La Seille

Der Doubs und seine Cousinen (26): La Seille

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La Seille. Nächste Cousine, neuer Bach. Oder umgekehrt. Das Bächlein Seille, das im Felsentalschluss des Cirque de Ladoye entspringt, kriegt nach wenigen Kilometern Verstärkung durch ihre Zwillingsschwester aus einem Seitental, die Seille de Baume, die ihrerseits von Dard, dem kleinen Bruder der Schwestern begleitet wird. Geschwisterlich vereint mündet das Trio nach 100 km Reise durch die Bresse südlich von Tournus in die Sâone und begegnet dort ihrem, mit Sâonewasser verdünnten Cousin zweiten Grades, dem Doubs. Kurz: furchtbar komplizierte Verwandschafts-verhältnisse.
Von Dole über Land her kommend, begegne ich dem Bach bei der Passage durch Arlay, einem historischer Ort, Liebhabern des vin jaune ein Begriff.

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Die alte Burg von Arlay

Seit dem 9. Jahrhundert existiert hier eine Burg, deren Bau einem fränkischen Edelmann zugeschrieben wird. 1269 gelangte sie in Besitz der Herren von Chalon-Arlay und Salins, den damals mächtigsten Herren des mittelalterlichen Jura in der Grafschaft Burgund. Die Ausbeutung der Salzminen von Salins sichertr ihren Wohlstand. Die damals noch salzarmen Schweizer waren für ihren Käse auf das weisse Gold aus dem Jura angewiesen. Doch hatte die Burg nicht lange Bestand. 1479 wurde sie von König Ludwig XI. auf dessen Rachefeldzug gegen Burgund zerstört. Die Chalon-Arlay-Linie war aber zäh, widerstand mit ihrem Wahlspruch „Je maintiendrai Chalon“ allen Anfechtungen, einer heiratete gar die Erbin des Fürstentums Orange und die Chalon-Arlay wurden zur Linie der Prinzen von Orange. Sein letzter Nachfahre Philibert wurde Vizekönig von Neapel und Heerführer von Kaiser Karl V.. Nach seinem Tod, 1530, in der Schlacht bei Pavia gegen den französischen König, Franz I,  fiel sein Erbe testamentarisch an seinen Neffen René de Nassau aus dem Hause Orange-Nassau.

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Rue du Bourg Dessus im alten Teil von Arlay
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La Chevance d’Or, Adelsquartier in Arlay aus dem 16. Jahrhundert

Doch letztlich setzten sich die Franzosen im Jura durch. Im Frieden von Nimwegen musste Habsburg-Spanien 1678 die Freigrafschaft an Frankreich abtreten. Nach jahrzehntelangen Erbstreitigkeiten willigte William III. von Nassau 1684 widerwillig zu, die Domaine d’Arlay an französische Adlige abzutreten. Frankreich anerkannte 1697 im Frieden von Rijswijk Wilhelms Herrschaft über die britischen Inseln und sicherte sich dafür einige Gebietszugewinne. Nach weiteren Rechtshändeln einigte man sich 1730 definitiv: Die neuen Besitzer behielten Arlay und die Nassau alle Titel. Deshalb nennt sich der heutige König der Niederlande, Willem-Alexander (der mit dem oranje Vollbart) u.a. Baron van Arlay.

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Chateau d’Arlay, 18. Jahrhundert

1770 kaufte eine Nachfahrin der Besitzerfamilie, Gattin des Prince d’Arenberg, das Areal um die alte Burg und liess 1774 ein neues Château mit romantischem Park erbauen und gestalten.

Während der französischen Revolution wurde das Schloss enteignet, die Ausstattung geplündert oder verschachert und die Gräfin um ihren Kopf gekürzt. 1825 gelang ihrem Enkel, Prinz Pierre d’Arenberg sich wieder in Besitz des Anwesens zu bringen. Er liess das leere Haus neu ausstatten und revitalisierte die heute rund 30 Hektar umfassenden Weinberge. Heutiger Besitzer ist ein Nachkomme, Graf Alain de Laguiche.

Auf alte Navigationssysteme ist heute noch Verlass, sie funktionieren auch offline.

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offline Wegweiser

An alten Wegen begegnet man immer wieder wunderschönen Alleen. Schattenspender ehemals für die Soldaten Napoleons. Schattenspender auch für mich.

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Platanenalle bei Arlay

In Voiteur, am Fuss von Chateau Chalon, gibt es nicht viel zu sehen, ein Schloss, von 1208 bis 1848 in Privatbesitz, danach gekauft von Ursulinerinnen, die hier ein Mädchenpensionat installierten. Heute ist darin eine Privatschule (Collège Privé Notre Dame De La Salette) untergebracht. Interessanter ist die Fruitiere vinicole de Voiteur, die Winzergenossenschaft mit guten Juraweinen zu anständigem Preis, die man ohne Reue auch verkochen darf.

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Schloss ohne Mädchen als Mädchenpension

Weiter, immer schön dem Bach Seille entlang:

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La Seille de Baume

Mein Ziel ist Baume les Messieurs. Ort einer Klostergründung aus merowingischer Zeit im siebten Jahrhundert. Die „cella“ war im neunten Jahrhundert der Abtei von Château-Chalon unterstellt. Im 12. Jahrhundert kontrollierte die Abtei in Baume acht Priorate und 65 Kirchen, verfügte über sprudelnde Einnahmen aus Weinbergen, aus Salinen in Lons-le-Saunier und Mühlen an der Seille.

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Abbaye Saint-Pierre

In ihrem Streben nach mehr Autonomie kam es zum Streit mit Cluny. Die Abtei musste sich den Cluniazensern unterwerfen. Kaiser Friedrich Barbarossa stellte 1153 den Rang der Abtei zwar wieder her, sie durfte  den Titel einer Reichsabtei (Abbaye impériale) tragen und erhielt Freiheiten in der Wahl ihrer Äbte. Die Abtei prosperierte bis ins 16. Jahrhundert. Im 30-jährigen Krieg erlitt die Abtei grosse Schäden, die Gemeinschaft zerfiel. Die monastischen Regeln wurden aufgelöst.

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Seille, Karstfelsen und Stützmauern

Die Säkularisation im Jahre 1759 beendete die Auseinandersetzungen: Der Papst machte die Abteikirche zu einer einfachen Stiftskirche  mit gewöhnlichen Kanonikern, meist aus Adelsfamilien. Aus dem Dorf, das sich ursprünglich Baume-les-Moines nannte, wurde ab 1759 Baume-les-Messieurs. Für die Bauern änderte sich nichts, sie waren nun statt den Mönchen den Herren tributpflichtig.

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der grosse Hof (cour abbatiale) aus dem 16. Jahrhundert. Im Hintergrund de mächtigen Karstfelsen der reculée de Baume.
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Kirche aus dem 11. Jahrhundert romanisch mit gotischen Kreuzgewölbe aus dem 15. Jahrhundert
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Gottvater persönlich aus dem 15. Jahrhundert begrüsst seine Schäfchen am Hauptportal

Die französische Revolution brachte das Ende der Feudalherrschaft. Der Besitz wurde zu Nationalbesitz erklärt und an Privatpersonen verscherbelt, die Stiftskirche wurde Dorfkirche. Der überflüssige gewordene Kreuzgang wurde im 19. Jahrhundert abgerissen.

 

Quellen: diverse Fundorte in wikipedia.

13 Kommentare zu „Der Doubs und seine Cousinen (26): La Seille“

  1. Vielen Dank! Wunderschöne Fotos, spannender und interessanter Geografie- und Geschichtsunterricht😉. Da werde ich auch mal hinfahren. Wie erkunden Sie die Gegend, mit dem Auto, Velo oder zu Fuss?
    Freundliche Grüsse, Käthy

    1. Geschichte interessiert heute leider niemand mehr, dennoch wrede ich das beibehalten. Geschichte ist Vergangenheit, Herkunft und bestimmt unsere Zukunft. Den Schweizer Teil des Doubs bin ich abgewandert. Den französischen Teil mit dem Auto abgefahren in Eintagesetappen. Mehr Zeit kann ich aus früher erwähnten Gründen nicht erübrigen.

  2. in das foto mit der kleinen brücke im grünen beame ich mich nun ab und zu rein 😃. ❤️lichen dank und 👋🏼entspannte grüsse für eine gute woche wünschen 🐝🐶

  3. Ach, was für ein wunderschöner Post mit den zauberhaften Fotos. Allein die Verwandtschaftsbeschreibung zu Anfang ist köstlich. Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Doubs-Reihe als Büchlein zu veröffentlichen? Ich könnte mir einen sehr guten Erfolg vorstellen. Wir kennen den Ort leider nicht, dafür aber Baume-les Dames auf der Fahrt nach Besancon. Da werden schöne Erinnerungen wach. Danke! Herzlich, Sunni

      1. Oh, da bin ich ganz anderer Meinung, und als Germanistin, „Kleinautorin“ und Lesende – ein Leben lang – ist diese durchaus fundiert. Nein, genau so und nicht anders sollte ein Buch über „Doubs und Verwandtschaft“ sein. (Perfektion in allem ist nicht immer schön und ergreifend, die Beiträge sind es schon und die Fotos genauso). Die Reisen kann man trotzdem machen, die sind ja gleichermaßen für Augen und Seele…

  4. lieber robert, ich lese seit vielen monaten nur noch mit, aber nun muss es einmal wieder sein: merci vielmals für deine herrlichen ausflugs-preziosen samt historie und histörchen, von den wunderbaren bildern ganz zu schweigen! ganz liebe grüsse, auch an frau l.!

    1. Liebe Elli, Zeit ist heute zur Mangelware geworden, mir geht das genauso. Trotzdem hab ich mich gefreut, von dir zu lesen! Danke für deine Grüsse, doch was für mich ein kleines Fenster zur Aussenwelt, versteht Frau L. nicht mehr.

  5. Geschichte ist Vergangenheit, Herkunft und bestimmt unsere Zukunft . wie gut gesagt!

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    Nun, was ich dazu schreiben wollte, gilt genau so für diesen Beitrag/ Ausflug von dir: ich schätze die gesucht und gefundene Idylle deiner Fotos sehr – bei allen empfinde ich Harmonie . einer meiner Lieblingswerte! Viele liebe Sonntagsgrüße…

    1. An diesem Beitrag hat durch einen Synchronisationsfehler etwas nicht funktioniert. Die Schalter sind alle weg. Aendern kann ich nichts. So hatte ich einen kommentarfreien, ruhigen Sonntag 🙂
      Danke für deine lieben Worte! Harmonie ist etwas sehr schönes, für Dissonanzen sorgt das Leben.

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