Archiv der Kategorie: Besuch in..

Verhext

Fragmente 2013 06 12_0628
Landeplatz für Hexen. Das Eichhorn wundert sich.

Derzeit fügt sich hier nichts mehr zusammen. Seit Wochen kriege ich keinen Reisebericht mehr auf die Reihe. Entweder wollte das Wetter nicht mitmachen, oder, wenn mal die Sonne schien, rief der Garten oder wir waren unpässlich. Und wenn wir endlich mal ausreisen konnten, taugen die Fotos nichts oder reichen für keinen Bericht aus. Bevor hier der Sommer ausbricht, will ich die in den letzten Wochen gesammelten Fragmente loswerden: Emmental. Kühe. Hörner. Schöner Wohnen. Käse. Reben. Garagenwein. Was sich halt so zusammenläppert.

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Bäregg im Emmental

Einer der wenigen Ausflüge galt der Lüderenalp (1144 m) im Emmental. Mitagessen im Gasthaus Bäregghöhe, einem kleinen, ehemaligen Jugendstil-Kurhaus mit schönem Ausblick auf das Emmental. Hier gibts einen der selten guten Hackbraten (handgehacktes Fleisch?, kaum Füllmaterial), gewürzt mit Kräutern aus dem hübschen Kräutergarten hinter dem Haus.

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Bäregg: zu kalt, um draussen zu sitzen

Danach fuhren wir auf einem engen Bergsträsschen den Gohlkrachen hoch bis zur Lüdernalp. Frau L. hatte allergrösste Aengste, dass wir auf Gegenverkehr treffen könnten. Aber wo ein Schweizer Postauto durchkommt, kommt auch ein Bayerischer Motorwagen durch und wo der die Hupe hat, weiss ich mittlerweile auch.

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Emmental/Aemmitau
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Bewölkte Aussicht auf der Lüdernalp auf den Hohgant

Hörner sind wichtig für das Sozialverhalten, die Rangordnung und die Körperpflege der Kuh und lassen sie zudem aussehen, wie eine Kuh aussehen soll. Doch: Kaum eine Kuh trägt in der Schweiz heute noch Hörner. Das habe mit der problemloseren Milchvieh-Haltung in Freilaufställen zu tun. Mit andern Worten: am lieben Geld. Dass auf den Milchverpackungen der Grossverteiler und der Werbung die Kühe aber fast ausschliesslich mit Hörnern abgebildet werden, hat auch mit dem lieben Geld zu tun. Einzelne Produzenten haben damit begonnen Hornkuhmilch und Hornkuhkäse gegen Aufpreis zu produzieren. Für uns wars eine Freude, wieder einmal eine dieser specie rara in natura zu sehen.

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Seltenes Exemplar der hörnertragenden Rasse

Schöneres Wetter erwischten wir auf der Wiederholung einer Reise ins Wallis. In Les Rossinières steht ein eigenartiges, altes, Holzchalet.

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Le Grand Chalet

Das Grand Chalet ist eines der grössten historischen Holzhäuser in der Schweiz. Die mit Schnitzwerk reich verzierten Fassaden weisen insgesamt 113 Fenster auf ! Das Grand Chalet wurde 1754 von Zimmermeister Joseph Geneyne für den Käsehändler Jean-David Henchoz gebaut, der seine Schätze in den Kellern  lagerte. Ein Käsebaron, der (im Gegensatz zu den Käseproduzenten) vom Handel mit Käse reich wurde. Später wurde das Grand Chalet als Hotel benutzt. 1976 wurde es vom Maler Balthasar Klossowski von Rola (genannt Balthus) gekauft, der dort bis ans Ende seiner Tage im Februar 2001 wohnte. Das Haus wird heute von der Balthus-Stiftung verwaltet.

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Le Grand Chalet, Eingang

Im Anstieg auf den Col des Mosses passiert man das kleine Dörfchen L’Étivaz. Dort empfiehlt sich anzuhalten und sich mit dem Käse aus der Region des pays d’enhaut einzudecken.

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L’Etivaz AOC ist ein Hartkäse aus Rohmilch, der in gut Hundert Alpkäsereien in den Waadtländer Alpen von Mai bis Oktober aus Rohmilch über dem offenen Feuer in Handarbeit nach traditionellem Rezept hergestellt wird. Die Rohmilch wird direkt vor Ort verarbeitet.

Der L’Etivaz AOC hat einen ausgeprägten, würzig-fruchtigen Geschmack: „der bessere Greyerzer“. Jeder Laib schmeckt anders, abhängig von den Kräutern, die auf den Alpwiesen wachsen und dem Geschick des Senns. Hat man das Glück, einen gut geratenen Laib zu erwischen, kann man davon nicht genug mit nach Hause nehmen.  Schmeckt besser als die meisten Greyerzer, die im Talgebiet erzeugt werden. Die Laibe wiegen zwischen 15 und 35 Kilogramm. Vom mi-salé, etwa 12 Monate gereift, nehmen wir viel mit. Vom rezenten bien-salé (24 Monate) etwas weniger.

Produktionsmenge: ca. 400 bis 430 Tonne während der Sommermonate.

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Käselager hinter spiegelnden Fenstern

Und ab ins Wallis, erst zu einem der schönsten Rebberge des Wallis: dem Colline de la Géronde in Sierre. Die Rebberge werden u.a. durch die Familie Rouvinez bewirtschaftet.

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Hinter dem Hügel liegt die Industriezone von Sierre. Hässlich wie alle Industriezonen. Hier, in einer unscheinbaren Lagerhalle, entstehen die für mich aufregendsten Walliser Weine der letzten Jahre. Die Rebflächen der Domaine des Muses befinden sich in der Ebene von Granges. Der Önologe Robert Taramarcaz (ein überaus freundlicher, junger Mann) übernahm nach dem Studium an der Universität „de la Vigne et du Vin Jules Guyot“ in Dijon im Jahr 2002 das elterliche Weingut in Sierre. Inzwischen gehört er zu den am meisten ausgezeichneten Winzern des Wallis, belegte 2010 mit seinem Fendant den ersten Platz beim Grand Prix du Vin Suisse in der Kategorie bester Chasselas und wurde 2011 als Winzer des Jahres nominiert.

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Seit die Weine von Robert Parker entdeckt wurden, sind sie nun auch ins Radar der internationalen Presse geraten. Hoffentlich legt sich das wieder. Die Weine sind nicht billig, aber immer noch bezahlbar. Ich habe meinen Jahresvorrat im Trockenen.

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Fendant mit Gschwellti aus Cheyennekartoffeln und Käse aus L’Etivaz

CH-6066 St. Niklausen: Kapelle

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St. Niklausen liegt etwas oberhalb von Kerns im Kanton Obwalden auf 800 Meter ü.M. am Eingang des grossen Melchtals. Bevor wir hier anlangten, haben wir in der Linde in Stans gut zu Mittag gegessen. Danach mussten wir uns, von Unterwalden her kommend, durch Panzersperren schlängeln. Seit dem Franzoseneinfall und dem Verrat von 1798 trauen die Nidwaldnern den Obwaldnern offenbar nicht mehr über den Weg.

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Die Kapelle mit dem fremdartigen, freistehenden Glockenturm ist von weitem sichtbar. Lange Zeit wurde der Glockenturm mit dem Pyramidendach als Bauwerk von Heiden oder Römern betrachtet. Wobei damals wohl beide gleichermassen als des Teufels angesehen wurden.  Chor und der stilistisch auf savoyische Baumeister hinweisende Turm stammen jedoch aus der Zeit um die 1350.

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Der Freskenzyklus im Chor aus dem 14. Jahrhundert gehört zu den bedeutendsten gotischen Wandmalereien der Innerschweiz. Die Fresken wurden in späteren Jahren mehrfach übertüncht und 1945-46 freigelegt.

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Bei der Renovation von 1703-04, also zu einer Zeit, in der die gotischen Fresken längst zugedeckt waren, erhielt die Kapelle ein hölzernes Walmgewölbe mit ländlicher Barockmalerei. Die Bilder zeigen Themen aus dem Alten und Neuen Testament und sind mit Heiligenfiguren und ihren Symbolen bemalt. Die Anordnung in Medaillons und Rhomben erinnert an die Deckenmalerei der Wallfahrtskirche Hergiswald.

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Die Botschaft der Decke ist einfach: der Betrachter soll sich mit Hilfe der Heiligen des Heils vergewissern. Wünschelrutengänger haben in der Mitte der Kirche einen Kraftort festgestellt. 18’000 Boviseinheiten sollen hier wirken. Wir sind 10 Minuten dagestanden und haben die Decke nach dem heiligen Robert (aus Montepulciano) abgesucht. Der war aber hier nicht abgebildet, wurde ja auch erst 1930 heilig gesprochen. Vom Kraftfeld haben wir nichts gemerkt. Vielleicht hat der Totenkopf unter der Kanzel das Kraftfeld gestört. Oder wir sind einfach zu wenig gläubig in diesen Dingen.

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Danke an den Muger, ohne dessen Reisebericht wäre mir die Existenz dieser Kapelle verborgen geblieben.

Quellen:
wiki

CH-3073 Gümligen: Verschlossene Schlösser

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Mittagessen in der Brasserie Bärengraben in Bern. Danach die Feststellung, dass die jungen Bärlein Ursina und Berna seit unserm letzten Besuch grösser, nicht hübscher geworden, aber wenigstens noch da sind. Anschliessend gings auf Umwegen ins Emmental, wie jedes Jahr der Geranien wegen. In Gümligen, einem Vorort von Bern, wollten wir zudem Schlösser gucken gehen. Kein einfaches Unterfangen, da die Gümliger Schlösser fest verschlossen sind und neugierige Besucher mittels Mauern, Hecken und Toren auf Distanz gehalten werden.

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Ursina oder Berna ? Jedenfalls nass

Das Schloss Gümligen wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Architekten Albrecht Stürler für den Sohn des Postunternehmers Beat Fischer erbaut und ist einer der schönsten Berner Landsitze aus diesem Jahrhundert.
Da der Bau die finanziellen Möglichkeiten Fischers letztlich überstieg, musste er das prunkvolle Schloss schon 1742 wieder verkaufen. Nach mehreren Handwechseln innerhalb der Berner Aristokratie wurde das Schloss im Jahre 1998 an einen Medizinalgeräteunternehmer aus Burgdorf verkauft, der es sorgfältig renovieren liess.

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Schloss Gümligen: Kein Hineinkommen

Im Zweiten Weltkrieg diente das Schloss von 1939 bis 1941 als Hauptquartier des Generals Henri Guisan. Ein älterer Filmbericht des Schweizer Fernsehens gibt Einblicke in das Innere.

Gleich nebenan liegt das Hofgut Gümligen, ein barocker Berner Herrensitz (eine sog. Campagne), die vom selben Bauherrn wie Schloss Gümligen, 1741 erbaut, und 1754 gleich wieder verkauft wurde (verkauft werden musste).

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Campagne Hofgut Gümligen
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Campagne Hofgut Gümligen

Nach mehreren Handwechseln wurde das Gut 1930 von einer Immobiliengesellschaft erworben, später in eine Stiftung im Besitz der Gas&Immobilien-Gruppe Carba eingebracht. Von aussen durchs vergitterte Tor zu erspähen sind das Haupthaus mit dem kleinen Glockenturm auf dem Dachfirst und die barocken «Trompe l’oeil»-Malereien im Innenhof sowie der prächtige Garten in Südlage.

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Hofgut Gümlign: Blick über die Hecke in den Garten

Weitere Bilder gibts bei der carba-Stiftung Hofgut Gümligen. Haben wir uns in Gümligen halt die Scheiterbeigen der umliegenden Bauernhäuser angeschaut. Auch ganz nett.

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Eine schöne Holzbeige in Gümligen

Quellen:
Wolf Maync: Bernische Campagnen, VDB-Verlag, 1980
Wolf Maync: Bernische Wohnschlösser, VDB-Verlag, 1979

CH-5304 Endingen: Auch ein Kapitel Schweizer Geschichte

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Oft kommt es anders als geplant. Nachmittags riss der Himmel über Basel auf: Gelegenheit, in einem erneuten Anlauf das Städtchen Klingnau zu besuchen. Was für das sonnige Basel gilt, gilt 50 km östlich nicht mehr. Hochnebel. Trübe. Kein Licht. Klingnau muss warten. Der Fotoapparat blieb in der Tasche. Auf der (vergeblichen) Suche nach einem Kaffee fuhren wir ein paar Dörfer weiter durch das Surbtal. Zwischen Endingen und Lengnau liegt, in einem Gehölz verborgen, eine alte Begräbnisstätte der Schweizer Juden. Hier ruht ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte.

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Seit dem 13. Jahrhundert wurden jüdische Gemeinden in der Schweiz gegründet. Abwechselnd mit Zeiten der repressiven Duldung waren sie immer wieder mittelalterlichen Pogromen ausgesetzt. Als 1348 in ganz Europa Pestepidemien ausbrachen, wurden die Juden als Brunnenvergifter beschuldigt und vielerorts auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder ausgewiesen. 1776 wurde die jüdische Bevölkerung auf Beschluss der acht alten Orte der Eidgenossenschaft in die beiden Dörfer Endingen und Lengnau zwangs-umgesiedelt. Bis um 1800 gehörten diese Dörfer zur Grafschaft Baden, einem gemeinsam verwalteten Untertanengebiet der Alten Orte der Eidgenossenschaft, danach zum Kanton Aargau. Ende des 18. Jahrhunderts lebte hier mit 553 Personen beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung der Schweiz mit einem Bevölkerungsanteil von bis zu 50%.

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Nach der jüdischen Begräbniskultur ruhen die Verstorbenen bis zur Auferstehung. Gräber werden also nie aufgehoben. Viele der Grabsteine sind verwittert, in das Wurzelwerk der Bäume eingewachsen, schief gedrückt. Die älteren Grabsteine sind durchweg hebräisch beschriftet.

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Der Erwerb von Boden und das Handwerk war den Juden auch hier bis zum 19. Jahrhundert verboten. So lebten sie vom Hausieren, vom Vieh- und Liegenschaftshandel. Hier spielte sich während über zwei Jahrhunderten die bewegte Geschichte der Schweizer Juden ab. Anfänglich ausgegrenzt, wurden sie erst nach langem Kampf als gleichberechtigt anerkannt. Mit der Teilrevision der Bundesverfassung von 1866 wurde den Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährt. In den Jahrzehnten danach zogen die meisten weg, in die grossen Städte, vor allem Zürich, Genf und Basel.

Ihre Bauten prägen bis heute die beiden Dörfer, die als Ortsbilder von nationaler Bedeutung eingestuft sind. Der Faltprospekt des jüdische Kulturwegs macht dieses kulturelle Erbe Besuchern, die an Geschichte interessiert sind, zugänglich.

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Synagoge Lengnau
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Synagoge Endingen

In Lengnau wie in Endingen findet man einige typische Häuser mit zwei nebeneinander liegenden Haustüren: die Folge  diskriminierender, behördlicher Erlasse. Den Juden war nicht nur untersagt, Grund und Liegenschaften zu besitzen, sie durften auch nicht mit Christen im selben Haus zusammen leben.  Sie behalfen sich, indem sie sich bauwilligen Christen als Geldgeber anboten und danach einen Hausteil mieteten. Zweitürige Häuser boten die Möglichkeit, das obrigkeitliche Kohabitationsverbot zu umgehen.

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Wie dieses Volk, trotz vieler Jahrhunderte der Verfolgung, beharrlich an seinen Idealen, Werten und Traditionen festhält und für sie kämpft, fordert mir Respekt ab. Etwas mehr von diesen Eigenschaften würde auch uns Schweizern nicht-jüdischen Glaubens gut anstehen.

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Für diesen Eintrag habe ich die Kommentarfunktion ausnahmsweise geschlossen. Das Thema ist zu ernst, als dass es in Kommentaren abgehandelt werden könnte. Für die Rezeptleser geht es hier, wie üblich, am Dienstag weiter.

Quellen:
Baukultur entdecken
Jüdischer Kulturweg

CH-8597 Landschlacht: St. Leonhardskapelle

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Der Winter meldet sich aus den Frühlingsferien zurück. Der Wetterbetrübnis zum Trotz wagten wir uns bei Dauerregen auf eine Ausreise. Nach Frauenfeld. Die Mühe hätten wir uns ersparen können. Auch dort regnete es dauer. Fotoapparat blieb eingepackt. Frau L. wars nicht um Museumsbesuche. Also fuhren wir nach dem Mittagessen in Richtung des geliebten Bodensees. In Landschlacht gedachte ich, den Winter in eine weitere Abnützungsschlacht zu verwickeln. Aber der Gegner wich blitzschnell über den Bodensee zurück: der kalte Regen hörte auf. Landschlacht ist ein kleines Dorf bei Münsterlingen. Darin befindet sich ein kleines Kapellchen, das im 10. Jahrhundert erbaut wurde.

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trocken !

Der karge Bau auf freier Wiese ist unverputzt. Rundum wird die Kapelle von Mehrfamilienhäusern bedrängt. Die dem heiligen Leonhard (Schutzpatron der Gefangenen, Kettenheiliger, Nothelfer, Patron und Fürsprecher für das liebe Vieh unter besonderer Berücksichtigung der Pferde) geweihte Kapelle ist weltbekannt durch ihre gotischen Wandmalereien, die aus verschiedenen Epochen stammen. In der Osthälfte des Raums wird das Leben des hl. Leonhard geschildert (1432, datiert); die Westwand zeigt Szenen aus der Passionsgeschichte Christi (Ende 15. Jh.), die Südwand weitere sieben Passionsfelder (1300/1330).

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Passionszyklus
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ist ers ? Der Kettenheilige in der blauen Küchenschürze ? (Nachtrag 2023: nein, der hl. Jakobus)

Die schöne Holzdecke stammt aus dem Jahr 1644. Leider haben nachträglich ausgebrochene Fenster einen Teil der Fresken zerstört.

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Das Innere

Die westliche Kapellenhälfte mit dem Eingang ist romanisch und aus groben Feldsteinen errichtet. Die östliche Kapellenhälfte ist gotisch und wurde Ende des 14. Jahrhunderts angebaut. Die Kapelle ist mit gotischen Masswerkfenstern ausgestattet.

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Wers eilig hat, kann über eine Himmelsleiter den direkten Weg in den Himmel wählen. Wir blieben lieber der Erde verbunden und setzten unsere Heimreise nach einem Kaffee in der Psychiatrie Münsterlingen fort.

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CH-4222 Zwingen: Schloss

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Jede Woche fahren wir einmal durchs Laufental Richtung Jura. Vorbei an den hässlichen Anlagen der ehemaligen Papierfabrik.  Vorbei am Schloss Zwingen. Warum immer nur vorbeifahren ? Auch Sehenswürdigkeiten „dritter Klasse“ haben ihre Geschichte und somit ihren Reiz.

1194 stellte Papst Coelestin III das Kloster Beinwil unter den Schutz des apostolischen Stuhles und sicherte ihm alle gegenwärtigen und zukünftigen Besitzungen, u.a. auch Zwingen (Zinwigen) zu.

Die ältesten Teile des Wasserschlosses Zwingen werden auf die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Ab 1312 gehörte Zwingen als Lehen des Bischofs von Basel den Herren von Ramstein. Die Ramsteiner, als bischöfliche Ministeriale zu Macht und Einfluss gelangt, beabsichtigten, die Anlage zur bewehrten Kleinstadt auszubauen. Der Bischof von Basel, der 1295 gleich nebenan mit der Stadt Laufen eine eigene Stadt gründete, wusste den Aufbau eines konkurrierenden Machtzentrums zu unterbinden. Mit dem Aussterben der Ramsteiner ging das Schloss an den Fürstbischof von Basel über. Rund 300 Jahre residierten dessen Vögte auf dem Schlossgut.

Die ganze Anlage wurde auf Inseln im Flüsschen Birs errichtet. Allerdings sind die im Mittelalter noch durchflossenen Arme der Birs zwischen den Inseln trockengefallen oder trockengelegt worden. Damals konnte mit zwei Wehren die Birs aufgestaut werden, so dass das Schloss auch bei niedrigem Wasserstand umflossen war.

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Ramsteinerturm von der Innenseite gesehen

Die östliche Vorburg wird durch den Ramsteinerturm mit seinem Zinnenkranz dominiert, der mit seinem Tor den Zugang vom Weg aus Richtung Basel sicherte. Die ursprüngliche Ummauerung ist an der südöstlichen Mauerecke noch vollständig erhalten.

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östliche Vorburg

Eine gedeckte Holzbrücke verbindet die Vorburg mit dem Hauptteil der Anlage. Sie besteht zum grössten Teil noch aus dem ursprünglichen Bauholz. Der Birsarm, der früher unter der Brücke durchführte, ist inzwischen trockengefallen, aber noch gut zu erkennen.

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Die alte Holzbrücke zum Schloss. Hinten der runde Bergfried
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Die dicken Mauern der Kernburg

Auf der grösseren westlichen Insel befindet sich der runde Bergfried, mit dem rekonstruiertem Kegeldach, dem Hexenturm. Später wurden daran verschiedene Gebäude direkt angebaut. Heute bilden diese Anbauten mit dem Bergfried zusammen eine Einheit, den Palas.

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Der heutige Eingang zu den Wohnungen in der Kernburg
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Kapelle St. Oswald

Auf der Südseite des Schlosses Zwingen steht nahe der Birs und innerhalb der Tore und Ringmauern die dem Hl. Oswald geweihte Kapelle. Der heutige Bau stammt aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts und besteht aus Schiff und Chor.

Ab 1792, nach dem Einmarsch der Franzosen, gehörte Zwingen zur Raurachischen Republik und anschliessend zum Kanton Laufen, welcher zum Departement Mont Terrible kam. 1792 wurde das Schlossgut als französisches Nationalgut deklariert und an einen guten französischen Bürger, Citoyen Laquion, verkauft (L.: Umverteilung für einen Pappenstiel, man weiss ja, wie das läuft). 1793 wurde das Bistum Basel mit Frankreich vereinigt. 1815 wurde das Laufental durch Entscheid des Wiener Kongresses eidgenössisch und dem Kanton Bern zugeschlagen. Mehrmals wechselte das Schloss in den folgenden Jahrzehnten den Besitzer. 1913 wurde es an die Papierfabrik Zwingen verkauft, die ihrerseits 2004 ihren Betrieb einstellen musste. Seit 1993 ist das Schloss im Besitz der Gemeinde Zwingen.

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Blick in das Areal der geschlossenen Papierfabrik. Die Stempeluhren sind demontiert.

Quellen:
wiki
Gemeinde Zwingen

CH-3416 Affoltern: Käse schauen

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Mitten im Emmental, in Affoltern (nicht zu verwechseln mit jenem am Albis) steht seit 25 Jahren eine der bekanntesten Schaukäsereien des Landes. Hier kann die Herstellung von Emmentaler von einer Galerie aus hautnah verfolgt werden. Wenn wir zur Beschaffung von Mehl oder Geranien durch, bzw. über die Emmentaler Hubel fahren, machen wir hier gerne Rast. Obwohl sowohl das Ausstellungs- wie das Schaukonzept etwas in die Jahre gekommen sind. Die Beliebtheit des Emmentalers nimmt stetig ab.  Frau L. versteht das nicht, Emmentaler ist ihr Lieblingskäse. Ich stehe eher auf Gruyère, was uns zuhause immerhin eine permanente Auswahl an zwei Hartkäsen beschert. Aber eben, die Preise für Milch und Emmentalerkäse sind im Keller. Mit Jass-, Örgeli-, Tanznachmittagen und andern ländlichen Lustbarkeiten versucht man wenigstens die ältere Generation anzulocken. So wundert es mich nicht, dass die Schaukäserei letztes Jahr in die roten Zahlen abgerutscht ist.  Gelingt es nicht, einen finanzkräftigen Investor zu finden, wird hier bald ausgeschaut sein. Also, gucken wir nochmals vorbei:

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Ausblick auf die Emmentaler Huble (Hügel)
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Betriebsgebäude

Neben der modernen Käserei steht ein altes, renoviertes Stöckli (Küherstock), ein kleines Häuschen aus dem Jahre 1741, das früher als Käserei, Wohn- und Schlafstock für den Käser und andere Angestellte (Diensten) benutzt wurde. Drin eine kleine Käseküche, ein dunkles Stübchen und Schlafstätten im Gaden.

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Küherstock

Im Betriebsgebäude wird die Milch erwärmt, eingelabt, dickgelegt, dann die Masse mit der Harfe zerschnitten und daraus die Käsekörner, der Käsebruch, hergestellt.

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Vorgänge, die nebenan im Stöckli  auf dem Holzfeuer von Hand vorgenommen werden müssen.

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Im Betriebsgebäude werden die Kennzeichnungs-Folien in die Pressen gelegt. Danach wird der Käsebruch in die Pressform gepumpt, die vier ca. 100 kg schweren Käselaibe gepresst und mehrfach gewendet. Seit Ende 2012 wird auch im modernen Betriebsgebäude ein von Hand gemachter Käse produziert. Der Eidgenoss, der für das bevorstehene Schwingerfest in Burgdorf produziert wird. (die Mi.gros verkauft ihn). Dafür wird die eingedickte Milch von Hand mit der Harfe zerschnitten, in einem Leinentuch aus dem kleinen, offenen Kupferkessel gezogen und mit der Handpresse durch Festzurren gepresst. Anschliessend reift der Laib acht Monate im Feuchtlager, wo er täglich von Hand mit Salzwasser gepflegt wird und seinen Geschmack erhält.

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Nebenan im Küherstöckli sind die Formen bedeutend kleiner. Hier ist alles zu 100% Handarbeit. Auf Anmeldung kann man unter Anleitung eines Käsers sogar seinen eigenen Käse herstellen.

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Das Käselager der Schaukäserei. Hier reifen die Käselaibe mehrere Monate bei 22°C.

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Trotz aller Aktivitäten an der Besucherfront scheint es hier an einer ordnenden Hand zu fehlen. Nach 15 Minuten Wartens in der Beiz sind wir wieder gegangen, ohne dass sich eine der Bedienungen um uns gekümmert hätte. Der Eidgenoss, im Hause produzierter, handgemachter Emmentaler, war im Laden auch aus. Kaufen wir ihn halt in der Mi.gros.

Aufnahmen vom letzten Herbst und diesem Winter.

Sonne tanken

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Berner Alpen von der Bütschelegg aus

Nach den vergangenen, trüben Hochnebel-Tagen wollte Frau L. unbedingt auf einen Hoger an die Sonne. Die Knochen. Vitamin D3. Da wir ohnehin wegen Roggenmehl, Xanthan und Salzbrezeli im Bernbiet herumkurven mussten, fuhr ich mangels Rigi (1’797 m) auf die höchste Erhebung des Längenbergs, die Bütschelegg (1056 m). Und weil frische Luft hungrig macht und auf dem Hoger ein Wirtshaus stand… Chaubsgschnätzlets are Chrüterrahmsosse mit Speck-Rösti gabs, mit einer Gurke und einem rohen Tomatenschnitz an einem Plastik-Spiesschen, das Fleisch lag auf der Rösti, die Sauce versickerte darin, obendrauf eine Scheibe Dosenananas, bedeckt von einem Rahmhäubchen, zuoberst eine rote Kirsche. Liebevoll angerichtet, freundlich serviert. Heimatlich-heimelig-bodenständig wie vor 50 Jahren. Dankbar gegessen. Nicht gemeckert.

Da ruft ich in Verzweiflung aus:
warum blieb ich nicht zu Haus?
Das kommt davon, das kommt davon,
wenn man auf Reisen geht!

Aber hier oben zählt sowieso nur die Aussicht, nicht die rote Kirsche.

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Hohgant

Auf dem Heimweg über den Schallenberg ein Päuschen in Schangnau am Fusse des Hohgant.

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Kirche Schangnau mit Hohgant
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Sonnenbank an der Stille

Ja wir sind noch sehr lebendig,
wir sind beide noch die Alten,
und wir freuen uns unbändig,
ein weit’res Jährchen durchzuhalten.

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Memento mori. Zu kalt für uns.

Während sich rund um uns herum alles mit Saftkuren, Suppenkuren oder Früchtekuren gesund und jung hungert, stund uns zuhause der Sinn nach Ungesundem: Wurst, Salat, Pommes, Bier:

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Die Wurst
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Der Salat
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Die Pommes
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Das Bier

Hunger würd‘ uns nimmer munden,
Kuren lassen uns bedrückt
drum sind wir euch sehr verbunden
da wir essen dürfen, was uns schmeckt.

Benutze Quellen:
Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit
Albert Lortzing, Der Waffenschmied

Reise entlang des Jurabogens

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Ile de la Harpe vor Rolle

Wenn man uns wegen des Basler Fasnachtstreibens schon von zuhause vertreibt, wollten wir uns doch eine kleine Ausreise gönnen. Von den Jurahöhen fuhren wir hinunter an den Genfersee (wie jedes Jahr). Assen Malakoffs in Luins (wie jedes Jahr), schauten uns die Zitrusfrüchte im Gartencenter an (wie jedes Jahr) und fuhren wieder heim, alles den Höhen des Jurabogens entlang. Auch wie jedes Jahr. Zwischendurch sind wir noch eine Runde um das prächtige Savoyerschloss mit den vier mächtigen Rundtürmen in Rolle gelaufen. Es wurde 1264-69 durch Peter II. von Savoyen erbaut. Bis 1530 war es eine Festung, die landseitig durch einen breiten Graben gesichert war und von den savoyischen Herrschern bewohnt wurde. Anlässlich der Eroberung der Waadt 1536 setzten die Berner das Schloss in Brand, 1558 wurde es durch einen Berner Financier neu aufgebaut. Die kleine Insel Ile de la Harpe, benannt nach einem Anführer der Waadtländer Revolution, ist ein google Kuriosum. Sie existiert auf google maps Karten nur in der Satellitenansicht. Auf den Karten ist sie nicht eingezeichnet.

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Schloss Rolle, Eingang zum Hof

Die Schlossanlage hat einen unregelmässigen Grundriss: Drei Flügel mit einem nach Westen offenen, trapezförmigen Hof. Der grösste Teil der Gebäude stammt von den Um- und Neubauten im 15. und 16. Jahrhundert. Am Ende der Berner Herrschaft wurde es von der Stadt Rolle gekauft. Es diente der Stadt als Verwaltungsgebäude, Gefängnis, Gericht, Archiv für Schulen, Lehrerwohnungen und Standesamt. Im Südostturm befindet sich die Bibliothek mit 13’000 Bänden.

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Schloss Rolle, rechts der Latrinenturm
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Schloss Rolle, Hof  [Bilder vom Schloss stammen vom letzten Besuch]

Nach den Malakoffs in Luins, den seit Jahren guten Käseschnitten in der Auberge communale, noch ein Gang zum Kirchlein. Wegen der Aussicht, nicht wegen der Seele. Die Pfarrkirche Saint-Pierre steht am Hang oberhalb des Dorfes inmitten der Reben. Sie gehörte im Mittelalter zum Benediktinerpriorat Payerne. Der heutige Bau stammt von 1674.

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Kirche St. Pierre in Luins
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Blick auf Luins

Und da wir schon in der Gegend waren, guckten wir uns den Frühling in den Treibhäusern des Gartencenters in Gland an.

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Buddhas Hand im Gartencenter

Da die Strassenverhältnisse gut waren, fuhren wir entlang des Jurabogens nach Hause. Als Jurabogen wird heute der langgezogene Gebirgszug aus parallelen Ketten bezeichnet, der westlich und nordwestlich des schweizerischen Mittellandes liegt. Auf einer Länge von rund 300 km wurden während der Bildung der Hochalpen vor rund 10 bis 2 Mio Jahren durch den entstandenen Druck die Kalkgesteinsschichten im Jura aufgeworfen und verfaltet. Über einen Pass, den Col du Marchairuz, gings nach Le Brassus, ins Vallée de Joux, eines der Längstäler zwischen den aufgeworfenen Faltenzügen. So viel Schnee haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Vor lauter Schneeschauen vergass ich das Fotografieren. Früher war die abgelegene Gegend isoliert und arm. Bis zum ersten Weltkrieg wurde das Eis des Lac de Joux in Blöcke geschnitten, kühl gelagert und im Sommer nach Paris verkauft. Die Uhrenindustrie (u.a. Audemars Piguet, Breguet, Jaeger-LeCoultre), der Langlauftourismus und die Nachfrage nach dem Vacherin Mont d’Or-Käse haben einen gewissen Aufschwung gebracht. Weiter nach Vallorbe.

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Col du Marchairuz
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Col du Marchairuz
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Lac de Joux, gefroren

Wenn man die Höhe des Jurabogens halten will, muss man nach Vallorbe ein kurzes Stück durch Frankreich ins nächste Paralleltal fahren, bei Les Ferrières gehts wieder in die Schweiz. Schnee auch hier.

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Friedhof von Les Verrières

Am gefrorenen Lac des Taillères vorbei nach La Brévine. Dicht stehen hier die Häuser beieinander, wie um sich gegenseitig vor Wind und Kälte zu schützen. La Brévine gilt mit dem absoluten Rekord von minus 41,8 Grad als Schweizerisches Sibirien.

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Temple de la Brévine

Das Tal von La Brévine war bis ins 16. Jahrhundert hinein kaum besiedelt. Wildnis. Wer will hier schon wohnen. Rund um die 1604 erbaute Kirche hat die Gemeinde eine Art Temperaturen-Kreuzweg aufstellen lassen. Pilger sind uns keine begegnet und auch wir haben uns rasch bekreuzigt und sind wieder ins warme Auto gestiegen. So kalt wie die Anzeige wars aber gar nicht 😉

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Die Schrecken des Feuers und der Finsternis

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Kreischende Weiberstimmen, gröhlende Mannsbilder, lautsprecherverstärkte Schunkellieder, Grillwurstgestank. 17.02.2013, noch 5 Stunden, dann wird der Spuk der Fasnacht vorüber sein. Das Städtchen Liestal wird wieder in die Agonie des Alltags zurückfallen.
Wie einst vor 700 Jahren Dante Alighieri, wollte auch ich einmal einen Blick in die Vorhölle werfen. Der Chienbäseumzug in Liestal, der Hauptstadt des Nachbarkantons, liess mich meine angeborene Menschenscheu und Abneigung gegen Menschenmassen überwinden. Nach dem eindunkeln stellte ich mich an der Hauptstrasse auf einen Feuerwehrschlauch und wollte die Kamera justieren. Drückte, drehte, hebelte an allen Tasten, Knöpfen und Rädchen meiner Kamera. Wie fotografiert man in dunkler Nacht ? Ich fotografiere sonst praktisch ausschliesslich in der Stellung Automatik. Überbelichtet, unterbelichtet, falschfarben, verwackelt. Nachts geht nichts bei meiner Kamera.

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Warten auf das Lichterlöschen

19.15 h wird die Strassenbeleuchtung gelöscht. Tiefschwarze Dunkelheit. Zu spät, um die Bedienung des Fotoapparates zu erlernen. Nach Trommelpräliminarien beginnt der Chienbäse. Der Feuer-Umzug wird seit 1902 immer am Sonntagabend nach Aschermittwoch durchgeführt. Dabei werden aus harzreichem Föhrenscheiten zusammengebundene „Besen“ lichterloh brennend durch die Liestaler Altstadt getragen. Ein einzelner „Besen“ bringt etwa 40-80 kg auf die Waage.

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Stahlhelm, Nackenschutz, feuerfeste Kleidung

Der Brauch entstammt einer uralten Kulthandlung zur endgültigen Vertreibung des Winters. In archaischen Vorzeiten wurden auf den Hügeln grosse Holzstösse angezündet und die wärmende Kraft des Feuers mit brennenden Scheiten und lodernden Chienbesen ins dunkle, kalte Tal hinuntergetragen. Das Wort chien, kien entstammt dem althochdeutschen und steht für die Kiefer, harzreiches Nadelholz.

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Brennende Chienbesen

Während die „Besen“ abbrennen, sprätzelt, knistert und knallt das brennende Holz einen Funkenregen auf die Träger und die am Strassenrand stehenden Zuschauer nieder. Je nachdem ob man auf der windabgekehrten oder der windzugewandten Strassenseite steht, kriegt man Kaskaden glühender Partikel ab. Die teure Jacke von Missoni bleibt also besser zu Hause. Höllische Gluthitze und beissender Rauch werden kostenlos mitgeliefert.

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behörnter Stahlhelm und feuerfeste Kutte

Rund 300 Chienbesen werden die Route entlang getragen. Für die Herstellung der Chienbesen werden rund 30 Ster Holz benötigt. Das Binden der Besen ist eine überlieferte Kunst, gilt es doch zu erreichen, dass der Besen seinen feurigen Höhepunkt während des Durchganges durch die Altstadt erreicht und nicht vorzeitig auseinanderfällt.

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Stadttor im Flammenmeer

Ein weiterer Höhepunkt des Umzuges sind die Feuerwagen. Schwere, metallene Karren mit einem Gitteraufbau, auf den starke Holzscheite geschichtet sind. Für die Feuerwagen werden nochmals rund 45 Ster Holz benötigt. Die Wagen werden an Ketten oder Riemen mit starken Armen durch die Stadt gezogen. Meterhohe Flammen lodern auf. Der Durchgang durch das Stadttor ist besonders heikel und fasziniert die Zuschauer immer wieder aufs Neue. Der Durchgang wird mit Anlauf im Sturmschritt genommen um zu vermeiden, dass Stadttor und Altstadt in Schutt und Asche gebrannt werden. Wegen der Brandgefahr stehen die Feuerwehren der Stadt und der umliegenden Gemeinden Spritzen bei Fuss bereit, um das Gewölbe des Törleins immer wieder abzuspritzen, entstehende Glimmbrände zu löschen und glühende Holzpartikel von Jacken und Mänteln der Träger zu wischen.

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Feuerwagen

Als ich beobachtete die Gestalten
Da sprach der Führer: „Geister siehst Du dort,
die sich verhüllen in des Feuers Falten“
[Dante, Göttliche Komödie, Hölle, Vierundzwanzigster Gesang]

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Feuerwagen

Die Feuerwagen legen gerne einen Halt ein, um die Zuschauer der Höllenhitze teilhaftig werden zu lassen. Ein Zurückweichen ist als vorderster Zuschauer kaum möglich. Zu dicht stehen die Menschenmassen hinten dran.

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gibt schön heiss
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wabernde Lohen

Glutrot, als ob sie aus dem Feuer kämen.
Und jener sprach zu mir: »Das ew’ge Feuer,
Das drinnen glüht, macht sie dir rot erscheinen,
Wie du nun schaust in dieser untern Hölle».
[Dante, Göttliche Komödie, Hölle, Achter Gesang]

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wem der Besen vorzeitig abbrennt, läuft ohne hinterher

Wer ist im Feuer dort, das so nach oben
Gespalten naht, als schlüg‘ es aus dem Holzstoß ?
[Dante, Göttliche Komödie, Hölle, Sechsundzwanzigster Gesang]

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Der grösste der Feuerwagen im Vollbrand

Ein infernalisches Schauspiel. Feuer ist elementarer Bestandteil vieler Riten und Bräuche. Als Vision einer heidnischen Feier aus grauer Vorzeit wird im Ballet Le sacre du printemps eine Jungfrau geopfert, um den Frühlingsgott gnädig zu stimmen. In der Oper steigen gleich mehrere Damen auf brennende Scheiterhaufen. Hier die grossartig singende Frida Leider als Brünnhilde: „Starke Scheite schichtet mir dort !

Der Faszination Feuer kann man sich nur schwer entziehen. Wieder zuhause, reisst mich Frau L. schnuppernd aus meinen Träumereien:  Du riechst wie eine Rauchwurst !

La commedia è finita. Das Leben hat mich wieder. Morgen koche ich Kraut mit geräuchter Wurst.

Quellen:
Chienbäse-Verein
Christoph Ransmayr

CH-6045 Meggen: Wurst schlägt Spiritualität

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Wieder einmal, schon wieder, Besuch in Meggen. Wurstkurs bei Lucas Rosenblatt.

Ich war etwas zu früh und habe mir, angeregt durch den Muger, vorher die St. Piuskirche in Meggen, hinter deren Fassaden ich bislang ein Parkhaus vermutet hatte, angesehen.

Ein streng geometrisch konstruierter, in industrieller Stahlbauweise ersteller Kubus. Zwischen die Stahlträger der Fassade wurden knapp 3 cm dicke, aus Griechenland stammende Marmorplatten eingesetzt. Die Transluzenz der Steinplatten lässt ein eigenartiges Licht in den sonst fensterlosen Raum einfallen. Je nach Sonnenstand variiert die Farbe des Marmors von Braun bis Grau und erinnert an alte Tempelbauten, in denen es auch keine Glasscheiben gab.

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Wände raumhoch aus der griechischen Marmorsorte Dionysos

Da das 1964 eingeweihte Gebäude nicht isoliert ist, kann man sich die Heizungskosten und die Behebung der Kondenswasserschäden, die der Kirchgemeinde anfallen, bildhaft in Franken vorstellen. Aber Meggen ist ja eine „reiche“ Gemeinde, die stemmen das problemlos.

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Taufbecken mit Spiegelung

Ignorieren wir die Kirche und schauen uns lieber das Ergebnis des Wurstens an. Die Farben sind dieselben. Hier nur ein Ausschnitt der Wurstproduktion von insgesamt 6 verschiedenen Würsten. Daran anschliessend wurden passende Beilagen zubereitet, die zu dem grossen Wurstmenu  serviert wurden.

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Trüffelwürstchen
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Merguez
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Bauernbratwurst
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Handgeschnittene Rentier-Wildschweinwurst

Beinahe vergessen: Gefallen hat mir in der Kirche einzig die norditalienische Madonna aus dem frühen 15. Jahrhundert.

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Ausserplanmässiger Beitrag, damit die Sabine im Tessin etwas zu Lesen hat !

Sibirischer Stör aus dem Kandertal

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Stör, eine Fischart, die wegen des begehrten Kaviars vor der Ausrottung steht, wird man wohl eher in Russland, beispielsweise im Baikalsee oder im Kaspischen Meer suchen, als in den Schweizer Bergen. Weit gefehlt. Nachdem ich mir kürzlich im hiesigen Nobelwarenhaus eine Packung geräuchtes Störfilet gekauft hatte und von diesem hellen, fettarmen Fleisch angenehm überrascht worden bin, wollte ich mir den Herkunftsort mal persönlich angucken. Bei Nieselschnee habe ich mich störrisch über den Einwand von Frau L., ich sei gestört, bei solchem Wetter auszufahren, hinweggesetzt, und mich nach Frutigen im Berner Oberland aufgemacht. Die Aussicht auf ein Mittagessen in einem warm-feuchten Tropenhaus konnte sie dann doch noch verlocken, mitzukommen.

Erfahrene Tunneldurchfahrer wissen, dass es in einem Tunnel durch den Druck des Gesteines recht warm werden kann. Regen- und Schmelzwasser versickern im Berg. Wird durch einen Berg ein Tunnel gebohrt, muss das durch Klüfte im Fels einströmende Quellwasser gefasst und nach Aussen abgeleitet werden. Das erwärmte Wasser darf nicht direkt in ein Fliessgewässer abgeleitet werden, da die  Gebirgsbäche im Winter nur wenig Wasser führen. Das würde den einheimischen Fischbestand gefährden.

Beim Bau des Eisenbahn-Basistunnels durch den Lötschberg, der das Berner Oberland mit dem Wallis und der Simplonlinie verbindet, hatten findige Leute eine kreative Idee: Anstelle energieintensiver und teurer Abkühlmassnahmen wird mit der Abwärme des Bergwassers ein Gewächshaus für exotische Früchte (u.a. Bananen und Papapyas) sowie eine Fischzucht beheizt. Zweck der Fischzucht ist primär eine nachhaltige Produktion von frischem Kaviar und Störfleisch.

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Fischzuchtbecken in Frutigen

Im Jahre 2005 zog hier der erste Stör in ein Zuchtbecken der Forschungsanlage ein. Im konstant etwa 18°C warmen Wasser (dem Sommerklima in Sibiren) gedeihen die Störe gut. Seit 2007 ist das fettarme Störfleisch aus Frutigen erhältlich. Seit 2011 ist auch der Kaviar im Handel. Auf Vorbestellung wird er sogar frisch „geerntet“ und per Nachtpostexpress gekühlt versendet. Wir essen zwar keinen Kaviar, aber wenn ich die misslichen hygienischen Verhältnisse am kaspischen Meer bedenke, unter denen Kaviar oft illegal abgefüllt, pasteurisiert und transportiert wird, damit er zum Jahreswechsel gewinnbringend verscherbelt werden kann, so gibt es für die Spitzengastronomie gute Gründe, auf den Schweizer Kaviar auszuweichen. Die originelle Verpackung der Glasi Hergiswil hat übrigens Ende 2012 in Berlin den red dot design award erhalten. Derzeit wird die Störzucht im Tropenhaus auf den Bestand von 60‘000 Fischen und einer Jahresproduktion von drei Tonnen Kaviar sowie 18 Tonnen des Grätefreien Störfleisches ausgebaut.

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Ungestört gründelnde Störe

In Zusammenarbeit mit der Universität Bern und einem russischen Stör-Fachmann wurden die Haltungsbedingungen optimiert. Neue, tierfreundlichere Methoden für die Ermittlung des Geschlechts der Störe und für die Bestimmung der optimalen Kaviarreife wurden entwickelt. Die Fische werden ohne präventive Antibiotika, Medikamente und chemische Schädlingsbekämpfungsmittel aufgezogen. Gefüttert wird konventionell mit Fischmehlgranulat. Daneben sind Versuche im Gange, einen Teil des Futters, wohl Mehlwürmer, von Bauern aus der Gegend produzieren zu lassen. Warum keine Biozertifizierung angestrebt wurde, weiss ich nicht.

2007 ging der 34,6 Kilometer lange Eisenbahntunnel in Betrieb. Ende 2009 wurde neben dem Gewächshaus ein Besucherzentrum mit Gastrobetrieb und Ausstellungsräumen eröffnet, in welchem Wissen über nachhaltige Energiegewinnung und den Stör vermittelt wird. Das Tropenhaus ist zum beliebten Ausflugsziel geworden, in welchem u.a. die Produkte des Hauses degustiert werden können. Sogar Störkochkurse werden angeboten.

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unreife Papayas im Gewächshaus

Das Besucherrestaurant im Gewächshaus war dann doch kühler als erwartet. Aber ich hatte eine Wolldecke dabei. Besser, als in einem touristischen Gastrobetrieb zu erwarten war, präsentierte sich das Essen: Gemüsesuppe mit Störeinlage. Nudeln mit Lauch, Rauchstör und Belper Knolle. Reizt mich zum Nachkochen.

Das ist übrigens kein gesponsorter Beitrag. Ich wurde weder eingeladen noch erhielt ich Geld oder Gratismuster. Das eingekaufte Störfleisch habe ich zum vollen Preis selber bezahlt. Warum ich trotzdem über dieses Projekt berichte, hat einen einfachen Grund: Ich liebe solche Initiativen. Mit diesem nachhaltigen Projekt wird die Schweiz sozusagen zum Selbstversorger in Sachen Kaviar und Stör. Ich befürchte jedoch, dass es nicht einfach sein wird, das Störfleisch an die Schweizer zu verkaufen. Was der Bauer nicht kennt… Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass im Restaurant mehr Huhn und Kalb als Stör serviert wurde. Die Mehrheit der Gäste waren allerdings Touristen im Pensionsalter, wie wir ja auch. Im Edelwarenhaus, das sich eben noch mit exklusiven Verkaufsrechten gebrüstet hatte, ist er nicht mehr vorrätig. Typisch Migros. Was die Umsatzerwartungen nicht erreicht, wird rücksichtslos aus dem Sortiment eliminiert. Egal, in 2 Stunden sind wir in Kandersteg.

Nun suche ich noch jemanden, der eine analoge Intiative mit Périgord- und Albatrüffeln aufzieht. Aufgund der klimatischen Veränderungen im Süden wird dort die Ernte Jahr für Jahr kleiner. Umgekehrt fühlen sich die kleinen Pilze in unsern Gegenden immer besser (heuer wurde eine Rekordernte für Burgundertrüffel ausgegraben und der erste Albatrüffel entdeckt). Billiger werden sie dadurch nicht, aber vielleicht frischer.

Zuhause zubereitet: Rauchstörfilet mit Kartoffelpuffer und Meerrettichrahm

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nicht schlecht !

Quellen:
Tropenhaus Frutigen
Oona