Es war gegen das Ende einer weihnächtlichen Tafel zu zweit. Getrunken wurde eher bescheiden und wenig, ein Toskaner, passend zum Essen (Salami, Brot, Randensalat). Danach hatte ich von den herumstehenden Guetzli- und Pralinentellern fleissig genascht. Die isst bei uns ausser mir ja sonst niemand. Irgendetwas fehlte noch. Erleuchtung: wie wäre es denn, wenn wir uns zum Abschluss eine ganz tolle, teure Flasche eines Bordeauxweines öffnen würden ? Frau L. nickte und blieb begeistert im Esszimmer sitzen.

Ich steige in den Keller, kehre in die Küche zurück mit einer Flasche Lynch-Bages, öffne sie. Bäääh… Fassgeschmack, kein Korken, aber jedenfalls ungeniessbar. Schade um die teure Flasche, aber sowas kann immer wieder mal passieren.
Nochmals in den Keller, zweite Flasche Lynch-Bages. Geöffnet. Oh NEIN…. wiederum rauh, elender Fassgeschmack, wie eine 4 Euro-Plörre. Was ist mit dem Lynch-Bages los ? Sollte ich eine Kiste mit verdorbenen Weinen erstanden haben ?
Kalter Schweiss rinnt mir von der Stirne. Nur nicht nervös werden. Ruhe behalten. Verstand nicht abschalten. Prüfen wir das doch an einem andern Jahrgang nach !
Die dritte Flasche Lynch-Bages, eine, die schon 3 Jahre in meinem Keller schlummerte, die noch nie zu Beanstandungen Anlass gab. Oh nein ! Dasselbe………. Trostlos. Ich nahe am verzweifeln.
Vierte Flasche. Nun muss ich die ganze Wahrheit wissen ! Ein Hautes-Bages Libéral…..Pauillac wie der Lynch-Bages.
Das darf doch nicht wahr sein. Auch der Haut Bages !!! Dann kann es nicht an einer einzelnen Weincharge liegen, schuld ist mein eigener Weinkeller. Irgendein Bakterium, das ein ganzes Weinlager verpesten kann, man liest ja immer wieder davon, dass Kellerbakterien ganze Ernten im Keller zerstört und unverkäuflich gemacht haben.
Wie ein Häufchen Elend sitze ich, umgeben von Weinflaschen, allein am Küchentisch, ringe um Luft und Fassung. Verstehe die Welt nicht mehr. Nochmals in den Keller. Diesmal ein Chateau Margaux. Margaux, kein Pauillac, andere Gegend. Meine allerletzte Hoffnung.
Ich beginne zu weinen, auch der Margaux ist hin. Der ganze Keller vernichtet. Ich total zerstört am Boden. Frohe Weihnachten !

Frau L. kommt in die Küche: was ist denn hier los ? Wo bleibst Du solange mit dem Wein ? Soll ich Weihnachten alleine vor dem Baume zubringen ? [sieht die Weinflaschen] um Gotteswillen !
Ich: Katastrophe ! Katastrophe ! KATASTROPHE ! Unser Weinlager ist kaputt. Ungeniessbar. Alles zerstört. Alles futsch !
Frau L.: Hmmm ? Ach was ! Lass mich mal probieren ! giesst sich von jeder Flasche einen Schluck ein, prüft: die sind doch allesamt in Ordnung ! ich merke nichts. Hast Du etwa vorher Schokolade genascht ?
Ich: Ähmm.. könnte sein, ja habe ich, Du hast sie doch zum Naschen auf den Tisch gestellt. [womit wenigstens die Schuldfrage geklärt ist]
…..
Daraufhin füllte ich kleinlaut erst den ältesten Lynch-Bages mit Lynch-Bages der zweiten Flasche wieder auf. Dann die zweite Lynch-Bages mit der ersten. Diesen und den Haut-Bages ergänzte ich mit dem Margaux. Korken wieder draufgesetzt. Die angebrauchte Flasche Margaux stellte ich in den Weinschrank. Die Lust auf Wein war uns vergangen.
Am nächsten Tag haben wir erst den offenen Margaux getrunken. Tadellos. Von Fassgeschmack keine Spur. In den folgenden Wochen die andern Flaschen. An allem war nur die Schokolade schuld.
Der Vorfall liegt schon einige Jahre zurück, in einer Zeit, in der die Grand cru classés zwar teuer, aber noch bezahlbar waren. Obwohl sich seither meine Weinkenntnisse erheblich verbessert haben: Mein Renommee als häuslicher Weinkenner und Weinkritiker ist seither angeschlagen und hat sich nie wieder richtig erholt. Nicht nur, weil ich meine Weine selber bezahle. Wenigstens wog der nachfolgende Genuss die Schande bei weitem auf.
Danke an die 180°C-Crew für die Einladung, an ihrem Adventskalender teilzunehmen zu dürfen.































