kurze Zeit geht es gut, plötzlich fehlen einem Dinge, die man zuhause um sich hat.

    @Rosa: the Jura-arc goes up to Geneva 🙂

    @Iris: es ist erstaunlich, was man in 30m2 unterbringen kann, ein kompletter Haushalt. Nur wenn schlechtes Wetter ist, wirkt die Enge beengend.

  12. Ein schönes Fleckchen Erde – eure Zweitheimat, auch im Sommer!
    Wir waren vor ein paar Jahren in Goumois im Hotel Taillard. Bei diesem Urlaub, der sehr erholsam war, sind wir auf einer Wanderung ein Stück den Doubs entlang und hoch nach Saigneligier und wieder zurück nach Goumois gelaufen. Das Essen in diesem Hotel habe ich in angenehmer Erinnerung. Zum Schluss haben wir noch Comté in Trévillers gekauft und uns und die Daheimgebliebenen damit erfreut.

  13. So hat das Schlechte auch etwas Gutes: Abstand vom Internet, vom Blog, vom aufwändigen Kochen, von allerlei Verpflichtungen. Das tut doch bestimmt gut und erst recht in so wunderschöner, wenn auch herber Landschaft. Wunderbare Fotos sind das und sehr stimmungsvoll, besonders die Nummer 2.-

    Dass es ausziehbare Kühlschränke gibt, wusste ich nicht. Genial.

  14. Bocuse: „Die Küche macht 20 % des Restaurants aus, der Rest ist Atmosphäre!” und die scheint gut zu sein. Ausserdem ist es auch entscheidend mit wem man speist! Eine gute Zeit im Kurzexil.

  15. Ich habe auch so einen Striptease-Kühlschrank (damals von AEG), inzwischen hat er fast 20 Jahre auf dem Buckel und fängt an zu schwächeln. Leider werden die Teile nicht mehr hergestellt und ich suche verzweifelt nach Ersatz! Also, lieber Robert, falls Du Dich mit dem Gedanken trägst, ihn zu verschrotten, gib mir Bescheid – ich würde ihn auch im Jura abholen…

  16. In der aktuellen e&t wird auf S. 48 zum Thema „Küche der Zukunft“ ein Schubladenkühler angekündigt. Eine Freundin hatte einen in quietschorange in ihrer Studentenbude, der war klasse- man konnte viel mehr unterbringen (und wiederfinden) als im normalen mit Tür.
    Viel Spaß und gute Erholung im Jura!

  17. Oh, Robert, wie ist das schön, herrlicher Schnee, wunderschöne Fotos (von dir auch nicht anders gewohnt), dazu noch ein Prise Geschichtsunterricht, es lohnt sich immer, bei dir herein zu schneien.

    Wofür doch Pressluft-Hammer gut sein können ! 😉

  18. Schöne Bilder. Ich hoffe die Heizung funktioniert gut. eine eigene Küche ist trotz begrenzter Größe bestimmt gut ausgestattet, im Vergleich mit den meisten Ferienwohnungen.

  19. uii, das ist mal ein klasse Ausreissquartier. Da fielen mir öfters mal Gründe ein warum ich jetzt unbedingt dorthin müßte.
    Schön! Ich beneide Euch!

  20. Schön habt Ihr es dort, tolle Bilder. Danke für den privaten Einblick. Und alles so sauber, sogar das Fenster blinkt. Wie nennt Ihr eigentlich das hölzerne Spaghettidings? Ist das nicht auch -wie diese roten Gummidinger, die man für einen verstopften Abfluss verwendet- ein Utensil ohne Namen?
    Kriegen den die Vögel bei dem Schnee auch ab und zu mal einen Sonnenblumenkern?

  21. @Ursula: Wahnsinn, vom Doubs hoch und wieder zurück, da kommt ja unser Auto ins keuchen. Im Taillard erinnere ich mich gerne an einen Morcheltopf, der mit einem Suppenlatz serviert wurde 🙂

    @Kochfrosch: erst fertig studieren 🙂

    @April: nix mit Ausruhen, am WE sind wir wieder hier in Basel.

    @BRIN: Bocuse mit seinen 3 Konkubinen hat gut lachen 🙂 aber ich bins zufrieden.

    @elettra: meiner ist von SIEMENS. Aber wenn man auf die Etikette auf der Rückseite schaut stammen alle von Liebherr 🙂

    @Inga: Danke, am WE sind wir wieder nach Basel zurückgekehrt, momentan regnets hier so stark, dass wir versuchen hier auszuharren, dann ist es im Jura auch nicht schöner. Die Auszugsschubladen sind punkto Höhe heikel, oft merkt man erst beim Reinschieben, dass etwas nicht reinpasst.

    @ultraistgut: schnei nur, Frau Holle 🙂

    @Sivie: bis und inklusive zum Spaghettimass ist alles vorhanden. Elektrische Standheizung und ein Schwedenofen, wenn man da nicht aufpasst hat man 29°C in Raum.

    @Thea: ja da sind wir auch öfters froh drum.

    @Poulette: ein Spaghettiheber mit eingebauten Spaghettimasslöchern. Absolut unnütz. Bis vor 2 Jahren habe ich die Vögel kräftig gefüttert. Damit habe ich aufgehört, da wir unregelmässig da sind und die Elstern die ganzen Fett-Kerne-Stangen samt Halterung abgehängt und den Meisen geklaut haben. Eine willkürlich rassistische Unterscheidung, ich weiss.

  22. Die Küche ist ja noch viel größer als meine im Wohnmobil. Und dort gab es nie eine Dose 🙂

    So ein Fluchtdomizil ist etwas feines und könnte mir auch gefallen!

  23. Das kann ich nur zu gut verstehen. Alle Tiere sind mir lieb, aber mit Elstern hab ich da so meine Probleme. Die sind so frech, ohne Rücksicht auf Verluste.

  24. Einfach wunder-voll!!! Ich wünschte, ich könnte da auch einmal ein paar Tage verbringen – fern von Internet und Telefon, ganz mit mir selbst beschäftigt und mit meinem Liebsten 🙂 In dieser herrlichen Landschaft, mit dieser entzückenden Küche – sowas Süßes hab ich nicht mal bei mir zu Hause in Wien… So schön… Genießt die Zeit im Schnee! 🙂

  25. Glückwunsch zu diesem Refugium! Es erinnert mich an unser Boot, auf kleinstem Raum kochen, schlafen und wohnen ist für begenzte Zeit ganz toll – da gibt es viele liebe Erinnerungen. Ein schöner Bericht mit schönen Fotos.

    Liebe Grüße aus Wien

  26. Schön, daß Ihr Euch für den Zwangsurlaub in diese schöne Gegend (tolle, stimmungsvolle Aufnahmen) zurückziehen könnt. Die Küche finde ich wirklich gut eingerichtet (mein Kühlschrank (Bosch) hat im unteren Teil auch Ausziehfächer. Der Vorgänger war allerdings besser eingeteilt, auch hinsichtlich der Abmessungen und der Ausstattung des Gefrierabteils. Leider wird er nicht mehr hergestellt, dafür war er teuerer…).

  27. Allerliebst, das Refugio. Und daß es in der Küche nur Aufgewärmtes gibt, glaube ich nicht, denn ich habe einen( Rezepte)ordner gesehen.
    Den Jura kenne ich nur von Genf aus, unvergeßlich die Kirche von Romainmôtier.

  28. @the rufus: drum laufen wir nur noch auf leisen Sohlen, damit nichts erschüttert wird.

    @kulinaria: Holz ist für uns, was Kohle für NRW.

    @kochundbackose: wir sind da nicht so prinzipienfest 🙂 Ein Fluchtdomizil darf nicht weiter als eine Autostunde entfernt liegen, sonst ist es nur noch eine Ferienwohnung.

    @Poulette: ich bin ihnen nicht gram, sie sind halt auch hungrig.

    @Elisabeth: es regnet jetzt auch hier und wir sind wieder in Basel. Man muss die Glücksmomente erfassen, wenn man sie greifen kann.

    @Wienermädel: es hat wirklich was von einem Boot, insbesondere die doppelstöckige Schlafkoje 🙂

    @Charlotte: diese Geräte unterliegen fortwährenden Verbesserungen oder Verschlimmbesserungen.

    @Buchfink: Fondue gibts frisch. Danke, dass Du mich an Romainmôtier erinnerst. Da waren wir schon oft und ich wollte schon lange darüber berichten, muss aber erst Fotos machen.

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