Archiv der Kategorie: Besuch in..

CH-2900 Pruntrut / Porrentruy

CH-2900 Pruntrut Schloss
Pruntrut, eine Kleinstadt mitten in der Ajoie (frühere deutsche Bezeichnung: Elsgau), liegt im äussersten Zipfel der Nordwestschweiz. Die weite, fruchtbare Fläche wurde schon in gallo-römischer Zeit besiedelt. Das Gebiet war früher dünn besiedelt, kannte viele Besitzer, u.a. die Abtei von Moutier-Grandval und lokale Adelsfamilien. 999 schenkte Rudolf III. von Burgund (der Faule) Teile der geistlichen Besitztümer an den damaligen Erzbischof von Basel. 1150 gelangte Pruntrut in Besitz der benachbarten französischen Grafen von Montbéliard (deutsch: Mömpelgard), 1271 kam die Stadt ein erstesmal an das Fürstbistum Basel. Wenige Jahre später wurde Pruntrut von Renaud de Bourgogne, Comte de Montbéliard, besetzt. Diese nette Gebietsarrondierung liess sich König Rudolf I. von Habsburg nicht gefallen, mit militärischen Mitteln erzwang er die Rückgabe des Gebietes an das Fürstbistum Basel und erhob Pruntrut 1283 zur freien Reichsstadt. 1386 verkaufte der Fürstbischof von Basel aus Geldmangel die Ajoie und Pruntrut trotzdem an die Herren von Mömpelgard, die es dann 1461, ebenfalls aus Geldmangel, wieder an den Fürstbischof  Johann von Venningen verscherbelten.

Aufgrund der Reformation in Basel verliess 1527 der damalige Fürstbischof die Stadt Basel und wählte das fürstbischöfliche Schloss in Porrentruy als neuen Sitz. Das Basler Domkapitel blieb noch bis zum Bildersturm 1529 in der Stadt und liess sich dann vorübergehend in Freiburg im Breisgau, später in Arlesheim nieder.

Porrentruy: La Tour Réfus
Porrentruy: La Tour Réfus
Porrentruy: La Tour de Coq
Porrentruy: La Tour de Coq

Unter dem mächtigen Fürstbischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee, der 1575 bis 1608 regierte, erlebte Pruntrut Jahrzehnte der Prosperität. Das Schloss wurde renoviert und ausgebaut, die Stadt wurde mit Kirchen, Klöstern und Schulen ausgestattet. Die Herrlichkeit ging 1618 mit dem Ausbruch des dreissigjährigen Krieges zu Ende. Pruntrut wurde mehrfach belagert und geplündert, Kriegesabgaben machten dem Wohlstand ein Ende. Eine Schreckenszeit, von der sich die Stadt nur mehr langsam erholte.

Résidence, Chancellerie und Hof
Résidence, Chancellerie und Hof
Porrentruy: Chancellerie
Porrentruy: Chancellerie
Eingang in die Chancellerie
Eingang in die Chancellerie
Blick auf die Altstadt Porrentruy
Blick auf die Altstadt Porrentruy

Das imposante Schloss, das 1527–1792 Residenz der Basler Fürstbischöfe war, steht in erhöhter Lage über der Stadt, Der älteste Teil ist die Tour Réfous, ein runder Bergfried, der 1271 erbaut wurde. Die ganze Schlossanlage mit Gebäuden aus verschiedenen Bauepochen gruppiert sich um einen grossen Hof. Bemerkenswert die im 16. Jahrhundert zugefügte Résidence, die Chancellerie und die Tour du Coq (die das fürstbischöfliche Archiv enthielt). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Südfront mit einem Wohnpavillon ergänzt, zeitweiliger Aufenthaltsort von Prinzessin Maria Christina von Sachsen, Fürstäbtissin in Remiremont 1773 bis 1775.

Hausfassade in der Altstadt
Hausfassade in der Altstadt
Blick Richtung Schloss
Blick Richtung Schloss
Hôtel de ville
Hôtel de ville
Hotel Dieu (Museum)
Hotel Dieu (Museum)

1792 eroberten französische Truppen die Ajoie. Porrentruy wurde zunächst Hauptstadt der von Frankreich abhängigen Raurakischen Republik, 1793 vom Département du Mont Terrible. 1815 wurde Porrentruy und die Ajoie auf Beschluss des Wiener Kongresses dem Kanton Bern als Kompensation für die 1803 verlorenen Gebiete der Waadt zugesprochen. Heute ist es ein Bezirk des Kantons Jura. Allgegenwärtig noch das Wappen des Fürstbischofs: ein Bischofsstab, der auch die Wappen beider Basel und des Kantons Jura ziert.

ER: Mittelstürmer im Fussballclub
ER: Mittelstürmer im Fussballclub
Bischofsstab des Fürstbischofs
Bischofsstab des Fürstbischofs

Die Altstadt von Pruntrut ist hübsch, teilweise etwas vom Zahn der Zeit angefressen, touristisch aufgrund der peripheren Lage in der Schweiz wenig erschlossen, den meisten Schweizern unbekannt. Das gastronomische Angebot in der Stadt kaum eine Erwähnung wert. Von unserm Wochenendhaus aus sind wir in 15 Minuten da, u.a. wegen des Supermarktes, den es hier gibt 🙂

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CH-3116 Kirchdorf: Mein Gemüsegärtner

Mein Biogärtner 0_2009 02 13_8457
Biogärtnerei Baumann, Weiermatt, Kirchdorf

[Rekonstruierter Beitrag, Original wurde bei einer Transferaktion offensichtlich gelöscht]
Alle ein, zwei Monate fahren wir nach Kirchdorf. In die Biogärtnerei Ruedi Baumann. Jeweils am Montag und Freitag bereitet der Betrieb seine Ware vor, um sie am folgenden Tag in Bern anzubieten. Wer ab 14 Uhr hier vorbeikommt, darf sich die primeurs aus den frisch gefüllten Kistchen selbst auslesen. Ein Gemüseparadies.

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Karotten
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nochmals Karotten
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Karotten Purple Haze
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Pfälzer Rüebli
Mein Biogärtner 5_2009 02 13_8454
Weisse Karotten
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Küttiger Rüebli
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Stachys
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Chioggiaranden
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Japanischer Senf- und Blattkohl
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Portulak und Rucola

Selbst die Aussicht ist hier nicht schlecht

Mein Biogärtner 00_2009 02 13_8474
Blick auf Gerzensee und Kirchdorf, im Hintergrund die Berner Alpen

CH-4051 Basel: Gang um den Münsterhügel

weisses und blaues Haus
Rheinsprung: weisses und blaues Haus

Der Blitz hat mich auf der letzten Ausfahrt ins Val de Travers getroffen. Der rote Blitz. Bescheid: fast 200 €. Das bedeutet 2 Wochen zuhause absitzen, kein Restaurantbesuch im betreffenden Kanton, bis das Bussgeld wieder kompensiert ist. Das hält den Schaden im Rahmen. Spaziergang statt Ausgang.
Der Münsterhügel liegt im Zentrum der Stadt Basel. Der kleine Hügel unmittelbar am Rhein war aufgrund seiner strategischen Lage schon zur Römerzeit besiedelt. Ich beginne die Wanderung frühmorgens (im Winter ist das ja noch nicht so früh) am Fuss des Rheinsprungs, einer engen Gasse, die von der mittleren Rheinbrücke auf den Münsterplatz führt. Vorbei an der Gänseliesel, einem Kunstwerk von Samuel Buri, der das früher hier angebrachte Reklamebild einer Bettfedernhandlung hinter einem realistisch gemalten Baugerüst neu und witzig interpretierte. Südwärts exponierte Fotos stammen natürlich von einem Nachmittagsspaziergang.

Mittlere Rheinbrücke erbaut 1905
Mittlere Rheinbrücke erbaut 1905
Gänseliesel von S. Buri
Gänseliesel von S. Buri

Vorbei am weissen und blauen Haus, zwei imposanten Barockgebäuden, erbaut 1763-1775 für die Seidenbandfabrikanten Lukas und Jakob Sarasin. Die Masken über den Fenstern an der Rheinfassade sind Allegorien für die Jahreszeiten. Auf der Rückseite der Gebäude zeigen sich die beiden Palais mit zwei grossen Ehrenhöfen.

Allegorie am weissen Haus
Allegorie am weissen Haus
Ehrenhof weisses Haus
Ehrenhof weisses Haus

auf kleinem Umweg durch die Martinsgasse wieder in die Augustinergasse Richtung Münsterplatz.

Martinsgasse, Martinskirche
Martinsgasse, Martinskirche
Augustinergasse, Münster
Augustinergasse, Münster

Der Münsterplatz wurde im Mittelalter, während des Baus des Basler Münsters, und während Umbauten im 18. Jhdt. in seiner heutigen Form angelegt. Er wird von vielen spätgotischen Domherrenhäusern gesäumt, die nach dem Übertritt Basels zum Protestantismus von reichen Kaufleuten erworben und im 18. Jahrhundert in spätbarockem und klassizistischem Stil umgebaut wurden.

Die Bedeutung des Münsterplatzes nahm mit der Erweiterung der Stadt ab, er wurde zu einem ruhigen, noblen Wohnquartier, danach zum Verwaltungszentrum und für viele Jahre zum Parkplatz. So ist auch heute noch kein einziger Laden vorhanden, immerhin zwei gute Gaststätten. Zum mittelalterlich gepflästerten Münsterplatz liegt seitlich ein quadratischer Rosskastanienhain, in welchem der vom Tessiner/Solothurner Architekten Paolo Antonio Pisoni entworfene, 1784 eingeweihte Brunnen sprudelt.

Münsterplatz

Münsterplatz Pisonibrunnen
Münsterplatz Pisonibrunnen
CH 4051 Basel Münsterhügel 11_ 2009 01 10_7601
Münster

Der Grosse Kreuzgang des Münsters mit seinen gotischen Masswerkfenstern birgt zahlreiche, kunstvolle Grabplatten bedeutender Basler, hier jenes des Mathematikers Jakob Bernoulli (1655–1705).

Münster Kreuzgang
Münster Kreuzgang
Grabmal J. Bernoulli
Grabmal J. Bernoulli

weiter durch die Rittergasse, vorbei am Olsperger Hof Richtung Bankenplatz.

Rittergasse, Zivilstandsamt
Rittergasse, Zivilstandsamt
CH 4051 Basel Münsterhügel 7_ 2009 01 17_7833
Rittergasse, Olsperger Hof

Der Schilthof, ehemaliges Wohnhaus eines Teilhabers der Seidenbandfabrik Hoffmann-Forcart als Spiegelung in der Fassade einer Bank, deren Name mir entfallen ist. Weiter an den Theaterplatz mit dem humorvollen Fasnachtsbrunnen von Tinguely.

Bankenplatz, Schilthof
Bankenplatz, Schilthof
Knöpflisieb
Fasnachtsbrunnen: Knöpflisieb

Tinguelybrunnen. An der Stelle der Bühne des alten Basler Stadttheaters, hat Jean Tinguely 1977 verspielte Maschinenskulpturen in ein grosses, flaches Wasserbecken gesetzt. Das Kunstwerk sprudelt, spritzt, schöpft ohne Unterlass und hüllt sich im Winter in einen zauberhaften, dicken Pelz aus Eis. Das Eis ist jetzt Mitte Februar leider schon wieder geschmolzen. Mit Fotoapparat sieht man die Stadt mit andern Augen an, als ohne. Der Spaziergang dauert keine halbe Stunde. Ich könnte denselben Spaziergang ein zweites und drittes Mal machen, ohne mich in den Bildern zu wiederholen.  

Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely, leicht vereist
Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely, leicht vereist

Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (2)

CH 2112 Môtiers 0_2009 01 22_7900
Môtiers, ehem. Markthalle, heute Hôtel des Six Communes

Im zweiten Anlauf hat es doch noch geklappt. Die Reise ins Val de Travers,  der Wiege des Absinth, „le bercau de l‘ absinthe“.
Das den Jura durchquerende Val de Travers erstreckt sich vom Neuenburgersee quer durch den Jura bis hin zur Grenze zu Frankreich. Einst der direkte Juradurchgang zwischen Bern und Paris, im 19. Jhdt. ergänzt um die wichtige  Bahnlinie Mailand-Paris und heute noch vom TGV Bern-Paris durchfahren. Sehenswürdigkeiten sind u.a. der gewaltige Felsenzirkus des Creux-du-Van, die wilde, abenteurliche Areuse-Schlucht sowie die Asphaltminen von Travers, ein ehemals 100 km langes Labyrinth von Stollen und Gängen, aus denen 1712 bis 1986 Naturasphalt bergmännisch gefördert wurde. Im Minencafé (geöffnet im Sommerhalbjahr)  ist der in Asphalt gekochte Schinken zu empfehlen. Wir sind jedoch wegen der «Grünen Fee» hieher gekommen. Môtiers (NE), die älteste Gemeinde des Val de Travers ist unser Ziel. Ihr Name, wie Mustair, ist auf das lateinische monasterium zurückzuführen.

Ende des ersten Jahrtausends begannen Benediktinermönche mit der Urbarmachung des zum Königreich Burgund gehörenden Tals. Das von ihnen gegründete Benediktinerkloster Saint-Pierre war anfänglich eine Niederlassung des Klosters Cluny.

Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre
Prieuré Saint-Pierre

Um das Kloster entwickelte sich allmählich das Dorf Môtiers. Das Priorat hatte anfänglich die kirchliche als auch die weltliche Herrschaft über das Val de Travers inne, bis die Talschaft 1237 von der Freigrafschaft Burgund als Lehen an die Grafen von Neuenburg abgetreten wurde. Diese verdrängten die Mönche sukzessive von den Schalthebeln der Macht. Môtiers entwickelte sich zum regionalen Zentrum des Tales. Mit der Säkularisierung 1536 wurde das Kloster aufgelöst, die Mönche zogen sich in ihr Mutterhaus zurück. Die Gebäude wurden im 19. Jhdt. von einem Schaumweinfabrikanten erworben und beherbergen in den geräumigen und tiefen Kellern heute die grösste Schaumwein-Produktion der Schweiz.

Am Dorfplatz steht die imposante, ehemalige Markthalle der Talschaft (Titelbild), in der vierteljährlich ein Wochenmarkt abgehalten wurde. Der heutige Bau mit Rundbogenarkaden und gotischen Fenstern im Obergeschoss stammt aus dem Jahre 1612.

Die Talschaft gehörte bis 1806 zu Neuenburg, das 1648 Fürstentum wurde und ab 1707 durch einen schlauen Schachzug der Berner mit dem Königreich Preussen verbunden wurde und so den Begehrlichkeiten der Franzosen entzogen wurde. 1806 wurde Neuenburg von Napoleon I. einverleibt, aber 1815 durch den Wiener Kongress der Schweizerischen Eidgenossenschaft zugesprochen, wobei die Könige von Preussen erst 1857, unwillig, auf ihr Sonderrecht als Fürsten von Neuenburg verzichteten.

Maison des Mascarons Museum
Maison des Mascarons Museum
Chateau d'Ivernois
Chateau d'Ivernois

Môtiers war in früheren Jahrhunderten ein beliebter Sommersitz von Neuenburger Adligen. Davon zeugen heute noch verschiedene, repräsentative Gebäude an der Grande Rue. Jean-Jacques Rousseau lebte hier für 3 Jahre im Exil. Das Dorf (heute 800 EW) hat heute den Charme eines verschlafenen französischen Provinzstädtchens.

Der Barbier von Môtiers
Der Barbier von Môtiers
Ländliche Biederkeit
Ländliche Biederkeit

Neben dem Jean-Jacques Rousseau-Haus steht das Maison des Mascarons. Darin untergebracht das Musée Regional d’Histoire et d’Artisanat, das im Winterhalbjahr aber geschlossen ist. Das Museum zeigt das tägliche Leben und die Industrie im Val-de-Travers vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, ein Raum ist der Geschichte und der Herstellung des Absinthe gewidmet.
In Môtiers gibts es heute nach meiner Zählung ein paar Absinth-Brenner, alle nahe dem Zentrum: La Valote, Blackmint (Kübler), Absintherie du Père François etc. Zufällig stolpere ich über die Schwelle einer Kleindestillerie: La Valote, ein Zusammenschluss dreier ehemaliger Schwarzbrenner, die heute, jeder nach eigenen Rezepturen, aber unter gemeinsamer Marke, verschiedene Stilrichtungen des Absinthe in Kleinproduktion verkaufen.

Eine von 3 Alambics
Eine von 3 Alambics
nur der Katze wegen gekauft
nur der Katze wegen gekauft

Die vorangegangenen Beiträge zum Thema

Grüne Fee:

Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (1)
CH-2314 La Sagne: Mittagessen in der Vergangenheit

 

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Val de Travers: Im Reich der grünen Fee (1)

© WIKI
© WIKI

Der Absinth hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Erfunden wurde er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im abgelegenen Val de Travers, das versteckt in den Jurahöhen hinter Neuenburg liegt. Zunächst Heilgetränk, wurden ihm bald magische Kräfte zugesprochen. Dem im Wermuth enthaltende Thujon wurden, mit viel Alkohol genossen, euphorisierende und halluzinogene Wirkungen nachgesagt. Der Absinth wurde erstmals 1797 industriell hergestellt von Daniel-Henri Dubied, der der Familie der Erfinderin die Rechte für das überlieferte Rezept abgekauft hatte. Mit Hilfe seines Schwiegersohnes Henri-Louis Pernod gründete Dubied seine erste Brennerei in Couvet, später eine weitere Fabrik in Pontarlier, gleich über der Grenze. Andere Produzenten zogen nach und begründeten den Ruf der grünen Fee aus dem Val de Travers. Schnell verbreitete sich der Absinth im frankophonen Raum, erst als ein Getränk das billiger war als Wein, später dann in ganz Europa als Modegetränk von Bohémiens, Künstlern und Intellektuellen.

© oxygenee
© oxygenee

Zur Verbreitung der Popularität des Getränks trugen auch die französische Militärärzte bei. Ruhr und Typhus wurden während der Einnahme und Besetzung Algeriens in den Jahren ab 1830 systematisch mit Absinth bekämpft. Offensichtlich erfolgreich. Heimkehrende Truppenangehörige vertrauten auch in der heimischen Cafe-Bar auf die Wirksamkeit des Getränks. Der glücklich strahlende Spahi-Soldat auf dem Plakat nebenan scheint dies zu bestätigen.

Die Grüne Fee wurde zunehmend auch von anderen Bevölkerungsschichten anstelle von Wein getrunken. Wohl kein alkoholisches Getränk hat die Malerei und die Dichtung so sehr stimuliert wie der Absinth, ein Zaubertrank, der die Phantasie inspirierte und beflügelte sowie den Geist berauschte.  In Frankreich wurde er um die 1900er Jahrhundertwende in grossem Stil industriell produziert, 1912 wurden allein in Frankreich ca. 220 Millionen Liter Absinth umgesetzt.

Ein im Waadtland 1905 im Alkoholsuff begangener Mord erregte damals die Gemüter in der Schweiz. Abstinenzvereine und kirchliche Kreise setzten sich in einer unheiligen Allianz mit Weinbauern für ein Verbot der Grünen Fee ein. In der Folge wurde der Absinth in der Schweiz nach einer umkämpften Volksabstimmung 1910 verboten. Andere Staaten, so auch Frankreich (1915) zogen in den folgenden Jahren nach. Das Plakat der grünen Jeanne auf dem Scheiterhaufen betrauert das Verbot in Frankreich. Ihre grüne Schweizer Schwester erwartet sie bereits auf dem Wölklein der Verbannung.

Das Absinthverbot traf das kleine Val de Travers schwer. Hatten doch Hunderte von Familien vom Anbau und Verkauf und der Destillation der Kräuter ihr Auskommen gefunden. Wie überall, wo Prohibitionsgesetze gelten, entwickelte sich im Tal eine rege Schwarzbrennerei. Frankreich war weniger betroffen, dort stellten die Hersteller auf die Produktion von Anisschnäpsen um, also Mischungen aus Alkohol, Anisöl und Zucker, wie etwa Pastis und Pernod.
Endlich, am 1. März 2005 wurde Absinth hier wieder legalisiert, einige der Schwarzbrenner betreiben heute gutgehende Distillerien, sogar eine Unterschutzstellung unter das Label IGP wird angestrebt.

Eines der schönsten Plakate, die Ende des 19. Jhdts. publiziert wurden, ist jenes der Marke Absinthe Bourgeois, welches ein damals bekanntes Bildmotiv der Marke Pernod (ohne Katze) karikierte.

© www.oxygenee.com  Halbweltdame beim Trunk
© http://www.oxygenee.com Halbweltdame beim Trunk

Absinth wird aus Kräutern und Alkohol hergestellt. Außer dem grossen Wermut (Artemisia absinthium) enthält der in Frankreich und der Schweiz hergestellte Absinth noch grünen Anis, teilweise auch Sternanis, Fenchel, Ysop, Zitronenmelisse und kleinen Wermut (Artemisia pontica). Der Rezepturen sind viele, auch Melisse, Pfefferminz, Angelika, Kalmuswurzel, Koriander, Wacholder und andere Kräuter werden verwendet. Wermut, Anis und Fenchel machen dabei den typischen Geschmack des Absinths aus. Die grüne Farbe, den einzelne Absinthsorten aufweisen, stammt vom Chlorophyll frisch extrahierter (nicht mitdestillierter) Kräuter. In der Schweiz wurden die Absinthe während der Prohibition meist farblos gehalten (bleu), um sie beim Konsum besser vor der Polizei kaschieren zu können.

Da unser WE-Häuschen nicht in Kanada, sondern im Jura, 90 Minuten vom Val de Travers entfernt liegt, habe ich mich (zusammen mit Frau L. als Sittenwächterin) nochmals aufgemacht, eine Flasche, besser gesagt, ein kleines Fläschchen -ich mag so starke Schnäpse überhaupt nicht- dieses mythenumwobenen Destillates zu Kochzwecken einzukaufen. Mehr darüber in Folge (2). Der erste Anlauf musste vorzeitig abgebrochen werden.

Die Abbildungen 2-5 darf ich hier mit freundlicher Erlaubnis von Daniel Nathan-Maister vom Virtual Absinthe Museum publizieren. Dort findet sich eine sehenswerte und umfassende Sammlung von Materialien, Postern, Postkarten etc. rund um den Absinth. © bei www.oxygenee.com

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CH-2314 La Sagne: Mittagessen in der Vergangenheit

CH 2314 La Sagne
La Chaux de-Fonds, Wegweiser

Geplant war ein Ausflug in das Reich der grünen Fee, ins Val de Travers. Vom Jurahäuschen aus nicht weit gelegen. Frau L. bei schönstem Wetter einer Ausfahrt gewogen. Der Weg dahin war nicht gerade mit Steinen versperrt, aber doch mit schwerwiegenden Anfechtungen verbunden. Die erste davon ereilte mich an einer Wegkreuzung in La Chaux-de-Fonds. Bikini-Test ? Was da wohl und auf welche Weise getestet wird ? anklicken für grössere Ansicht

Frau L. beharrte auf Weiterreise, wollte nichts von Testverfahren hören, meine Warenprüfkenntnisse nicht gemehrt wissen, stopfte mir Wachs in die Ohren, verband mir die Augen und kettete mich am Lenkrad fest. Nur eine Kaffeepause in La Chaux-de-Fonds lag noch drin. Von dort ins das geliebte Vallée des Ponts et de la Sagne. Die Aufnahmen ohne Schnee stammen vom letzten Besuch im Oktober.

 

 

 

CH 2314 La Sagne
Vallé des Ponts et de la Sagne

Ein merkwürdiges Hochtal, rauh, durchzogen von einer einzigen Strasse, an der die Bauernhäuser an der Strassenzeile wie eine Perlenkette aufgereiht sind. Bemerkenswert die Architektur der Häuser, stabile, der Wetterseite zugewandte Seitenmauern. Flachgeneigte Satteldächer.

CH-2314 La Sagne
La Sagne: Haustyp
CH-2314 La Sagne
La Sagne: Seitenmauern

Das etwa 18 km lange, abgeschlossene  Hochtal erstreckt sich entlang der allgemeinen Faltrichtung des Juras. Es beginnt auf etwa 1150 Metern ü.M. Nähe La Chaux-de-Fonds mit einer Breite von etwa 400 m und zieht sich nahezu topfeben,  langsam fallend und breiter werdend, dahin. Südlich von Les Ponts de Martel ereicht es eine Breite von ca. 3 km, wird abgeschlossen durch einen niederen Geländeriegel, und fällt dann etwa 300 m steil ins Val de Travers ab.

Ansiedlern wurde Anfang des 14. Jhdt. vom Neuenburger Adel weitgehende Steuerfreiheit zugesichert, um das Hochtal urbar zu machen und unter Kontrolle zu bekommen. Siedlungen entstanden bevorzugt auf der Sonnenseite des Tales.

Im Lauf des 18. Jahrhunderts hielten im Vallée des Ponts Spinnerei und Spitzenklöppelei in Heimarbeit Einzug. Später kam die Uhrenherstellung hinzu, die im 19. Jhdt. dem armen Tal zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhalf, der aber durch die Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren des 20. Jhdt. abrupt beendet wurde. Heute lebt das Tal wieder wie ehedem vorwiegend von der Landwirtschaft, was auf dieser Höhe Viehzucht, Milchwirtschaft und Käseherstellung bedeutet.

CH 2314 La Sagne

In La Sagne erwartete uns die zweite Anfechtung, das Hotel von Bergen. Ein Kleinod von Hotel, vieles noch aus der Jahrhundertwende und liebevoll restauriert, ein einfaches Restaurant, kleine, regionale Menus, bescheidene Preise. Das Haus wurde 1871 als Kurhotel eröffnet und konnte sich bis heute halten. 5 schlichte Zimmer. Evelyne Bühler kocht einfache, aber gute, regionale Küche, so wie man hier im Jura zuhause kocht.

CH 2314 La Sagne
Hotel von Bergen
Blick in die Gaststube
Blick in die Gaststube

Eindrucksvoll der Kühlschrank, ein elektrischer Frigidaire aus den 30-Jahren, der heute aber an einem zentralen Kälteaggregat im Keller läuft. Noch schöner der Sarina Holzherd in der Küche, auf dem heute noch täglich, ausser Dienstags, gekocht wird.

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Das Buffet
CH-2314 La Sagne
Frigidaire
CH-2314 La Sagne
Kochherd
CH-2314 La Sagne
Gemüsesuppe in Jugendstil

Nach dem Essen (Gemüsesuppe, Salat, Boeuf Bourgignon, Kartoffelstock, Dessert) trotz überzogenem Himmel dann die Weiterfahrt über das Vallée de la Brévine, das schweizerische Sibirien ( –41.8 °C am 12. Januar 1987 ) Richtung Val de Travers. Ein urplötzlich einsetzender Schnee- und Eisregen mit Temperaturanstieg von -16°C auf  -8°C,  dem die Scheibenwischerflüssigkeit kaum mehr Herr wurde, erzwang einen Abbruch der Ausreise und die Umkehr. Das ist Jurawetter. Die dritte Anfechtung, die  grüne Fee muss warten.

CH 2314 La Sagne
Schnee- und Eisgestöber im Vallée de la Brévine

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Zwangsurlaub im Jura

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Das Duett von Betonschneidmaschine und Presslufthammer, unterstützt von Hammerschlägen, war nicht mehr auszuhalten. Die neuen Besitzer des Erdgeschosses wollen offensichtlich durch Entfernen tragender Mauern die Statik unseres Basler Wohnhauses testen. Dass die Hütte nicht zusammenkracht, verhindern Eisenspriessen. An Kochen und Schreiben ist nicht mehr zu denken. Ab in den Jura. In unser winziges Wochenendhäuschen am Rand der Freiberge. 30 m2 Wohnfläche. Kein Telefon. Kein Internet. Nichts.

anklicken für grössere AnsichtUns erwartet Schnee, für uns der erste richtige Schnee dieses Jahr. Und Hochnebel, gerade so hoch, dass man auf 900 m ü.M. mittendrin steckt. Gegen Mittag macht er der Sonne Platz. Ich liebe dieses eigenartige, goldene Leuchten des Nebels, kurz vor dem langsamen Durchbrechen der Sonne.
Der Jura ist eine rauhe Gegend. Im Oktober fällt der erste Schnee, im April der letzte. Dazwischen eine kurze, aber intensive Vegetationsperiode mit Sonne, Regen, Nebel und stürmischen Winden. Karge Böden, Steine, Steine und nochmals Steine.

 

ImJura 000_2009 01 15_7690

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Hier noch ein Blick ums Haus und in unsere Miniküche:

leicht verzuckert
leicht verzuckert
Stillleben mit Schneeschaufel
Stillleben mit Schneeschaufel
Küchenzeile
Küchenzeile
Auszugs-Kühlschrank
Auszugs-Kühlschrank
Hütten- statt Gourmetküche
Hütten- statt Gourmetküche
Stützen des Hauses (Spriessen)
Stützen des Hauses (Spriessen)

Eine runde Spüle, ein Bioloch, zwei Klapp-Elektroherdtafeln, ein Umluft-Backofen in halber Bauhöhe. Gegenüber eine kleine Anrichte, der eingebaute Kühlschrank mit Auszugstablaren. Praktisch, weil man sich nicht so tief bücken muss. Hier wird nie gross gekocht, eher aufgewärmt. Heute aufgetaute, selbstgemachte Knöpfle mit Dosenerbsen und Spiegeleiern. Hier fällt der elektrische Strom wegen umgekippter Tannen oft aus, darum Dosengemüse.
Die Freiberge, überhaupt der ganze Jurabogen von Basel bis Genf sind ein grosses, wunderschönes Wandergebiet, ich sollte mehr darüber berichten, leider ist Frau L. nicht mehr in der Lage, an grösseren Wanderungen teilzunehmen. Darum wandern wir solidarisch mit dem Auto.

Und keine Geschichte ohne Geschichte:
Bis ins Mittelalter waren die Jurahöhen der Freiberge kaum besiedelt. Durch eine Schenkung Rudolfs III. von Burgund wurde das Gebiet im Jahr 999 dem Bischof von Basel übergeben. 1384 stellte der damalige Fürstbischof Imer von Ramstein einen Freibrief für die kaum besiedelte Region aus, um die Gegend urbar zu machen. Der Freibrief erliess Ansiedlern und ihren Nachkommen Zinsen und Zehnten auf dem von ihnen gerodeten Grund und Boden. Und das für ewige Zeiten. Deshalb bekam das Gebiet den Namen Franches Montagnes (auf deutsch: Freiberge). Im 16. bis zum 18. Jahrhundert liessen sich hier viele Täuferfamilien (Mennoniten) aus dem Emmental nieder, die dort wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und denen der (katholische) Bischof von Basel Glaubensfreiheit zusicherte.

Ewige Zeiten dauern auf der Erde meist recht kurz. Die zugesicherten, ewigen Freiheitsrechte wurden mit dem Einmarsch der napoleonischen Truppen 1792 beendet. 1678 hatte sich Ludwig XIV schon die angrenzende Franche-Comté von Habsburg-Spanien abgeluchst. Die Freiberge wurden annektiert, dem französischen Département du Mont Terrible, später dem Département Haut-Rhin zugeschlagen. Der Wiener Kongresses sprach die Region 1815 dem Kanton Bern zu, als Ersatz für den von Bern losgelösten Kanton Waadt. Seit 1974 bilden die Freiberge einen Bezirk des damals neu gegründeten Kantons Jura.

Au revoir, wenn die Handwerker am Montag wieder anfangen.

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CH-3011 Bern: Basler Brot auf Umwegen

CH 3011 Bern

Bern. Aussichtloses Unterfangen. Wo anfangen ? Wo aufhören ? Ein kurzer Ausflug zum Zwecke der Beschaffung von Basler Brot. Die Sonne grell und tiefstehend. Unmöglich, mit der Compactkamera in der engen Altstadt brauchbare Bilder zu machen.

Das 1406 nach dem grossen Stadtbrand von süddeutschen Baumeistern erbaute, 1416 bezogene, wuchtige Rathaus legt Zeugnis ab von der Macht und Grösse des alten Bern. Das Haus, mit seiner doppelläufigen Freitreppe, dem hohen Dach, den Ämterschilden am Hauptgesims und dem Baldachinvorbau wurde nach einem unglücklichen Eingriff im 19. Jhdt. in seinem alten Aussehen wiederhergestellt. Hier beschloss von 1416 bis 1798 die Obrigkeit in derselben Gliederung über Verfassung, Bündnisse, Krieg und Frieden im Alten Bern.

Am Waisenhausplatz, auf dem Gut einer bedeutenden Patrizierfamilie der Barockzeit, die 1782/83 erbaute Zuchtanstalt des Knabenwaisenhaus. Seit 1942 Hauptquartier der Stadtpolizei.

Rathaus
Bern: Rathaus
Knabenzuchtanstalt u. Waisenhaus
Knabenzuchtanstalt u. Waisenhaus

Die Münsterterrasse neben dem Berner Münster ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Hoch über der Aare gelegen, wurde hier über Jahrhunderte hinweg mit immer neuen, höheren Stützmauern Platz für den früheren Friedhof geschaffen. Heute ein belebter Park, Treffpunkt der Jugend. Von der Terrasse aus ein schöner Blick auf die Altstadthäuser der Junkerngasse, im Bild das historisch bedeutsame Wattenwylhaus.

Münsterterasse
Bern: Münsterterasse
Wattenwylhaus Sonnseite
Wattenwylhaus Sonnseite

Die vielen Berner Brunnen sind berühmt und gepflegt. Ihr Silber und Gold glänzt jedenfalls wie neu. In nicht allzu fern gelegenen Zeiten gab es noch keine Wasserleitungen in den Häusern. Die Stadtbewohner mussten ihr Wasser selbst aus den Brunnen holen oder holen lassen. Der Kindlifresserbrunnen ist ein vielfotografiertes Motiv, die Symbolik der Gestalt des Kinderfressers ist umstritten, ist es ein Oger, ein Vorgänger von Shrek ? Sollte er an die im Mittelalter den Juden vorgeworfenen rituellen Knabenmorde gemahnen oder an unerwünschte Kinder, die aus dem einst nahegelegenen Frauenkloster in einem unterirdischen Tunnel verscharrt worden seien ? Ich bin für Shrek. Und fürs Mittagessen, der Kerl macht mir immer Hunger. Diesmal abgehalten im Restaurant zum äussern Stand. Einem 1731 im Auftrag des Äusseren Standes, einer Art altbernisch-aristokratischen Jugendparlaments, errichteten Hauses. Nichts besonderes, aber wie immer gepflegt. Nur der seit Jahren in der Speisekarte unverändert angebotene, gedämpfte Uhu, könnte gelegentlich mal durch etwas anderes ersetzt werden.

Eingangstor zur Münsterterasse
Eingangstor zur Münsterterasse
Chindlifresserbrunnen
Bern: Chindlifresserbrunnen

Ohne dass dies an den barocken Fassaden abzulesen wäre, bleibt fühlbar, dass wir uns hier in einer mittelalterlichen Stadt bewegen, Nach der Feuersbrunst 1406 wurden die Häuserfronten als Brandschutz zwischen den Längsgassen auseinandergerückt, was tiefe Hausgrundrisse ergab, wie an den Durchgängen zwischen den Gassen immer wieder abzulesen ist.

Junkerngasse
Bern: Junkerngasse
Junkerngasse
Bern: Junkerngasse
Durchgang zur Gerechtigkeitsgasse
Durchgang zur Gerechtigkeitsgasse
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Bern: Gerechtigkeitsbrunnen

Die Kälte treibt einen immer wieder in ein Cafe.

Kaffee im Glatz
Kaffee im Glatz
Glatz Bäckerei und Confiserie
Glatz Bäckerei und Confiserie

und, um es nicht zu vergessen, der tiefere Grund für die Reise: das gute Baslerbrot 🙂

Basler Brot
Basler Brot

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CH-3633 Amsoldingen: Von der Basilika zur Dorfkirche

Stockhornkette und Niesen
Blick ins hintere Gürbetal. Am Horizont: Stockhornkette und Niesen

Amsoldingen wird den meisten Schweizern unbekannt sein. Mir auch, bis vor 4 Jahren. Eine kleine Ortschaft, im hintern Gürbetal gelegen, auch das kennen nur wenige. Bekannt noch allenfalls vom Gürbetaler Weisskohl, der hier gerne angebaut und zu gutem Sauerkraut verarbeitet wird. Amsoldingen, an einem kleinen See gelegen, den auch kaum jemand kennt. Auf halber Strecke des Jakobsweges zwischen Brünig und Romont. In der Altjahrwoche waren wir da, haben der wunderschönen Basilika einen Besuch abgestattet. Der See, 38 Hektar gross, unter Naturschutz, war fast zugefroren, das Dorf, hart an der Nordseite der Stockhornkette, schon ab 14 h in tiefem Schatten liegend.

Amsoldinger See, Schloss und Kirche
Amsoldinger See, Schloss und Kirche
Kirchturm, Apsis
Kirchturm, Apsis

Der Legende nach wurde die ottonische Basilika von Rudolf  II. von Burgund und Berta von Alamannien gestiftet, angeschlossen war ein weltliches Chorherrenstift. Die Basilika war im Mittelalter dem Heiligen Mauritius geweiht, und gehört zu einer um das Jahr 1000 am Thunersee entstandenen Kirchengruppe, deren Baustil lombardische Einflüsse zeigt. Sie wurde anstelle eines um 700 entstandenen Vorgängerbaus errichtet. Die Bauten des Chorherrenstifts wurden bei der Eroberung des Berner Oberlandes durch die Zähringer zerstört, später wieder aufgebaut, 1484 übersiedelten die Chorherren nach Bern. Der gotische Kirchturm stammt aus dem 14./15. Jhdt. 1501 wurde die Stiftskirche zur Dorfkirche. Das unmittebar neben der Kirche gelegene, ehemalige Probsteigebäude wurde von den Berner Chorherren 1496 mit ausgedehntem Grundbesitz inklusive See dem reichen Berner Bürger und Kaufherrn Barthlome May (ein schweizerischer Fugger) verkauft und später zum Schloss umgebaut. Es ist heute noch in Privatbesitz.

Die drei-schiffige Basilika
Die drei-schiffige Basilika

Die dank dem reformatorischen Bildersturm schlichte Pfeilerbasilika ohne Querschiff bietet mit ihren 3 Apsidien und dem hochgelegenen Chor eine eindrückliche Raumwirkung. In der Krypta finden sich eingemauerte  römische Bauteile und Überreste aus Aventicum und Allmendingen. Sie diente bis 1876  auch als Pfarrhauskeller und Käselager. Die Nordwand birgt eine schöne Malerei: die Darstellung des Heiligen Christophorus datiert um etwa 1300. Der mit einem Kranz von Tiermedaillons verzierte Taufstein stammt aus dem 14. Jahrhundert, die Holzdecke und der Abendmahlstisch datieren aus dem 17. Jhdt. Die Aussenfassade der Apsidien ist gegliedert durch lombardische Mauerblenden (Lisenen) und Rundbogenfriese.

Christophorus
Christophorus
Krypta
Krypta

Das Mittagessen haben wir in Münsingen, im Gasthaus zum Bären, dem ältesten Wirtshaus des Kantons (1371) eingenommen. Suure Mocke, mit Kartoffelstock. Die Sauce mit zuviel Saucenverdicker angerührt, das Rotkraut mit Äpfeln zu Brei verkocht. Dem Renommee des Hauses angepasster Service. Vergessen.

Blinde Katze auf der Kirchenbank
Blinde Katze auf der Kirchenbank

 

Erfreulicher die wohl nicht nur von Kirchenmäusen wohlgenährte, blinde und doch zutrauliche Katze auf der Holzbank vor der Kirche sowie die Entdeckung einer für mich neuen Käsesorte in Belp. Mehr darüber in einem separaten post.

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CH-8596 Münsterlingen: Der Kopf des Johannes

Münsterlingen Kantonale Heil- und Pflegeanstalt
Münsterlingen Kantonale Heil- und Pflegeanstalt

Auf der Heimfahrt von einem Ausflug in die Ostschweiz haben wir in Münsterlingen, am Südufer des Bodensees, Nähe Konstanz, eine Kaffeepause eingelegt. In der Cafeteria der Kantonalen Heil- und Pflegeanstalt (Psychiatrie), die mit einem wunderschönen Ausblick auf den Bodensee, Automatenkaffee, Gebäck, Parkplätzen und Toiletten aufwarten kann.
Erwähnenswert, wenn man von Schul-, Gemeindehaus und Hallenbad absieht: die Klosterkirche des ehemaligen Benediktinerinnenkonvents St. Remigius. Typische Vorarlberger Barockarchitektur, 1711 neu erbaut. Die Gründung dieses Klosters (Monasteriolum) soll Ende des ersten Jahrtausends erfolgt sein. Der Legende nach von einer Tochter des englischen Königs Eduard I gestiftet. Geschichtlich belegt ist nur die Verlegung des Konstanzer Kranken- und Armenhospizes St. Konrad nach Münsterlingen um die Eintausendjahrwende. Die Ordensschwestern arbeiteten hier nach den Regeln der Augustiner in der Krankenpflege. Nach der Reformation wurde das Kloster von Benediktinerinnen übernommen. Seit 1848 wird die Anlage durch das Kantonsspital und die Psychiatrie belegt.

Barocker Sandsteinturm
Barocker Sandsteinturm
Kopf des Johannes
Kopf des Johannes

Die Kirche hütet eine kleine Büste des Heiligen Johannes, künstlerisch unbedeutend, aber Anlass, deren Geschichte nachzuerzählen.
Seit 1573 wurde, immer wenn der See zugefroren und begehbar war, der Kopf des Johannes in einer feierlichen Prozession übers Eis in die Nachbargemeinde am andern Seeufer getragen, wo er bis zur nächsten Seegfröni verbleiben durfte. Als Seegfrörni bezeichnet man in der Schweiz das Zugefrieren oder Zugefrorensein eines Sees. Bei der nächsten Seegfrörni wurde er wieder über den See zurückgetragen. Seit 1963 steht die Büste in der Pfarrkirche von Münsterlingen und nicht mehr in Hagnau (D) am Nordufer. Die Klimaerwärmung könnte dafür sorgen, dass er noch einige Zeit hier verbleiben darf.
Johannesköpfe, meist auf Tellern waren ab dem Spätmittelalter beliebte Heilsbringer in Kirchen. Berühren mit der Hand soll Kopfleiden geheilt haben. Mit dem originalen Kopf des Johannes befasst sich hingegen die Oper Salome von Richard Strauss. Die Tochter des Herodes verlangt von ihrem Vater als Preis für einen freizügigen Schleiertanz das Haupt des Propheten. Den abgeschlagenen Kopf in Händen, steigert sie sich in einen ekstatischen Liebes- und Lusttaumel, küsst den Mund des Leichenkopfes, bis sie auf Geheiss ihres entsetzten Vaters umgebracht wird. Nadja Michael als Salome.

Eigentlich wollten wir nur schnell einen Kaffee trinken.

Abendstimmung auf der Heimfahrt entlang am Untersee
Abendstimmung auf der Heimfahrt entlang am Untersee

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CH-3280 Murten: Kanonen und Erdbeerschnitten

Wehrgang mit Türmen
Murten: Wehrgang mit Türmen

Wir wollten wieder einmal Sauerbraten mit Härdöpfustock in Fraubrunnen essen. Frau L. fühlte sich danach so gut und unternehmungslustig, dass wir trotz Nebelwetter noch einen Schlenker nach Murten anhängten. Sauer macht lustig.

Murten wurde im 12. Jhdt. durch die Zähringer auf einer älteren Siedlung neu aufgebaut und befestigt. Nach einer Periode der wirtschaftlichen Prosperität wurde die kleine Stadt 1218 nach dem Erlöschen des Geschlechts der Herzöge von Zähringen reichsfrei. Im Grenzgebiet von Savoyern und Habsburgern gelegen, war sie aber lange Zeit Spielball der damaliger Mächte. Zwischen 1255 bis 1475 geriet Murten unter die Schutzherrschaft von Savoyen, behielt aber wegen vertraglicher Bindungen mit Bern eine gewisse Autonomie. 1353 wurde Murten sogar der Status eines zugewandten Ortes der Eidgenossenschaft gewährt.

Schilling-Chronik
Schlacht bei Murten: Schilling-Chronik

Nach verschiedenen Händeln zwischen Eidgenossen und Karl dem Kühnen von Burgund, unternahm dieser 1476 von der Freigrafschaft Burgund aus einen Feldzug gegen das Territorium der Eidgenossen. Nach der Niederlage Karls des Kühnen bei Grandson, sammelte er in Lausanne, das zum Herzogtum Savoyern gehörte, ein neues Heer, wie es die damalige Welt noch nie gesehen hatte und stiess erneut in Richtung Bern vor. Bern war gewarnt und besetzte Murten rechtzeitig mit 2000 Mann und baute die Stadt zum Bollwerk ihrer offenen Südflanke aus.

Am 11. Juni 1476 wurde Murten von den Truppen Karls umschlossen, abgeriegelt und belagert. Mit Hilfe modernster Kanonen wurden Breschen in die Mauern geschossen. Kurz vor Erschöpfung der zähen Verteidigung gelang es Bern und den zur Hilfeleistung gerufenen eidgenössischen Orten und Verbündeten, ein Entsatzheer in Eilmärschen nach Murten zu entsenden, welches am 22. Juni 1476 das burgundische Heer in einem Überraschungsangriff unterlief und fast vollständig vernichtete. 10’000 Burgunder liessen ihr Leben, die burgundischen Marketenderinnen behielten ihr Leben und die Eidgenossen eroberten einen Teil der vom Herzogtum Savoyen beherrschten Waadt.  Karls Verbündete Jolanda, Regentin von Savoyen, musste Bern und Freiburg für den Frieden 1476 Murten und einige Regionen der Waadt abtreten.

Berner Tor, umgebaut 1778
Berner Tor, umgebaut 1778
Blick in die Hauptgasse
Blick in die Hauptgasse

Die mittelalterliche Altstadt von Murten, erbaut auf einer Fläche von ca. 300 m × 200 m ist heute noch schön erhalten. Die Bauten der Hauptgasse stammen grösstenteils aus der Barockzeit des 17. und 18. Jahrhunderts und sind, wie in Bern, mit durchgehenden Laubengängen versehen.

mittelalterliche Wehrmauer
mittelalterliche Wehrmauer
Hauptgasse mit Laubengängen
Hauptgasse mit Laubengängen
Bergfried und Wehrturm
Schloss: Bergfried und Wehrturm
Ausblick auf See und Mont Vully
Ausblick auf See und Mont Vully

Die fast vollständig erhaltene Ringmauer wurde 1238 erstellt und später mehrfach ausgebaut, auf 8.5 Meter erhöht und verstärkt. Der Wehrgang mit 12 Türmen ist über weite Strecken noch begehbar. Die ehemals vorhandenen Gräben wurden bereits im 16. Jhdt. zugeschüttet.
Am Südwestrand der Altstadt erhebt sich auf einem Vorsprung das Schloss, das ab Mitte des 13. Jahrhunderts von den Savoyern erbaut wurde. Der älteste erhaltene Teil ist der massive viereckige Bergfried aus der Erbauungszeit. Die Aussenmauern des Schlosses sind in die Stadtbefestigung integriert und durch Türme verstärkt.

Erdbeercremeschnitte Monnier
Erdbeercremeschnitte Monnier
Heimfahrt am Fuss des Mont Vully
Heimfahrt am Fuss des Mont Vully

Im Café Monnier an der Hauptgasse gibts nette Patisseriewaren und, eine Seltenheit in der Schweiz, ordentlichen Schwarztee. Köstlich die Novembererdbeercremeschnitte, nach Burgunderkanonen aus mit Gianduja gefülltem Waffelteig wars uns nicht.

Und weil wir den Sauerbraten mittags brav aufgegessen hatten, brach auf der Heimfahrt die Sonne voll durch. Einfach schön.

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CH-1663 Gruyères: Fondue und Kuhfell

Greyerz
Greyerz

Trüber Novembertag. Ausfahrten gesundheitlich bedingt schon seit Wochen gestrichen. Doch die Seele braucht auch Abwechslung. Deshalb Frau L. ins Auto gepackt und ab nach Greyerz: Fondueessen.  Greyerz für die Seele, Fondue für den Magen. Das letzte Mal waren wir vielleicht vor 15 Jahren hier. Der kleine Ort, in der Hochsaison überlaufen, liegt jetzt leergefegt vor uns. Kein Fotowetter, dennoch schöner als im Sommer.

Das historische Kleinstädtchen liegt im Kanton Freiburg auf einem freistehenden Hügel, gut 100 Meter hoch über der landwirtschaftlich genutzten Saane-Ebene, direkt unterhalb des Schlosses der Grafen von Greyerz. Das Städtchen belegt eine Fläche von etwa 300 m×100 m. Im Jahr 1144 erschien der Name de Grueria erstmals in den Akten. Der Name Gruyères (dt.: Greyerz) leitet sich wahrscheinlich vom gräflichen Wappentier, dem Kranich (franz.: grue) ab.
Im 10. Jahrhundert gehörte das spätere Gebiet der Grafschaft Greyerz zum Königreich Burgund. Das Kerngebiet der Grafschaft Greyerz umfasste nach Eroberungen der Grafen Wilhelm (noch ein Eroberer) das gesamte obere Saanetal von der Saanequelle im Bereich des Sanetschpasses bis zum heutigen Lac de la Gruyère im Bereich von Broc und La Tour-de-Trême. Auch das Jauntal gehörte dazu. Ein in sich abgeschlossenes, von Bergketten umgebenes Gebiet. Zusammen mit der Grafschaft kam Gruyères 1244 unter die Lehenshoheit der Grafen von Savoyen. Die Grafen von Greyerz gehörten zu den bedeutendsten Fürstengeschlechtern der Westschweiz. Vom 11. bis ins 16. Jh. sind 19 Grafen bezeugt. Michael, der letzte Graf von Greyerz, geriet aber in finanzielle Schwierigkeiten und ging 1554 bankrott. Seine Gläubiger, die Städte Freiburg und Bern, teilten seine Grafschaft unter sich auf. (Damals führte staatliche Schuldenwirtschaft noch zum Staatsbankrott, wer heute über seine Verhältnisse lebt, braucht sich keine Sorgen zu machen, der Steuerzahler steht dafür gerade). Das Schloss wurde von 1555 bis 1798 Sitz der Freiburger Landvögte, dann Residenz der Präfekten bis 1848. Nach zeitweiligem Privatbesitz gehört es heute dem Kanton Freiburg und beherbergt historische Sammlungen und kulturelle Aktivitäten.

Eingangs des Städtchens
Eingangs des Städtchens
der erste Schnee
der erste Schnee

Die hügelige Marktgasse, die einzige Strasse des Städtchens, wird von zwei beeindruckenden Häuserzeilen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert gesäumt. Darunter befindet sich die Maison de Chalamala von 1531, welche den Namen eines bekannten Hofnarren des 14. Jahrhunderts trägt.

Greyerz Marktgasse
Greyerz Marktgasse
Greyerz Haus an der Marktgasse
Greyerz Haus an der Marktgasse
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala
Haus des Hofnarren Chalamala

Im Café Restaurant Le Chalet das Greyerzerfondue. Immer noch gleich wie vor 15 Jahren. Gut, reichlich, begleitet von Brot, Pellkartoffeln, Cornichons und Silberzwiebeln. Der Café mit Greyerzer double-crème aus den geschnitzten Portionen-Holzeimerchen. Als ob wir nicht 15 Jahre älter geworden wären. Nur die (auf die Nachreinigung der Holzeimerchen spekulierenden ?) Katzen vor dem Hause sind andere.

Türschloss
Türschloss
Doppelrahm-Interessenten vor Chalet
Doppelrahm-Interessenten vor Chalet

Eingekauft: Zwei grosse Bitzen Greyerzerkäse Alpage und vieux aus der unterhalb des Städtchens gelegenen Schaukäserei sowie ein Stück Greyerzer Kuh als Schliesslasche auf einer Einkaufstasche für Frau L.. Die schwarz-weisse Greyerzer-Rasse ist in der Schweiz leider ausgestorben und durch Black Holsteins ersetzt. Die Einkaufstasche aus Fellimitat. Wir sind unzweifelhaft 15 Jahre älter geworden.

Greyerzer Kuh
Greyerzer Kuh
Schloss und Kultur
Schloss und Kultur

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