I-39020 Glurns/ Glorenza: von Zwergen und Mäusen

Glurns
Glurns

Glurns (ital. Glorenza) ist eine der kleinsten und merkwürdigsten Städte der Alpen im Vinschgau. An alten, strategisch wichtigen Handelswegen gelegen (Reschenpass ins Nordtirol bzw. Ofenpass ins Engadin) erlangte sie Wohlstand als Umschlagplatz für Salz, das aus Hall im Nordtirol Richtung Süden, und Südfrüchten, Schmiedewaren sowie Gewürzen, die aus Italien in den Norden transportiert wurden. Das heute italienische Vinschgau und das grossenteils schweizerische Münstertal waren seit dem Frühmittelalter zwischen dem Bistum Chur und der Grafschaft Tirol umstritten. Der Bischof von Chur kontrollierte im Mittelalter als «Fürstbischof» des Heiligen Römischen Reiches grosse Teile des heutigen Graubündens, Chiavenna, Bormio und den Vinschgau.

Glurns
Glurns

Der Machtzuwachs der Habsburger unter Maximilian I. führte ab 1494 zu einem langwierigen Konflikt mit Frankreich um die Vorherrschaft in Italien. Zankapfel waren die Alpenpässe, die eine direkte Verbindung zwischen Innsbruck und Mailand ermöglichten. Hinzu kamen Streitigkeiten mit den Eidgenossen als Folge der Ausbreitung der Macht Habsburgs in Graubünden. 1499 wurde nahe Glurns in der Schlacht an der Calven ein überlegenes kaiserliches Herr (von Maximilian I.) von einem Heer der Drei Bünde nach einem Umgehungsmanöver vernichtend geschlagen. Im Anschluss daran plünderten die siegreichen Truppen die Stadt, steckten sie in Brand. Die Oesterreicher rächten sich später durch Verwüstung des Münstertales. Im Zuge des Wiederaufbaus von Glurns wurde die heute noch bestehende Stadtbefestigung errichtet.

Stadtmauern
Stadtmauern
Noch mehr Stadtmauern
Noch mehr Stadtmauern

Etwa 1580 vollendet, begann der wirtschaftliche Abstieg der Stadt. Neue Handelsrouten wurden erschlossen (Brenner durchs Eisacktal). Zudem war die neue Stadtbefestigung schon Anfang des 17. Jahrhunderts durch die Entwicklung des Kriegswesens militärtechnisch wertlos. Im 19. Jahrhundert herrschten in der ehemaligen Handelsstadt überwiegend kleinbäuerliche Wirtschaftsstrukturen. Noch heute werden Kühe und Ziegen innerhalb der Stadtmauern gehalten.

Laubengasse in Glurns
Laubengasse in Glurns
Glurns
Glurns

Das intakte Stadtbild von Glurns macht den Eindruck eines kleinen Zwergenstädtchens. Alles ist klein, überschaubar, die Stadtmauern lassen sich in wenigen Minuten umwandern. Kulinarisch lässt sich nichts erwähnenswertes berichten. Auch vom 500 Jahre alte Gasthof zum Grünen Baum nicht. Immerhin zwei gute Kaffehäuser. Eher erwähnenswert der 1519 in Glurns durchgeführte Mäuseprozess: In Folge einer grossen Mäuseplage wurden die Mäuse im Umfeld der Stadt vor Gericht zitiert. Nach einer umfassenden Beweisaufnahme, an der auch ein Anwalt der Mäuse anwesend war, erfolgte der Urteilsspruch. Die Mäuse wurden zwar aufgrund ihrer Natur als unschuldig erkannt, aber trotzdem aus der Region verbannt. Immerhin kam man neugeborenen und schwangeren Mäusen soweit entgegen, dass man ihnen einen zweimaligen Aufschub der Frist von 14 Tagen gewährte. Ihre Nachkommen lachen noch heute über die Justiz.

Malsertor
Malsertor
Gasthof zum grünen Baum
Gasthof zum grünen Baum

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14 Kommentare zu „I-39020 Glurns/ Glorenza: von Zwergen und Mäusen“

  1. @Marcie: wende Dich vertrauensvoll an die örtliche Anwaltskammer. Mit der Aussicht auf einen jahrelangen Prozess mit Honorarfolgen findest Du an jeder Hand 5 Juristen, die Deine Klage gegen die Schneckenplage vertreten wollen 🙂

    @Rosa: Glurns has been less peaceful in the past centuries.

  2. Schön, heute wieder eine kleine Ausflugsreise mit lamiacucina gemacht….ich freu‘ mich da immer richtig drauf! DANKE!!

  3. @Heidi: dafür gibts Autos 🙂

    @the rufus: Geduld, der Bonsai braucht noch weitere 500 Jahre.

    @Bolli: die Schlutzkrapfen waren von mässiger Güte.

    @Eva: gern geschehen, ich reise so gerne für Euch 🙂

  4. jeder besuch hier ist ein genuss: nicht nur kulinarisch. merci vielmals (auch für die aufnahme unter „non food … ) für deine wunderbaren texte und fotos.

  5. ach erst kochst du so unglaublich gut, und dann machst du auch noch so richtig tolle fotos…

    dafür bin ich umwerfend gut im „wahnsinnig aufwändig stundenlang zubereitete gerichte in sekundenschnelle vernichten“

  6. Schön! Wie gut, das es all die Orte auch in zwanzig Jahren noch geben wird. Dann wird eine sechswöchige Lamiacucinatour gemacht.

  7. @ellisillius: mich haben Deine professionellen Bilder sehr beeindruckt. Zeichnungen von dieser atmosphärischen Dichte habe ich in letzter Zeit nur noch bei diesem Maler (der in Chiavenna arbeitet) gesehen: http://www.brunoritter.ch/

    @dilemma: das Vernichten gehört auch dazu 🙂

    @poulette: toll, Du planst mit fernem Horizont.

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