Es ist ein Mädchen…

ilprimo 20200312_140811

Es ist ein Mädchen geworden. Endlich. In wilder Ehe arghh… mit wilder Hefe erzeugt. Unzählige Versuche (siehe hier) endeten mit plötzlichem Kindestod und Entsorgung im Abfalleimer. Die wärmste Ecke der Küche war dem Nachwuchs offensichtlich zu kalt. Erst warme Bettflaschen brachten das Baby bei 27°C zu gedeihlichem Wachstum. 3 Tage Rohkost (Apfelwasser und Ruchmehl, mehr oder weniger nach Anleitung von Maestro Claudio) und häufige Fütterungen brachten zuletzt die gewünschte Volumenzunahme innert 2 Stunden. Alles mit halben Mengen. Wenn meine 500 ml fassende Wiege überzulaufen drohte, wechselte ich Wiege und Windeln und reduzierte dabei gleich 2/3 der überquellenden Brut. Das Baby soll mir nicht über den Rand des Laufgitters springen.

Am vierten Tag der Schöpfung durfte ich hoffnungsvoll daran denken, das Kind der warmen Mutterbrust zu entwöhnen, es auf Halbweissmehldiät und bibberkalte 25°C zu setzen. Sein Appetit verlangsamte sich, doch ich fütterte es -braver Vater der ich bin- immer dann, wenn es schrie und Hunger hatte. An das vorgegebene Fütterungsschema „alle 6 oder 12 Stunden“ war nicht zu denken. Der Nachwuchs bestimmte in seinen ersten Lebenstagen meinen Tages- und Schlafplan, Los jedes frisch gebackenen Vaters. Übernächtigt, aber mächtig stolz auf mein Kind nenne ich das Mädchen Ferdinand. Entgegen aller Gepflogenheiten.

Was mache ich nun mit dem Kind? Anonym in die öffentliche Babyklappe des Spitals legen? Nein, das wäre verantwortungslos. Demütig Nachbacken, was die Brotbackkönner des Internets täglich vorbacken? Eigentlich das Gebot der Stunde für einen Brotanfänger wie mich. Oder doch lieber auf eigenen Füssen stehen und scheitern? Wie gestalte ich das Leben mit Kind? Ich will ja kein Meisterbäcker mehr werden, will nichts von Detmolder 3-Stufenführung wissen, will keine Foren mit Fragen füllen. Ich will mein täglich Brot und die Routine, es bei Bedarf reproduzierbar backen zu können. Mehr nicht.

Ich versuchs einfach mal mit meinem geliebten Pinsa-Teig-Rezept, den hab ich schon einigemale zu Pizza verbacken. Ich bastle mir daraus mutig ein Topfbrot mit Bier und ausschliesslich Mutterhefe.

Bier Pinsa Brot

Das ist kein Rezept zum Nachbacken. Ich halte hier nur das was&wie mit allen Fehlern fest.

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Zutaten
250 g Halbweissmehl
90 g Manitobamehl (Caputo)
70 g aktive Lievito madre
20 g Reismehl
10 g Kichererbsenmehl
100 ml Amber Bier oder Indian Pale Ale
125 ml Wasser, kalt
1 TL Olivenöl
10 g Salz
25 ml Wasser
(tot.  ca . 700 g Teig)

Zubereitung
(1) Abends um 18h alle Mehle, Mutterhefe, Olivenöl, Bier und Wasser in die Schüssel der Küchenmaschine geben und auf kleinster Stufe 5 Minuten kneten.
(2) Teig in bedeckter Schüssel 90 Minuten bei 26°C anspringen lassen.
(3) Teig flachdrücken, Salz aufstreuen, mit 25 ml Wasser portionsweise erst von Hand, später mit Maschine zu einem elastischen Teig kneten (5 Minuten Stufe 2)
(4) Teig in Gärbox 36h bei 10°C kühl stellen (Weinlagerschrank).
(5) am übernächsten Tag: in der Frühe aus dem Kühler entnehmen, auf Raumtemperatur angleichen, auf einem leicht bemehlten Brett mit nassen Händen dreimal dehnen und falten. Teig rundum über die Mitte zu einer Kugel einschlagen. Mit Schluss nach unten in ein gut bemehltes Gärkörbchen legen. Mit einem runden Backpapier in Topfbodengrösse und einem angefeuchteten Leinentuch zudecken.
(6) Ofen mit Gusseisentopf und Deckel auf unterster Schiene auf 250°C 20 Minuten vorheizen.
(7) Passende runde, dünne Aluplatte  auf den Backpapierbelegten Teig legen, das Körbchen beherzt umdrehen, Gusseisentopf aus dem Ofen nehmen, Teigling samt Aluplatte mithilfe meiner ingeniösen Brotteig-Absenkvorrichtung (wie bei einer Beerdigung den Sarg) vorsichtig in den Topf versenken. Deckel zu und Ruhe in Frieden für 30 Minuten im Ofen. Danach Deckel entfernen und weitere 15 Minuten bräunen.

Fazit: Das Brot riecht und schmeckt nicht schlecht für einen Erstling. Mildsäuerlich. Knusprige Kruste. Ist halt nur Halbweiss und Halbweiss ist weder Fisch noch Vogel. Und sichtbare Fehler sind auch zu sehen. Am nächsten Tag wars noch gut zu essen, aber der Knusper war weg. Deshalb bin ich zur Einsicht gelangt, dass Brot backen eine Kunst ist, und ohne Erfahrung, Ergebenheit und Demut nichts Brauchbares rauskommen wird. Also: Zurück an den Start. Jetzt backen wir uns (Ferdinand&ich) erstmals durch ein bewährtes Anfängerrezept, das Weizensauerteigbrot von Katharina Arrigoni, (besondersgut.ch). Das wiederholen wir solange, bis ein zufriedenstellendes, fehlerfreies Backwerk entstanden ist. Dann sehen wir weiter… bis zum Ziel: einem Baslerbrot.

Ich sorge indessen, dass mir Ferdinand  nicht stirbt. Mani Matter singt das Lied vom Ferdinand. Dass mir keine(r)  einen Nachttopf auf meinen Ferdinand werfe!

https://www.srf.ch/play/tv/glanz–gloria-clip/video/der-ferdinand-isch-gstorbe?id=a90c740e-a790-419f-a6f5-5caf41065c55

21 Kommentare zu „Es ist ein Mädchen…“

  1. Auch ich habe da so meine Probleme mit dem (Brot-)Backen und weiss, wie stolz man ist, auf ein gelungenes Werk. Und du darfst mit vollem Recht stolz sein auf dein Brot – es schaut absolut anbeissungswürdig aus.

    1. was kann man in diesen bösen Zeiten besseres machen als zuhause Brot backen? So muss ich schon nicht Schlange stehen. Denn an guten Bäckereien steht man immer Schlange. LG.

  2. ❤️liche glückwünsche. schön sieht es aus dein brot 😋 ich wäre damit zufrieden 😄 wir sind wieder am trauern 🤬
    geben aber nicht auf💪🏼!
    👋🏼❤️🐝

      1. 🤗das ist aber sooo lieb. ein wirklich schönes geburtstagsgeschenk, denn vor 60 jahren bekamen meine eltern auch zu hören: es ist ein mädchen…….
        daaaaaankeschööööön🙏🏼
        👋🏼❤️🐝

  3. Herzlichen Glückwunsch zur Geburt der „Tochter“, ich kenne diese Freude.
    Bei mir war es vor 3 Jahren ein Junge (Erich) und lebt seitdem in der Familie bei 7°C. Bei wöchentlicher Fütterung (50g)halten sich die Unterhaltskosten in Grenzen. Natürlich muss er auch dafür arbeiten. Eigenlob stinkt (ich rieche es schon) aber es hat auf Anhieb geklappt. Mein Geburtshelfer war Lutz Geissler „Plötzblog“, der wirklich ein sensationelles Wissen hat und das den Backinfizierten zu Hause weitergibt. Einen schönen Sonntag und herzliche Grüsse an die Tochter.
    Roland aus BY

    1. Von Plötz besitze ich auch ein Buch. Lutz ist wirklich eine Backkoryphäe. Und was der Plötz für D ist, ist die Katharina für die Schweiz 🙂 Doch für meinen Bedarf genügt ein einfaches Hausbrot. Nur herausragend gut muss es sein. Ich esse lange nicht jedes Brot, sehe ihm schon von aussen und der Krume an, ob ichs mag oder nicht. Gruss ausgerichtet. F ist noch etweas schüchtern.

        1. Das ist ja soo lieb von dir. Aber diese Woche bin ich auf dem Land im Mühliladen fündig geworden und hab wieder Mehl. Herzlichen Glückwunsch übrigens noch zum Geburtstag. Hoffentlich seid ihr dazugekommen, ihn zu feiern.

  4. Grundversorgung mit Wasser und Brot scheint gesichert im Hause Lamiacucina!
    Ansonsten, lieber Robert: ein schönes Mädchen, gebettet in einen mindestens ebenso schön geschriebenen Text!

    liebe Grüße…

    1. Danke, liebe Micha,
      ich backe jetzt auch alle 3 Tage mein eigenes Brot und es gelingt mir schon ganz ordentlich.
      Haltet euch gut und freut euch, dass ihr so fernab der Zivilisation wohnen dürft.

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