Archiv der Kategorie: Besuch in..

CH-4494 Oltingen: Kleinod im Baselbiet

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In der hintersten Ecke des Kantons Baselland liegt ein kleines Dörfchen, Oltingen. Zur Römerzeit und im Mittelalter bis etwa ins 17. Jahrhundert wurde der alte Passübergang vom Ergolztal über die Schafmatt ins Mittelland für den regionalen Handelsverkehr gerne benutzt. Weil der motorisierte Verkehr die breiten Strassen bevorzugt, ist es hier am Fusse des alten Passübergangs über die Schafmatt still geworden. Diese Ruhe haben wir aufgesucht.

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Blick gegen Wenslingen

Im Mittelalter verlief die Gaugrenze längs der Ergolz und trennte das Dorf in zwei Teile. Die östliche Hälfte gehörte zur Herrschaft Kienberg (Frickgau, später habsburgische Herrschaft Rheinfelden), die westliche Hälfte zur Herrschaft Thierstein (Sisgau, später dem Fürstbistum Basel zugehörig). 1684 kamen beide Teile zur Herrschaft Basel (Amt Farnsburg). Seit 1814 gehört Oltingen zum Bezirk Sissach (Baselland).

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Dörfliche Idylle

Bis heute sind im Dorf mehrere stattliche spätmittelalterliche Steinbauten erhalten, neben Bauernhäusern auch zwei Mühlen und das sogenannte Grosse Haus, die mit ihren Vorgärten und Hausplätzen den Strassenraum prägen.

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Pfarrhaus mit Kirchturm von Süden

Am Dorfeingang, von Wenslingen herkommend, steht in erhöhter Lage die dem heiligen Nikolaus geweihte Kirche. Sie bildet mit Pfarrhaus, Beinhaus und Pfarrscheune eine ummauerte Anlage von selten anzutreffender harmonischer Einheit und unverdorbener Ursprünglichkeit. Die 1296 erstmals erwähnte Kirche, deren Vorläuferbauten möglicherweise bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, wurde 1441 dem Domstift Basel inkorporiert. Nach der Reformation gelangte das Patronatsrecht 1528 an die Stadt Basel.

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Pfarrhaus
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ehemaliges Beinhaus, 1517
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Aussicht von der am Dorfeingang in erhöhter Lage stehenden Kirche

In der Kirche befindet sich ein bedeutender spätgotischer Bilderzyklus. U.a. zeigen die Bilder an der Westwand das Jüngste Gericht mit dem Weltenrichter in der Mitte. Rechts liegt die Hölle unter Führung eines neckischen Teufelchens. Dazwischen steigen Tote aus ihren Gräbern. Links wandeln die Seligen im Paradies. Die Bilder wurden während der Reformation übertüncht und erst bei Renovationsarbeiten 1956/57 wieder freigelegt.

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Westwand des Schiffes mit spätgotischen Wandbildern
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Blickbegrenzung. Weniger ist mehr.

In nächster Zeit werden in diesem Blog kleinere Brötchen gebacken werden. Ich bewundere junge Menschen, die regelmässig bloggen, täglich Konversationen in Kommentaren, twitter und fb führen, jeden event wahrnehmen, auf den Schaumwellen des Kommerzes reiten und zu jeder Gelegenheit ihre Befindlichkeit, ihre likes und andere Mitteilungen in facebook und Twitter festhalten können. All das neben Familie, Beruf und immer gut gelaunt.

Ich kann das nicht. Nicht mehr. Mich überfordern die neuen Medien in zunehmendem Masse. Der Aufwand, auch nur einigermassen kompetitiv zu bleiben, ist mir zur Last geworden. Der Aufwand für das Verfolgen all der vielen neuen, guten foodblogs sowie die mit dem Betreiben eines Blogs nebenher laufenden Aktivitäten haben meine Zeitbalance völlig ins Ungleichgewicht gebracht. Fürs Kochen, nach wie vor meine Lieblingsbeschäftigung, bleibt immer weniger Zeit.

Ich will wieder mehr Zeit für uns, Frau L. und mich, das Kochen, den Haushalt, den Garten, Reisen, für die wichtigen Dinge im Leben: Freizeit, ohne an den Blog denken zu müssen. Weniger ist mehr, und wenn nicht mehr, so wenigstens etwas. Man muss im Alter abgeben können, sonst wird es einem genommen.

Ich danke für alle die meinem Blog erwiesene Treue und Aufmerksamkeit und wünsche all meinen Leserinnen und Lesern friedvolle, entspannte, heitere und langwährende Tage über Weihnachten und ein gutes, neues Jahr. Auf Wiederlesen, irgendwann im neuen Jahr, ausserhalb der Tretmühle eines festen Programms.

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Kirschbäume in Oltingen vor dem Wintereinbruch

Quelle:
Historisches Lexikon der Schweiz

CH-9220 Bischofszell: Mehr als Konserven

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Bischofszell, Marktgasse

Bischofszell. Jedem Schweizer bekannt durch Konserven, Konvenience und andere Köstlichkeiten der Migros. Auf Landjägerjagd haben wir erstmals hier Halt gemacht. Die Gemeinde liegt im Kanton Thurgau am Zusammenfluss von Sitter und Thur. Auf halbem Wege zwischen den einstigen regionalen Machtzentren,  dem Bistum von Konstanz und dem Kloster St.Gallen gelegen. Beide waren sich spinnefeind, vergrösserten im frühen Mittelalter, u.a. durch Schenkungen fränkischer Könige, ihr Einflussgebiet. Um das damalige Stift St.Pelagi hat sich allmählich das Städtchen Bischofszell entwickelt. Um 1250 gewann Bischofszell als bischöflich-konstanzerischer Vorposten an der Grenze gegenüber dem fürstäbtlich-sankt-gallischen Gebiet und als Marktort an Bedeutung. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde der Ort mit einer Ringmauer versehen. Heute zählt er ca. 5500 Einwohner.

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Kirche St. Pelagius

Die Stadt war vom Stift St. Pelagi unabhängig und unterstand dem Fürstbischof von Konstanz, der die Stadt durch einen in der Burg residierenden Obervogt verwalten liess. Die Burg wurde nach einem Stadtbrand 1419 und im 17. und 18. Jahrhundert  zu einem Schloss ausgebaut.

Bischofszell-Schloss
Schloss. Bild von wiki

Geldnot zwang den Bischof im 14. Jahrhunert zu verschiedenen Stadtverpfändungen. Das begünstigte die Autonomiebestrebungen der Bürgerschaft, die sich verschiedene Rechte erkaufte. Nach der Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen 1460 regierte ein eidgenössischer Landvogt, auch wenn der Konstanzer Fürstbischof bis 1798 Stadtherr blieb.

Der dritte Stadtbrand von 1743 vernichtete die mittelalterliche Kleinstadt. Aus den Ruinen entstand das heutige barocke Bischofszell mit seinem Rathaus im Zentrum, erbaut vom Stararchitekten des Deutschen Ordens Johann Caspar Bagnato, dessen Wirken wir schon in Hitzkirch kennengelernt hatten. Hinzu kamen verschiedene herrschaftliche Häuser, die heute noch für die Wohnkultur in der Mitte des 18. Jahrhunderts Zeugnis ablegen.

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Rathaus im Nachmittagsschatten
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Nackedei an der Rathaustüre
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Anspielung auf das gegenüberliegende Freudenhaus ?
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Doppelhaus zum Rosenstock und zum Weinstock an der Marktgasse
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Haus an der Kirchgasse
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Haus an der Kirchgasse

Der Bogen- oder Zeitglockenturm war bis zur Ummauerung der Vorstadt im Jahre 1437 das Osttor der Stadtanlage. Der Turm ist ein Morgenturm, d.h. nur frühmorgens bei hohem Sonnenstand fotografierbar.

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Das obere Ende des Bogenturms
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Blick durch das Stadttor im Bogenturm

Die Holzbrücken über die Thur und die Sitter wurden um 1500 durch steinerne ersetzt. Die Brücken in Bischofszell waren bis 1796 zollfrei (heute auch wieder !) und trugen dazu bei, dass das Städtchen zu einem erfolgreichen Umschlagplatz für Textilien aufstieg. Das lokale Gewerbe schützte hingegen seine Interessen durch restriktive Erlasse und genügte sich selbst. Der Bau der Bahnlinie Sulgen-Bischofszell-Gossau 1876 und die Nutzung der Wasserkraft der Thur brachte dann doch noch den industriellen Aufschwung mit einer Jacquardweberei, Papierfabrik, Schifflistickerei, Mostereigenossenschaft und der schon erwähnten Konservenfabrik.

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Alte Thurbrücke
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Die alte Thurbrücke, von besoffenen Baumeistern gebaut ?

Mit 116 Metern Länge ist die achtjochige Brücke die längste noch erhaltene Natursteinbrücke der Schweiz. Die Joche wurden auf Nagelfluhfelsen im Flussbett erbaut, deshalb ist die Linienführung so krumm.

Quellen:
Historisches Lexikon der Schweiz
Stadt Bischofszell

CH-4437 Waldenburg: Napoleon, Uhren und Dampfbahn

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Waldenburg liegt am oberen Ende des vorderen Frenkentals (auch Waldenburgertal genannt). Hier führte bereits in römischer Zeit die Passstrasse über den Oberen Hauenstein durch. Waldenburg war über Jahrhunderte ein wichtiger Umschlagsplatz für Waren aller Art, es war einer der Hauptübergänge von Deutschland ins schweizerische Mittelland und weiter Richtung Süden. Warum nicht mal anhalten ?

1244 wurde „Waldenburch“ erstmals urkundlich erwähnt. Der Name geht auf Walenburg zurück, „Burg der Walen“, der Welschen, das hatten wir doch schon bei den Walnüssen, siehe hier.
Im Mittelalter gehörte das Gebiet zum Besitz des elsässische Klosters Murbach, später dem Grafengeschlecht der Froburger. 1230 wurde am Gotthard die erste hölzerne Brücke, die Teufelsbrücke, über die bis dahin für den Warentransport unpassierbare Reuss gebaut und der Gotthardpass als schnelle Transitstrecke erschlossen. Um diese Zeit gründete Hermann von Froburg das Städtlein Waldenburg zur Sicherung der Passtrasse über den Obern Hauenstein. Er umgab die beiden Strassen mit zwei Toren und einem Mauerring. Links und recht oberhalb des Stadtchens wurde das Städtchen von zwei Burgen gesichert.

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Häuser an der nördlichen Ummauerung

In der nordwestlichen Mauerecke hausten die Edlen von Arnolsdorf (Arisdorf) im einzigen Steinhaus, dem späteren Pfarrhaus.

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Das älteste Steinhaus im Städtchen

1366 kam das Städtchen in den Besitz des Bischofs und 1400 der Stadt Basel. 1797 nächtigte Napoléon Bonaparte bei der Durchreise von Bern nach Basel im Ort. 1833 wurde Waldenburg Bezirkshauptort im neu gegründeten Kanton Basel-Landschaft. Nachdem der Passverkehr über den Oberen Hauenstein durch den Bau der Centralbahn Basel-Olten vollständig zum Erliegen gekommen war, drohte die Gemeinde Waldenburg zu verarmen. Durch die Gründung der Uhrenfabrik Société d’Horlogerie à Waldenburg im Jahre 1853 versuchte die Gemeinde den wirtschaftlichen Niedergang aufzuhalten.

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Eine der beiden Strassen des Städtchens

Und weil die Mitte Anfangs des 19. Jahrhunderts aus einem ehemaligen Kornhaus erbaute Kirche in Waldenburg so hässlich aussieht, habe ich die Kirche von Niederdorf abgelichtet, zwei Dörfer weiter unten im Tal. Gehört zur selben Kirchgemeinde.

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1880 wurde das Tal duch eine Schmalspurbahn von 750 Millimetern Spurweite (zwischen Liestal und Waldenburg erschlossen. 1953 wurde die Linie elektrifiziert. Durch das Städtchen schlendernd, wurde ich plötzlich einer schwarzen Rauchfahne gewahr. Die Dampfloki „Gedeon Thommen“, benannt nach dem Initianten der Waldenburger Bahn und ehemaligen Besitzer der Uhrenfabrik, wurde eingeheizt. Viel interessanter, als alte Kirchengemäuer zu besichtigen.

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Hier wird nicht mit Maggi gekocht

Im Internet gibts dazu ein Video, zur Freude aller Dampfbahnfans:

Quellen: Gemeinde Waldenburg

CH-6106 Werthenstein: Eine Wallfahrt die ist lustig

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Blick auf den Felsen von Herthenstein

Im Entlebuch, am Fuss des Napfs, wurde früher, wie heute gelegentlich noch, Gold gewaschen. Der Legende nach soll um das Jahr 1500 ein Goldwäscher aus den Niederlanden in seinem Nachtlager Nähe Wolhusen «ein gar herrlichs, lieblichs und süesses Gesang» gehört haben, aus dem er schloss, «es müsste ein englisch und himmlisch Gesang seyn».  Andere Zeiten. Wenn ich mir heute Popmusik auf englisch anhören muss, ist da nichts dabei, das himmlisch oder mindestens lustig erklingen würde.

Nachdem sich die Kunde wunderbarer Heilungen im Land verbreitet hatte, wurde im Jahre 1520 auf dem Fels eine Kapelle mit drei Altären erbaut. Wenige Jahre später beschloss die Regierung im benachbarten Bern, auf ihrem Staatsgebiet die Religion in eigene Hände zu nehmen. Die Reformation wurde durchgeführt, um dem unsittlichen Treiben mancher Kirchendiener einen Riegel zu schieben und um die Kirchen für die Verlesung von Mandaten (Gesetzen) der Regierung zu benutzen. In Folge wurden alle Wallfahrtsorte auf Berner Boden bodeneben abgetragen.

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Klostergebäude

Aus einem der Berner Wallfahrtsorte wurde eine Pietà vor den Schlaghämmern gerettet und bei Nacht und Nebel über die Grenze ins rettende, katholische Werthenstein verbracht. Dieses wurde nun zum Zentrum einer neuen Wallfahrt. Um 1600 war der Pilgerstrom derart gross, dass die Kapelle die zahlreichen Pilger nicht mehr fassen konnte. So wurde in den Jahren 1608 bis 1616 die heutige Kirche erbaut. 1630 bis 1636 folgte der Bau des Klosters, in welches die Franziskaner einzogen, um die grosse Pilgerschar, und wohl auch sich selbst, zu betreuen.

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Wohlgenährter Putto

Im habsburgisch-österreichischen Urbarbuch wurde 1303 „Werdenstein“ erstmals erwähnt. Doch bestand schon früher eine kleine Burg, welche von den Freiherren von Wolhusen erbaut wurde. Nach dem Aussterben der Freiherren erbte eine Seitenlinie von Rothenburg den Ort. Sie veräusserten ihn an die Habsburger. Nach 1386 geriet der Ort unter die Herrschaft der Stadt Luzern. Die Gemeinde gehörte bis 1798 zur Landvogtei Rothenburg.

Der Kreuzgang mit den 1775-1779 gemalten Wandbilden, die über einen älteren Zyklus gemalt sind.

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Kreuzgang

1838 wurde das Kloster durch die Luzerner Regierung aufgehoben, das Mobiliar verscherbelt. Die Räume als Taubstummenanstalt benützt.

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Der kunsthistorisch etwas merkwürdige Kircheneingang

Bevor man auf den Felsen gelangt, muss erst die Holzbrücke über die Emme überschritten werden. Die wird vom römischen Legionär Mauritius bewacht.

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Holzbrücke über die Emme

Was sich hier als harmloses Rinnsal präsentiert, kann sich bei Unwettern rasch in einen reissenden Fluss verwandeln. Dann ist fertig lustig.

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Brücke über die Emme

CH-9620 Lichtensteig: im Städtli

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Seit dem Bau der Umfahrungsstrasse ist es im Städtli Lichtensteig ruhig geworden. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts befestigten die Grafen von Toggenburg, ein Ostschweizer Adelsgeschlecht, den Ort. Ihre Besitzungen hatten die Toggenburger in jener Landschaft, die heute als Toggenburg ihren Namen trägt. Im Laufe des 14. Jahrhunderts erhielten die Einwohner Stadt-, später Marktrechte und das Städtchen entwickelte sich zu einem regionalen Zentrum.

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Gasthaus Löwen aus dem 16. Jahrhundert

Der letzte Graf, Friedrich VII. von Toggenburg, stiftete ein Jahr vor seinem Tod, 1435 eine Kirche. Vergass aber ein Testament zu hinterlassen, was in der Folge zu heftigen Erbstreitigkeiten zwischen den eidgenössischen Orten Zürich, Schwyz und Glarus führte, und den Alten Zürichkrieg auslöste.

Danach gelangte die Grafschaft Toggenburg in den Besitz der Fürstäbte von St. Gallen, die das Land zwischen 1468 und 1798 in einer Art konstitutioneller Monarchie regierten.

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Wehrhafte Metzgerei an der hintern Gasse

Das alte Lichtensteig ist zu Fuss schnell erkundet, zwei Hauptgassen, zwei Nebengasse, alles mittelalterlich eng und dunkel. 1828 wurden zur „Verbesserung der Verkehrsführung“ die beiden Stadttore, das Ober- und das Untertor, abgebrochen. Das half mir aber beim fotografieren nicht, alles wird aufgrund der Enge perspektivisch verzerrt.

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Löwengasse
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Hintergasse
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Noch so ein enger Durchschlupf
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Löwengasse
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Erquickung verheissende Halle
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Das Rathaus von der falschen Seite

Zum Schluss will ich dem berühmtesten Sohn des Städtchens ein Kränzchen winden. 1552 wurde in Lichtensteig Jost Bürgi, einer der führenden Wissenschafter seiner Zeit geboren, Uhrmacher, Konstrukteur unübertroffener Himmelsgloben, Mathematiker und Astronom. Eigentlicher Erfinder der ersten Logarithmentafel, die er etwa zeitgleich mit dem Engländer, aber unabhängig von diesem, entwickelte. Da er als Praktiker kein Latein sprach, hat er seine Erfindung erst spät (1620) in einem Traktat festgehalten (Tabulen/ sambt gründlichem Unterricht/ wie solche nützlich in allerley Rechnungen zu gebrauchen/und verstanden werden sol).

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Jost Bürgi (wiki)

Nicht zu spät, sondern zu früh war ich für den Kaffee bei Chef Albino. Da ich der berühmten Städtlichäsi auch noch einen Besuch abstatten will, halt ein andermal. Vorfreude ist auch eine Freude.

CH-5001 Aarau: Rüeblimärt

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Was den Bernern die Zwiebeln, sind den Aargauern die Rüebli. Jeweils am ersten Mittwoch im November findet in der Altstadt von Aarau, der Hauptstadt des Rüeblikantons, der Rüeblimärt statt. In 31 Jahren hat er sich zu einem grossen Markt entwickelt, der alljährlich gegen 40’000 Besucher anzieht. Warum der Kanton Rüeblikanton heisst, weiss heute niemand mehr so recht zu sagen.

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Der Pleitegeier, das Aarauer Stadtwappen, weist auf die habsburgische Vergangenheit hin

Kalt wars, neblig-trüb und früh am Morgen. Denn wer hier Rüebli kaufen will, muss früh aufstehen. Nach zehn Uhr ist das Gedränge so gross, dass kaum mehr an Durchkommen zu denken ist. Rottannen, die anstelle von Kerzen mit Rüebli geschmückt sind, weisen den Weg.

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Am Stadtgraben

Alles, was an Sorten im Rüeblikanton aufgezogen wird, ist hier vertreten.

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von weiss bis schwarz
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Sogar die kugelrunden Pariser Karotten, die man sonst nur aus Dosen kennt, gibts hier

Der Erfolg des Markts hat sich herumgesprochen. Obwohl der Veranstalter dafür besorgt ist, dass das Rüebli an diesem Tag die Hauptrolle spielt, werden auch zahlreiche andere -vorwiegend landwirtschaftliche- Erzeugnisse wie Dörrfrüchte, Eingemachtes, Schnäpse, Honig, Eier Backwaren und Geräuchertes angeboten. Daneben gibts das an derartigen Märkten wohl unvermeidliche Kunsthandwerk.

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Farbenzauber im November

Die Anbieter geben sich Mühe, ihre Ware hübsch zu präsentieren.

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herzig

Genug geschaut, seltene Sorten sind um 11 Uhr ausverkauft, da heisst es rechtzeitig zugreifen.

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Reger Handel

Hier gibt es die raren Küttiger Rüebli. Mit kostbarer Aargauer Erde.

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Vorne ungewaschene Küttiger Rüebli. Hinten Pfälzer Rüebli.

Unglaublich, was alles aus Rüebli hergestellt wird: Saft, die Aargauer Rüeblitorte, Rüebli-Brot, Rüebli-Konfitüre, Rüebli-Handcremen, Rüebli-Schnaps, Rüebli-Senf, Rüebli-Tee und mehr.

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Senf, nicht Handcreme
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Saft, nicht Senf

Selbst die Schmutzkonkurrenz aus China versucht neue Absatzmärkte für ihren Plastikramsch zu erschliessen. Am Aargauer Rüebli werden sich die Chinesen die Zähne ausbeissen.

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Der bronzene, nagelbeschuhte Wehrmann aus dem Jahre 1949 am Stadtgraben wirkt inmitten des ganzen Treibens etwas hilflos.

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Denkmal

Und um 12 Uhr war ich rechtzeitig wieder zu Hause. Schwer bepackt.

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Rüebli: mehr als eine Agglomeration von Schmuckelementen

Quellen: Aarauer Rüeblimärt

CH-4002 Basel: Herbstmesse

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Samstag, 27. Oktober 2012 war es zum 542.ten Male wieder soweit: Der amtierende Messeglöckner läutete die Basler Herbstmesse ein. Die Basler Herbstmesse hat eine sehr lange Jahrmarkts-Tradition. Am Reichstag in Regensburg 1471 gewährte Friedrich III, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einer Basler Abordnung das Privileg, dass die Stadt je eine Messe im Frühjahr und im Herbst abhalten dürfe. Verbrieft auf ewige Zeiten. So geschah es denn bis heute. Sie beginnt jeweils 14 Tage vor dem Sankt Martinstag und zieht eine Million Besucher aus der Region.

frühere Herbstmäss-Besuche siehe: Karussell und Salathobel und Hääfelimärt und Magenmorsellen

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Herbschtmässwetter

Die Herbstmesse findet auf sieben Plätzen in der Innenstadt Basels und in einer Messehalle statt. Jeder Platz hat sein eigenes Konzept. Am Liebsten sind mir der Petersplatz und der Münsterplatz. Hier ein paar Impressionen:

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Münsterplatz: Haus zur St.Johann Capelle
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Münster: Martinsturm mit Kettenkarussell
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Petersplatz: Exemplar aus der Familie der Einhufer
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Münsterplatz: Nun sei bedankt, mein lieber Schwan
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Münsterplatz: Spiegelung im Pisonibrunnen
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Herbstmessewetter (Soll)
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steirischer Holzer, Ornella Muti als Maria mit Kind und ein weinseliger Satyr
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Spitzen
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Magenmorsellen (Magenzucker)
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die Bouquinisten auf dem Petersplatz laden zum stöbern ein

An einem der antiqarischen Buchstände auf dem Petersplatz fand ich ein lange gesuchtes, vergriffenes Kochbuch. Danach interessierte mich der Messerummel nicht mehr. Ab nach Hause: Nachkochen.

NB: Der Rummel geht heute unter Regenschauern zu Ende. Auf dem Petersplatz dauert die Messe noch bis Dienstagabend.

CH-8570 Weinfelden: Von Landjägern und Anderem

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Weinfelden, zweiter Hauptort des Thurgau, gilt nicht als Sehenswürdigkeit, die man neben Matterhorn, Luzern und Bern unbedingt besucht haben muss. Schon die Auflistung im Wiki-Eintrag lässt wenig erhoffen: u.a. eine Kehrichtverbrennungsanlage, ein eiserner Fussgängersteg über die Thur und die neo-romanische Kirche aus dem Jahre 1904.  Aber da es an diesem Tage für einmal nicht regnete und unser Landjägervorrat aufgestockt werden musste, wird auch in Weinfelden etwas zu entdecken sein, umsomehr gleich 3 Restaurants von annehmbarem Niveau ins Zentrum locken.

Der Name Weinfelden, Winis Feld, taucht erstmals im Jahr 838 n. Chr. in einer Schenkungsurkunde an das Klosters St. Gallen auf. Im Hochmittelalter wurde die Landgrafschaft Thurgau von den Herzogen von Zähringen verwaltet, danach von den Grafen von Kyburg. Nach dem Erlöschen der Kyburger 1264 übernahmen die Habsburger deren Erbe, bis der Thurgau 1460 von den Eidgenossen erobert wurde. Von 1460 bis 1798 war der Thurgau eine gemeine Herrschaft (Untertanengebiet) unter Verwaltung der regierenden Orte der Alten Eidgenossenschaft.

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Rathaus, 1832

Im kleinen Zentrum springt das Rathaus ins Auge, das seinen Neubau einem Beschluss des Grossen Rats des Kantons Thurgau aus dem Jahre 1813 verdankt, die Sommersitzungen in Weinfelden abzuhalten. Der Platz davor war Ausgangspunkt verschiedener politischer Bewegungen im Thurgau.

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Gasthaus zum Trauben, im Hintergrund die neo-romanische Kirche

1798 forderte ein Revolutionskomitee von der Treppe des „Trauben“ herunter die Freilassung des Thurgaus aus der jahrhundertelangen Untertanenschaft der Eidgenossen und hatte damit Erfolg. Nach einer ersten, kurzen Freiheit wurde der Kanton Thurgau 1803 durch die Mediationsakte von Kaiser Napoleon Bonaparte offiziell unabhängig. Hauptstadt wurde aber Frauenfeld.

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Riegelbau beim Eigenhof

Nach der Pariser Julirevolution von 1830 dämmerte auch für die Eidgenossenschaft das 19. Jahrhundert herauf. Der Kanton Thurgau machte den Anfang mit der Demokratisierung durch eine neue, liberale Verfassung, die 1831 in Kraft trat.

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Riegelbau beim Eigenhof

Essen wollten wir im Gambrinus, einem Restaurant mit guter italienischer Küche. Die grüsste gerade aus den Ferien. So stolperten wir in den Löwen. Mittags machen hier die 14-GM-Punkte Pause. Günstige, ordentliche Menus, mehr nicht.

Von oberhalb des Ortes grüsst Schloss Weinfelden in die Thurebene. Nicht zugänglicher Privatbesitz und Wohnort des Münchner Barons von Finck (Löwenbräu, Mövenpick, von Roll, Oerlikon u.a.)

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Schloss Weinfelden

Weiter über das malerische Ottoberg nach Berg. Dem Ziel unserer Ausreise.

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CH-8561 Ottoberg
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CH-8561 Ottoberg

Und endlich am Ziel angekommen: die Landjäger des Metzgers R. Sprenger in CH-8572 Berg, Nähe Weinfelden. Kein Verwandter, ich kenne den Metzger nicht. Zufällig sind wir einmal hier durchgefahren und am Namen der Metzgerei hängengeblieben, der sich so vertraut las. Eingetreten und aus Verlegenheit Landjäger gekauft. Die Würste haben noch dicke Häute wie früher, sind deshalb in einem Zug zu schälen, gut gewürzt und aus viel magerem Fleisch hergestellt. Einer der besseren Landjäger der Schweiz.

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wo die guten Landjäger her kommen

CH-5080 Laufenburg: Besuch in Vorderösterreich

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Blick auf das deutsche Laufenburg

Laufenburg ist ein reizvolles, mittelalterliches Städtchen, am Oberrhein gelegen. Wie oft sind wir hier schon, ohne anzuhalten, durchgefahren ?

Seit Urzeiten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwängte sich hier der Fluss an der engsten Stelle zwischen Tafeljura und Schwarzwald durch eine schmale Schlucht von nur 12 Metern Breite und überwand dabei eine Höhendifferenz von 10 Metern. Die Stromschnellen, die „Louffen“ bildeten ein grosses Hindernis für die Warentransporte auf dem Rhein. Die Schiffe mussten hier entladen werden, von Lohnknechten leer durch die Schnellen hindurchgezogen, und erneut beladen werden, um die Fahrt fortsetzen zu können. Die Laufenburger Rheinbrücke war die früheste und lange Zeit bedeutendste Flussquerung am Oberrhein. Deshalb entwickelte sich hier ein bedeutender Markt- und Umschlagplatz.

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Holzbrücke zu Louffenburg: Friedrich Wilhelm Gmelin 1785 (wiki)

Das Gebiet um Laufenburg war seit der Karolingerzeit dem adligen Damenstift Säckingen untertan. Das Kloster beauftragte die Grafen von Lenzburg mit dem Schutz seiner Ländereien. Nach deren Aussterben im Jahr 1173 kamen die Habsburger in den Besitz der Gegend um das heutige Laufenburg. Graf Rudolf II. von Habsburg baute die erste Burganlage und befestigte den Ort gegen den Widerstand der  Äbtissin des Klosters Säckingen. Seit 1207 ist eine befestigte Stadt dokumentiert.

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Burgturm der Laufenburg

Nach dem Tod von Graf Rudolf II. von Habsburg teilten sich seine beiden Söhne das Erbe. Rudolfs Sohn, der III. von Habsburg, baute die Burg zu seiner Residenz um und gründete 1232 die Dynastie der Habsburg-Laufenburger, der jüngeren Seitenlinie der Habsburgerdynastie. Noch im 13. Jahrhundert erhielt die Siedlung, die sich rund um die Burganlage entwickelt hatte, das Stadtrecht. Die Habsburg-Laufenburger gerieten allerdings im 14. Jahrhundert zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten und mussten 1354 erst die angeheirateten Güter am Zürichsee (Rapperswil), 1386 auch den Rest ihrer Besitzungen an die ältere Linie (Habsburg-Österreich) unter Herzog Leopold III. von Oesterreich, verkaufen. Dadurch wurde Laufenburg zu einer der vier vorderösterreichischen Waldstädte und zum Hauptort der Herrschaft Laufenburg.

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Stadtkirche Laufenburg, vom Burghügel aus gesehen

Während des Alten Zürichkriegs belagerten 1443 Bern, Basel und Solothurn die Stadt erfolglos. Im Belagern fehlte den Eidgenossen Geduld. Nach dem Waldshuterkrieg von 1468 verpfändeten die Habsburger das gesamte Fricktal an Burgund. Als die Burgunder von den Eidgenossen während der Burgunderkriege vernichtend geschlagen worden waren, kam Laufenburg 1477 wieder unter österreichische Herrschaft.

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Rathaus

Im Dreissigjährigen Krieg eroberten die Schweden die Stadt und die Burg dreimal. Erst 1648 erhielten die Österreicher die Herrschaft wieder zurück. Durch den Krieg war die Burg jedoch teilweise zerstört und in der Folge dem Verfall preisgegeben. Ein Bauernaufstand und die kriegerischen Auseinandersetzungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697) warfen das Städtchen in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Die letzten Jahrzehnte unter österreichischer Herrschaft gehörten zu den glücklicheren Perioden im Stadtleben Laufenburgs. Habsburgischer Verwaltungskunst ist u.a. die Einführung der allgemeinen Gebäude-Feuerversicherung zu verdanken. Durch die menschenleeren Gassen des Städtchens schreitend, beschleicht mich der Eindruck, als ob hier Maria Theresia noch lebte. Wie Jahrhunderte doch Menschen und Mauern prägen !

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1797 wurde das ganze Fricktal nach dem Frieden von Campo Formio ein französisches Protektorat. 1799 wurde es von französischen Truppen besetzt und vom habsburgischen Kaiserreich abgetrennt, das Ende einer über 400-jährigen österreichischen Herrschaft. Während des Zweiten Koalitionskriegs verlief hier die Frontlinie zwischen den Armeen Frankreichs und Österreichs, die Brücke über den Rhein wurde zerstört.

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Laufenburg, Wasentor

Der 1801 unterzeichnete Friede von Lunéville teilte Laufenburg in zwei Hälften. Der kleinere rechtsrheinische Teil gelangte zum Großherzogtum Baden. 1802 wurde das linksrheinische Laufenburg Hauptort des gleichnamigen Distrikts im Kanton Fricktal, der sich im August der Helvetischen Republik anschloss und 1803 im Kanton Aargau aufging. 1787 wurde die Burg geräumt und über längere Zeit als Steinbruch genutzt.

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Museum Schiff

Die aufgezwungene Teilung des Städtchens und die Verlagerung der Rheinschiffahrt am Oberrhein auf die Strasse machten dem Städtchen schwer zu schaffen. Der Rhein, bislang Mitte und Lebensachse, bildete fortan die Trennlinie. Erst der Bau der Eisenbahnlinien rechts (1856) und links (1892) des Rheines sowie der Bau eines grossen Wasserkraftwerkes vermochte den wirtschaftlichen Fall in die Bedeutungslosigkeit zu stoppen.

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Blick von der deutschen Seite auf das schweizerische Laufenburg

Durch Sprengung und das Aufstauen des Rheins um zehn Meter verschwand die charakteristische Stromschnelle. Das Wasserkraftwerk war bei seiner Eröffnung im Jahr 1914 europaweit die grösste Anlage ihrer Art. In der Folge siedelten sich zahlreiche Industriebetriebe an.

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Neu-Laufenburg: Masten der im Energiehandel tätigen Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg

Noch mehr Bilder gibts bei der Markgräflerin.

Quellen:
wiki Laufenburg

CH-6713 Malvaglia: San Martino

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Fährt man von Biasca im Tessin Richtung Lukmanierpass, passiert man nach kurzer Wegstrecke das Dörfchen Malvaglia. Von weither grüsst ein schlanker, romanischer Glockenturm. Natürlich könnte man weiterfahren, eine kleine Pause ist der Ort aber allemal wert.

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Am Hauptportal grüsst neben andern Fresken aus dem 16. Jahrhundert ein überlebensgrosser Christophorus den Besucher. Der intakt gebliebene romanische Glockenturm ist an die Fassade gelehnt und weist an der Ostseite unten Spuren einer weiteren Abbilds des heiligen Christophorus auf.

Von der Kirche aus dem 13. Jahrhundert sind nur Teile der Seitenmauern übriggeblieben, die auf älteren Fundamentteilen ruhen. Die Kirche wurde im 16. und 17. Jahrhundert erweitert und erhielt zusätzliche Ausschmückungen.

Dem einschiffigen Kirchenraum sind zwei Kapellen, das vieleckige Presbyterium, der Taufstein und im hintern Teil eine Sängertribüne aus mit Blumenmustern bemaltem Holz angegliedert.

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Das Innere der Kirche
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Bemalte Unterseite der Tribüne

Die Fresken an der linken Wand stellen Szenen aus dem Leben Jesu dar und werden dem 1510 im Bleniotal fleissig tätigen Antonio da Tradate, dessen Werk wir in der Kirche von Biasca schon begegnet sind, zugeschrieben.

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Der heilige Martin von Tours

Der Chor ist mit zahlreichen Fresken und vergoldeten Stukkaturen verziert, die aus späterer Zeit, dem Jahre 1650 stammen.

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Barock, tut mir leid.

Im hübschen Beinhaus unterhalb des Rebberges gefällts mir besser. Wenigstens solange der Sensenmann nicht neben mir steht.

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Kein Rebhäuschen

Kaffeepause wie immer in der Osteria Centrale in Olivone, wo uns zwei alte Einheimische mit Lumpenliedchen im einheimischen Dialekt bestens unterhalten haben. Sabine hat sich hier, wie könnte es anders sein, längst durchgegessen. Für ein Mittagessen sind wir immer zu spät dran, aber die Pastafabrikation sieht nach einem Blick in die Küche vielversprechend aus.

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Osteria Centrale in Olivone

Quellen:
Blenio

CH-3900 Brig: Reise zum Fugger der Alpen

Fugger der Alpen, König am Simplon wurde er genannt. Der grosse Kaspar Jodok von Stockalper (1609–1691). Er gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Walliser Geschichte. Einer, der im Wallis ein ganzes Jahrhundert prägte. Als Staatsmann, Politiker, Unternehmer, Stifter und Bauherr erlangte er einen unglaublichen Reichtum und genoss ein grosses Ansehen. Allein der Besitz im Ober-Wallis entsprach 1676 dem Gegenwert von 122’233 Kühen, etwa einer halben Milliarde Franken.

Den wollten wir besuchen, was eine Fahrt über den Grimselpass erforderlich machte. Seit langer Zeit die erste grössere Ausfahrt, zu der sich Frau L. imstande sah.

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Grimselstausee mit Finsteraarhorn (Mitte)
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Jedesmal imposant, der Blick auf die Staumauer von 1932
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In Gletsch kurz die Füsse vertreten, Gratisfusswäsche inbegriffen

Das ganze Goms hinunter bis nach Brig, wo wir ihn endlich getroffen haben, den Stockalper, bzw. seinen Palast.

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Brig: Stockalperpalast mit den Türmen Kaspar, Melchior und Balthasar

Stockalper besuchte die Jesuitenschulen in Venthône und Brig und studierte 1627-29 an der Universität Freiburg im Breisgau. Im Alter von knapp 20 Jahren kehrte er nach Brig zurück, wo er zunächst lokale Ämter in der Gemeinde übernahm. Er sprach Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Latein und Griechisch.

1633 bereiste er das Burgund, Frankreich, Belgien und die Niederlande, wobei er Kontakte zu Handelshäusern knüpfte. Stockalper erkannte die strategische Bedeutung, den der Simplonpass als schnelle und im 17. Jahrhundert wichtigste Verbindung zwischen den Grossmächten im Dreissigjährigen Krieg bildete.

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Brig: Stockalperpalast, Arkadenhof, italienische Renaissance mit frühbarockem Prunk

Er investierte in den Ausbau der Saumstrasse und organisierte den Waren- und Personenverkehr über den Simplon. Es gelang ihm, durch geschicktes diplomatisches Lavieren zwischen den Grossmächten Frankreich und Spanien bzw. Mailand den Pass aus den Kriegswirren herauszuhalten, indem er sich auf beiden Seiten nützlich machte und dabei seinen Einfluss im Wallis ausdehnen konnte. 1639 und 1643 erwarb er  die Walliser Monopole für Lärchenharz und -schwamm, Schnecken und Terpentinöl -damit war damals offenbar Geld zu verdienen-, 1647 wurde ihm das geldbringende Salzmonopol zuerkannt. Stockalper betrieb bei Brig eigene Erzgruben, in denen nach Eisen, Blei, Kupfer und Gold geschürft wurde. Durch Verschwägerung seiner Familie mit anderen einflussreichen Walliser Familien mehrte er seinen Einfluss, schuf Abhängigkeiten durch die Vergabe von Ämtern und Geld. Das Söldnerwesen während des Dreißigjährigen Kriegs legte den Grundstock für das immense Vermögen Stockalpers. So tauschte er sich am französischen Hof Handelsprivilegien ein durch die Vermittlung von Walliser Söldnern und von Krediten. Er lieh viel Geld, schöpfte daraus noch mehr Zinsen, bis er am Ende den mittellosen Schuldnern Grund und Boden abnehmen konnte. Auf dem Gipfel seiner Macht reichte sein Handelsimperium von der Adria bis zum Ärmelkanal und von Südspanien bis Norddeutschland.

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Brig: Stockalperpalast, Verbindungsloggia zwischen altem und neuem Palast

1670 wurde Stockalper zum Landeshauptmann gewählt, war somit oberster Chef der drei Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative und vertrat das Wallis an der Eidgenössischen Tagsatzung und am französischen Hof.

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Brig: Stockalperpalast, Arkadenhof

Stockalper förderte als Gönner die Schulen der Kapuziner, Ursulinen und Jesuiten in Brig, baute und unterstützte Klöster, Kirchen, Spitäler, Schulen und Heime. Seine von ihm in Brig initiierten Bauten: Stockalperpalast, Sebastianskapelle und das Jesuitenkollegiums mit dazugehöriger Kirche sind Bauwerke, die heute noch das Stadtbild von Brig prägen.

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Brig: alter Stockalperpalast

1677-78 lehnten sich führende Vertreter aus bisher rivalisierenden Walliser Parteien und Familien gegen Stockalpers Machtfülle auf. Unter Todesdrohung wurde Stockalper gezwungen, sich schuldig zu bekennen. Er musste sein Hab und Gut und seine Handelslager abgeben und ein hohes Lösegeld zahlen. Nach der Entfernung aus allen seinen Ämtern und der Konfiskation eines Teils seines Vermögens floh Stockalper 1679 nach Domodossola.

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Brig: neuer Stockalperpalast, Eingang

1685, unter veränderten politischen Verhältnissen, kehrte er nach Leistung einer Abbitte und der Zusicherung, sich zurückzuziehen, nach Brig in sein Schloss zurück, wo er am 29. April 1691 im Alter von 81 Jahren starb und in der von ihm finanzierten Kirche in Brig-Glis begraben wurde. Im Museum im Stockalperpalast sind Dokumente zum Leben Kaspar Jodok Stockalpers zu sehen.

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Der bescheidene Friedhof von Oberwald in strenger Ordnung
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Tafel an der Kirche in Oberwald

Und was ihr nicht gebt, das wird Euch genommen… mitnehmen könnt ihr nichts.

Quellen:
Historisches Lexikon der Schweiz; Kaspar Stockalper
wiki: Kaspar Stockalper

CH-4500 Solothurn: Das Grillierte Krokodil

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Einmal mehr bot uns die Solothurner Gastronomie Überraschungen. Vor drei Jahren war es das Al Grappolo, in welchem die einzige Serviererin mangels Koch (!) den Spagat zwischen Küche und Service versuchte. Ein andermal wollte sich im noblen Stübchen des alten Stephan (16 GM-Punkte) geschlagene 15 Minuten lang niemand um uns kümmern. Sind wir halt wieder gegangen. Diesmal hatte ich uns einen schönen Gartenplatz im barocken Palais Besenval gefunden, das schaute nach einem lauschigen Lunch aus: hier wollten wir Mittagessen.

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Palais Besenval

Nach einem Blick in die Speisekarte begann es Frau L. zu wurgeln: sieh mal das an, grilliertes Krokodilfilet ! Seite 6 der  Speisekarte Besenval. „Kenner“ mögen unsern Unverstand entschuldigen. Krokodil gibts in der Schweiz auch auf andern Speisekarten, nur dass wir Gaststätten, in denen solches serviert wird, nicht besuchen.

Ein Blick von der Restaurantterasse ins vorbeifliessende Wasser der Aare bestätigt meine Befürchtung: am Ufer der Aare wimmelts von träge herumliegenden Krokodilen. Sogar die Krokodilwächter, Vögel, die sich in den Mäulern von Krokodilen aufhalten sollen, um diese zu säubern, warten auf Beute.

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Krokodilwächter (Pluvianus aegyptius), auf einem Krokodilschwanz sitzend

Rasch kippten wir den Roero Arneis hinunter, in der Eile des Aufbruchs vergass ich nach der Herkunft des Fleisches zu fragen. Bei Schweizer Krokodilen hätte man ja mal eine Ausahme machen können. Gilt hier doch der von jedem Schweizer verinnerlichte Slogan: Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage.

Da das Hotel de la Couronne seine Pforten bis 2014 geschlossen hat, machten wir uns hungrig auf durch die Altstadt. Das Zentrum ist kompakt, alles liegt nahe beieinander.

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vor der St. Ursuskathedrale: die Krone

Doch wenn der Wurm einmal in einer Sache steckt, so steckt er drin. Trost fand ich später abends in Jeremias Gotthelfs Annebäbi Jowäger. Da kann man nachlesen, dass auch Annebäbi anlässlich einer Märitfahrt nach Solothurn erst über dünne Suppe dann über hartes Fleisch, letztlich über die katholischi Chust (Geschmack) klagte, wo alles heyg. Das Annebäbi kriegte wenigstens etwas zu Essen.

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Marktplatz

Wunderschön der Zeitglockenturm, erbaut teilweise in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, das älteste Bauwerk der Stadt. Das Turmuhrwerk wurde von Laurentius Liechti um 1545 angefertigt. Das grosse astronomische Zifferblatt kündet Tag, Monat und Jahreslauf an. Die Figurengruppe in der Mitte des Turms sind Ritter, Tod und, auf dem Thron sitzend, ein König mit Narrenkappe. Zu jeder vollen Stunde dreht der Sensenmann sein Zeitglas.

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Zeitglockenturm

Das Landhaus an der Aare war in früheren Zeiten der Landeplatz und Lagerhaus für Weintransporte vom nahen Bielersee her. 1955 brannte es bis auf die Mauern ab und wurde wieder hergestellt.

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Landhaus

Dass man in Solothurn schon im Spätmittelalter mit Krokodilen zu kämpfen hatte, beweist der St. Georgsbrunnen aus dem Jahre 1584, der die Rettung der jungfräulichen Königstochter vor der grünen Bestie veranschaulicht.

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Selbst die heutigen, modernen Fresken an der Schmiedengasse sind in bedrohlichem Krokodilgrün gehalten.

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Pour Nina et Céline

Nach Hirschpfeffer hatten wir auch keine Lust…

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Letztlich zogen wir es vor, uns, wie dieser freundlich blickende Knabe in der Relief-Vignette, aus einer Bäckerei zu verpflegen. Da weiss man doch, was man hat.

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Fassadendetail einer ehemaligen Bäckerei, heute Parfümerie

Anmerkung: Irgendwann werden auch wir hier einmal fündig werden, was Essen anbetrifft. Solothurn, wir kommen wieder.