Zuccotto. Oper von und mit Giuseppe Verdi. 2. Akt: Fuga finale

Alchermes fertig? Siehe Akt 1. Wer ihn noch nicht probiert hat, sollte sich zuvor einen kleinen Schluck genehmigen. Es muss kein ganzer Humpen sein, wie ihn sich der zerlumpte, beleibte, beliebte, liebestolle, angestaubte, bankrotte, versoffene, und eben pudelnass der kalten Themse entstiegene Ritter Sir John Falstaff bestellt. Glühwein. Brrrr. Dass er zum Opfer einer listigen Kabale wurde, muss er sich selber zuschreiben. Vorhang auf für Renato Bruson:
„Ehi taverniere!
Mondo ladro. Mondo rubaldo. Reo mondo!
Taverniere, un bicchier di vin caldo!
Du Welt, du diebische Welt!
Schandwelt du!“

Während der alte Schwerenöter Sir John über die Schlechtigkeit der Welt räsonniert, werkle ich am mise en place für den Zuccotto.

Zuccotto Giuseppe Verdi

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Zutaten und Zubereitung
stehen auf dem originalen Besetzungszettel, den mir der Souffleur Lucas zugesteckt hat:

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Aus Parkett und Logen zischen erboste Zwischenrufe auf die Bühne: „deutsch, deutsch! Man versteht ja nichts“. Na gut, wenn das unbedingt sein muss. Opernitalienisch versteht nicht jeder. Hier meine adaptierte Übersetzung mit angepassten Mengen:

für sieben  8cm Halbkugelförmchen

200 g Butter
Prise Salz
200 g Zucker (L.: 180 g)
2 ganze Eier sowie 2 Eigelb und 1/2 Eiweiss
1/2 Schote Vanille, ausgekratzt
1 Blatt Gelatine
Kirsch
40 g Kakao ungezuckert
Alchermes (unser purpurroter Gewürzlikör aus dem ersten Akt)
ca. 12 Löffelbiscuits (Savoiardi)
ca. 60 g Amaretti
1 kleiner Espresso (Ristretto)
3 EL Pistazien, gehackt

(1) Amaretti zerbröseln und mit dem Espresso beträufeln. Savoiardi mit Alchermes einweichen. Beide gleichmässig befeuchten aber keinesfalls klitschnass. Mit Gefühl. Con sentimento. Angela Gheorgiou, die als Feenkönigin verkleidete Nanetta im Falstaff, weiss, wie man Gefühle zum Klingen bringt: „Sul fil d’un soffio etesio…“

(2) Dann die Buttercreme. Zu Verdis Zeiten waren Hühner noch gesunde Hühner, Eier keine kranken Industrieprodukte. Damit sich Giacomo Rossini mit seiner Barbier-Diagnose „siete giallo, come un morto“  nicht auch noch ins Geschehen einmischt, mache ich den Salmonellen auf japanische Onsen-Art den Garaus: Lege die Eier 50 Minuten ins thermostatisierte Wasserbad bei 62°C (wenig tiefer als üblich).
(3) Indessen das Vanillemark mit etwas Zucker verreiben. Die Butter mit Zucker und dem Vanillezucker in der Küchenmaschine weissschaumig aufschlagen. Die Eier aus dem Wasserbad erst abkühlen, vorsichtig aufschlagen, den Inhalt von 2 Eiern aus der Schale gleiten lassen. Die restlichen 2 Eier trennen und nur das Eigelb und ein halbes Eiweiss verwenden. Das Eigeschlabber portionsweise auf hoher Stufe unter die Butter-Zucker-Creme rühren.
[Anstelle des Onsen-Tricks kann man ebensogut eine französische Buttercreme herstellen. Ich habs ausprobiert: Eier und 120 g Zucker bei 85°C 5 Minuten in der Kenwood Cooking Chef oder manuell cremig rühren, weiterrühren bis die Masse wieder auf Raumtemperatur ist, anschliessend die mit 60 g vanilliertem Zucker weissschaumig geschlagene Butter unterrühren]
(4) Masse in 2 Teile trennen.
Helle Masse: 1 Blatt Gelatine in Eiswasser quellen lassen, gut ausdrücken, mit einem kleinen Schuss Kirsch erwärmen und lösen. Unter die Masse rühren.
Dunkle Masse: gesiebten Kakao unter die andere Hälfte rühren.
(5) Nun folgt die Montage: in die mit Küchenfolie ausgelegten Kalottenförmchenen werden erst Pistazien eingebröselt, dann ein TL eingeweichte Amaretti, darüber eine Schicht dunkle Buttercreme, schliesslich die helle Buttercreme und zuoberst die Alchermesbiskuits.

Der schöne Jonas (Kaufmann) und der noch viel schönere Thomas (Hampson), links, drängen indes auf die Bühne und demonstrieren ungefragt, wie korrektes Aufschichten geht: Hand auf Hand. Und das im schönsten Männerduett der Operngeschichte. Wer will, darf mitknien. Arthrosegeplagte (wie ich) legen sich dazu ein Kissen unter die Knie:

Creme auf Schicht. Creme auf Creme. Schicht auf Creme. Lage auf Lage.

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Die Buttercremes lasen sich mit Spritzbeutel besser einfüllen

Die eitlen Zwei haben noch nicht genug, sie wollen nochmals auftreten. Wie krieg ich die beiden nur wieder los? Passen ja überhaupt nicht in die Vorstellung.
Durch Mord! Ein in der Oper nicht unübliches Vorgehen. Die doppelte Verneinung heiligt meine Mittel.

Immerhin: So wundervoll und erschütternd stirbt nur einer: Thomas Hampson, der schöne, lange mit den langen Haaren: „C’est mon jour suprème“ and „Ah, je meurs, l’âme joyeuse“.

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Zurück zum Zuccotto. Wo war ich damit? Ach ja, die Förmchen über Nacht in den Kühlschrank stellen. Damit uns nicht kalt wird, hören wir uns im Bett (am besten in einer Endlosschlaufe) nochmals die Violetta Valery an: „Addio del passato“, „Adieu der Vergangenheit!“ wiederum mit der göttlichen Callas. Schöner und ergreifender kann man das nicht singen. Schöner und ergreifender wird man nie mehr einschlafen.

Serviert wird anderntags, frisch, aber nicht direkt aus dem Kühlschrank. Die Operntruppe macht den Abwasch und räumt das Küchenchaos weg. Mit der komischen (und so unendlich komplizierten und schwierigen) Schlussfuge. Fällt einer aus dem Takt, gerät die ganze Fuge und damit die Welt, meine Welt, aus den Fugen:

Tutto nel mondo è burla.
L’uom è nato burlone,
La fede in cor gli ciurla,
Gli ciurla la ragione.
Tutti gabbati! Irride
L’un l’altro ogni mortal.
Ma ride ben chi ride
La risata final.

Alles ist Spass auf Erden,
Der Mensch ein geborener Tor;
Und glauben wir weise zu werden,
Sind dümmer wir als zuvor.
Lauter Gefoppte! Weil Einer
Den Andern zum Narren macht.
Doch besser fürwahr lacht Keiner
Als wer am Ende lacht.

Cala la Tela. Vorhang fällt.

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Doubs der Unschlüssige (22) Besançon-Dole Teil 2

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Seitenkanal des Doubs bei Rochefort-sur-Nenon und mein Velo steht zuhause

Von Besançon bis Dole mäandriert der Doubs in einer Vielzahl von Schleifen erst durch Verengungen, dann durch die immer breiter werdenden Niederungen des Doubstales. Teils vereinigt sich der Fluss mit dem Canal du Rhin-Rhone, dann trennt er sich wieder, schafft Platz für Schleusen oder um Schwellen zu umgehen. Bei Salans überquere ich die Brücke auf das linksseitige Ufer des Doubs bis Dole. Enge Landstrassen. Viel Landwirtschaft.  Wenige Weiler. Kleine Dörfer. Kaum Menschen. Schon gar keine Touristen.

Zweiter Besuch in Dole. Angenehm die vielen, freien Parkplätze am Wasser des Canal du Rhin et Rhone. Und das in der Ferienzeit Mitte August.

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Quartier au Prélot
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Unterirdischer Zugang zur Grande Fontaine

Erfrischung verheisst eine ungewöhnliche Pforte in das Quartier au Prélot (von: près de l’eau).

Vom Canal des Tanneurs führt ein unterirdischer Gang zu einem grossen Brunnenbecken (La Grande Fontaine) aus dem 18. Jahrhundert. Das Wasser einer am Hausberg Mont Roland versickerten Quelle tritt hier am Fusse der Stadt erneut ans Tageslicht, Licht, das durch eine Öffnung in der Rue du Prélot in die Tiefe dringt.

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Grande Fontaine: Waschbecken

Während der Belagerungen von Dole in den Jahren 1479 und 1636 durch den französischen König deckte der seit 1274 genutzte Brunnen den Wasserbedarf der Einwohner. In der Fortsetzung des unterirdischen Gangs gelangt man über eine Treppe in die Rue Pasteur 77 wieder ins Freie.

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Geburtshaus von Louis Pasteur, der in der Franche-Comté allgegenwärtig ist

In der Rue Pasteur liegt das Geburtshaus von Louis Pasteur, ein Forscher, dem die Menschheit so viel mehr als nur die pasteurisierte Milch zu verdanken hat: Begründer der Stereochemie; mit seinen Arbeiten über die Mechanismen der Gärung und der Entwicklung von Impfungen (Geflügelcholera, Pocken, Milzbrand, Tollwut) zeigte der geniale Pasteur das wirtschaftliche und medizinische Potenzial experimenteller Biologie auf.

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Vorbei an den mächtigen Mauerquadern der Bastion Saint-André, die zwischen 1540 und 1595 unter dem Habsburger Kaiser Karl V. errichtet wurde. Die einzige von 7 Bastionen, die nach der endgültigen Einverleibung durch Frankreich nach 1678 nicht abgerissen wurde. Auf der Bastion steht das Charité-Krankenhaus, zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet, das lange Jahre als öffentliche Fürsorgeeinrichtung diente und heute das Internat eines Gymnasiums beherbergt.

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Hôtel-Dieu
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Hôtel-Dieu, Innenhof

Gleich dahinter majestätisch das Hôtel-Dieu aus dem 17. Jahrhundert, das ehemalige Armenhospiz. Heute sind hier Kultureinrichtungen der Stadt untergebracht.

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Porte d’Arans

Im Südwesten der Altstadt steht das einzig verbliebene Stadttor, die Porte d’Arans, eingefasst von Resten des ehemaligen Walls (Courtine d‘ Arans).

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Hôtel Froissard
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Hôtel Froissard, eine schöne Doppeltreppe. Hinten der Gesindehof

Das Stadthaus Hôtel Froissard ist ein schönes Beispiel für die späte Renaissance, die in Dole Anfang des 17. Jahrhunderts aufblühte.

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Treige de la Tour de Chamblans. Mittelalterliche Gassen.

Altstadtgasse. Alles proper. Keine tags, kein Urin. Keine Schmierereien. Was ist hier anders und wieso?

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Blumen statt Fleisch

Der charmante Place aux Fleurs wurde im 19. Jahrhundert oberhalb der ehemaligen städtischen Fleischereien angelegt.

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Place aux fleurs

Inzwischen ist es 12 Uhr geworden.

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Sandwiches
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Patisserie

Das beste Restaurant von Dole steht in Arbois. Vor 2 Wochen beim letzten Besuch ass ich dort im Maison Jeunet. Heute will ich in Dole essen. Die köstlichen Sandwiches von Damien Benetot? Oder im Restaurant Grain de Sel, ein Name, der mich an die Gartenküche von Micha erinnert?? Oder im vom Gummireifenmännchen empfohlenen, japanischen Restaurant?? Das vegetarische Menu mit Gyo-za Ravioli und Friture de tofu? Doch lieber runter zum Grain de Sel: Das dortige Menu: Adlerfisch und Ente. Nicht bei 35°C. Nichts von Gartenküche. Also doch wieder rauf: Un voyage au japon sans prendre l’avion. Ich war noch nie japanisch essen. Ich probiers mal.

Hätte ich mich doch für Sandwiches entschlossen!

Das vegetarische Menu war eine Variation von 3 mal Sojabrühe:
einmal mit Flan de Shiitaké
einmal mit (in eine essbare Art von Cellophan eingewickelte?) Tofuwürfel und Salatgemüse
Gyo-za waren aus. Stattdessen Brühe mit Udonnudeln, Salatgemüse und Sprossen.
Das hätte ich zuhause auch hingekriegt.

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Udonnudeln, Salatgemüse, Sprossen, Brühe

Nur noch 12 km bis zur Sâone entlang dem Canal du Rhin et Rhone. Der Doubs kümmert sich nicht um die Abkürzung, nimmt sich Zeit, windet sich entlang der Sâone über weitere 60 km bis er sich dem stärkeren Strom übergibt. Zeit will auch ich mir nehmen, beim nächsten Tagesausflug werde ich dem Doubs bis zur Einmündung in Verdun-sur-le-Doubs folgen. Ein Blick Richtung Meer. Weiter geht es für mich derzeit nicht mehr.

 

Quellen:
Itinéraire Le chat perché

Zuccotto. Oper von und mit Giuseppe Verdi. 1. Akt: Alchermes

Giuseppe_Verdi, Foto by G. BrogiEssen wie Giuseppe Verdi.  Ein Ausflug in die Vergangenheit. Der deine Aufmerksamkeit und Zeit beanspruchen wird. Allein der erste Akt kann bis zu 6 Wochen beanspruchen. Wer schon beim Wort Oper Magenkrämpfe kriegt, klickt sich besser weg.

Niemand mehr da? Auch gut! Dann kann ich so richtig nach Herzenslust loslegen!

Der Komponist wohnte lange Jahre mit seiner Lebensgefährtin und späteren zweiten Ehefrau, der Sängerin Giuseppina Strepponi, auf seinem Landgut Sant‘ Agata bei Busseto. Kulinarisch umsorgt von seiner emilianischen Köchin, die ihm, so ist es überliefert, den Risotto in den Nationalfarben Rot-Grün-Weiss servierte.

Das Lieblingsdessert von Giuseppe Verdi war ein Zuccotto Emiliano, ein klassisches, italienisches Dessert in der Tradition von Zuppa inglese, Cassata und Tiramisu, kuppelförmig geschichtet. Alchermes-getränkter Biskuit, Kakao. Anders als beim ursprünglichen, toskanischen Original, das auf die Medici zurückgeht, wird für die emilianische Variante anstelle von Ricotta eine Buttercreme verwendet.

Verdi starb 1901 in Mailand. Das Rezept wurde in der Familie der Köchin weiter vererbt. Heute führt ihr Urenkel, Antonio Albignani, in Sanzano (Nähe La Spezia) das Restaurant i Capitelli, wo der Zuccotto öfters auf der Speisekarte steht.

Und hier beginnt eine andere Geschichte: Weil Lucas Rosenblatt seine raren Ferien öfters in Ligurien verbringt und öfters in diesem Lokal essen geht und dabei öfters den Zuccotto bestellt… frug er den Wirt eines Tages nach dem Rezept. Dieser wiederum konnte dem Charme von Lucas nicht widerstehen, rückte das Rezept wider Erwarten heraus. Handschriftlich. Und so gelangte es letztlich zu mir. Lucas hat das Rezept auf seine Verhältnisse adaptiert. Ich auf meine.

Vor dem mise en place sich erst in Zuccotto-Stimmung bringen, sich Mut anhören. Generalprobe: Lautstärkeregler auf 110%. Mit der Arie „Vieni t’affretta! Accendere. Ti vo‘ quel freddo core!“.., und der cabaletta „or tutti sorgete…“
„Komm, eile! Ich will dein kaltes Herz entzünden! Ich gebe dir den Mut, die kühne Tat zu vollbringen!“

Jede Oper, die etwas auf sich hält, benötigt einen Zaubertrank, ein elisir d’amore, mit oder ohne Schierling. In unserm Dessert nennt sich das Elixir Alchermes. Was keine griechische Gottheit ist, sondern ein Likör der Medici. Ohne den geht gar nichts. Sein Name stammt von der farbstoffgebenden Cochenille-Schildlaus. Im Spanischen heißt die Laus Alquermes, im Arabischen al-quirmiz. Das Original, nach einem Rezept aus dem Jahre 1743, kann man sich von der berühmten Farmacia Santa Novella  in Florenz kommen lassen (22€/1dl). Billiger gehts, trotz horrender Trinkspritpreise in der Schweiz,  mit selber herstellen. Noch billiger von andern italienischen Likörfabrikanten.  Da steht dann auf dem Etikett „spezie, con una sostanza rossa“. Diese geheimnisvoll kryptische Umschreibung deutet wohl auf E124, ein Azofarbstoff, wie im Campari. Fürs Selbermachen muss man jedoch 6 Wochen Geduld aufbringen. Vorher gibts weder etwas zu kochen und schon gar nichts zu essen. Während die Operntruppe weiter übt und singt, brauen wir aus Schildläusen den Likör. Bitte darauf achten, dass am Schluss für das mise en place noch etwas übrig bleibt. Danach gehts in die Pause und zum zweiten Akt.

Vorspiel /1. Akt: Alchermes


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Alchermes. Rezept für 2 Liter
aus Paolo Petroni (Il grande libro della cucina toscana)

600 g Alkohol (Trinkspiritus, 96%)
10 g Cochenilleschildläuse getrocknet, keine Angst, die krabbeln nicht mehr (Bezugsquellen: Apotheken / Internet / Eierfarbenhändler)
10 g Zimt
10 g Koriandersamen
3 g Macis
10 g Karamomkapseln
4 g Gewürznelken
5 g Orangenabrieb
3 g Sternanis
1/2 Vanilleschote
600 g Zucker
10 g Rosenwasser

Vanilleschote klein schneiden, restliche Gewürze mörsern. In eine grosse Flasche geben, den Alkohol und 300 g Wasser zugeben, gut durchschütteln und Flasche verschliessen. An einem dunkeln Ort für ein paar Wochen stehen lassen. Die Flasche täglich rythmisch durchschütteln und kurz öffnen.

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Danach den Zucker in 5 dl Wasser lösen, zugeben (jetzt wird er richtig karminrot) und nochmals einen Tag ziehen lassen. Anschliessend durch einen Kaffeefilter filtrieren, das Rosenwasser zugeben und der Alchermes ist fertig. Alchermes wird auch für andere italienische Desserts (zuppa inglese, tirami sù) verwendet.

Ausserdem besorgen wir uns noch ein paar Löffelbiskuits oder besser Savoiardi sowie weiche Amaretti, Eier, Kakao, Zucker und Butter. Dann sind alle Requisiten für den Zucotto vorhanden.

Nach diesem sechswöchigen Vorspiel in der Welt der Medici mit täglichem Likörschütteln im Rythmus der Verdi-Cabaletta haben wir eine zweite Arie zum Verschnaufen verdient:

La Traviata, Brindisi
„Libiamo, libiamo ne‘ lieti calici, che la bellezza infiora…“
„Auf, schlürfet in durstigen Zügen den Kelch, den die Schönheit kredenzt…“

wiederum mit der göttlichen Callas. Und dem etwas weniger göttlichen Francesco Albanese. Mit einem Glas Wasser in der Hand anzuhören!  Alchermes wird nicht geschlürft, den benötigen wir anderweitig.

Déclinaison sur la tomate

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Der Sommer findet draussen statt. Im Hause gehören kalte oder leichte Küche zum Pflichtprogramm. Dabei würde ich lieber am Meer Sandburgen bauen oder Sandkuchen formen. Aber das Meer liegt unerreichbar fern. Statt Sandkuchen backe ich mir Tomatentürmchen. Ein Fundament aus gelben, zwei Stunden confierten Tomatenschnitzeln, darüber ein zerdrücktes Onsenei, darauf eine ebenso lang confierte, dunkelrote Tomate. Ein Löffel Basilikumrahm als topping und das Ganze mit Gurkenjus umgossen.
Frau L. meint, etwas von Schnitzel gehört zu haben und ist enttäuscht: Eine Tomatenscheibe sei kein Schnitzel. Da hat sie recht, aber ein Schnitzel ist nicht vegetarisch und wer kocht, hat das letzte Wort.

Déclinaison sur la tomate


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Zutaten und Zubereitung
4 kleine Vorpeisen, zu zweit gegessen reichts in der Sommerhitze knapp als Hauptmahlzeit.

1 grosse, gelb-orange Tomate
4 mittlere, durchgehend rote, Lycopinreiche Tomaten
1 TL Orangenabrieb
2 TL Thymian frisch, Blättchen abgezupft
Puderzucker
weisser Kampotpfeffer
Meersalz
Olivenöl

4 Eier
Salz
weisser Pfeffer

1 kleine Gurke, möglichst arm an Bitterstoffen
Kräutersalz
weisser Pfeffer
Spritzer Zitronensaft

3 Zweige Basilikum
Rahm

(1) Ein Backblech mit Backpapier belegen, mit Olivenöl beträufeln, mit Salz, Pfeffer und Orangenabrieb bestreuen.
(2) Die gelbe Tomate in 1 cm dicke Scheiben schneiden und auf das vorbereitete Blech legen.
(3) Die roten Tomaten in kochendem Wasser kurz blanchieren, kalt abschrecken, Haut abziehen und Strunk herausschneiden. Ebenfalls auf das Blech legen, alles mit Olivenöl beträufeln, salzen, pfeffern, mit Orangenabrieb und wenig Puderzucker bestreuen.
(4) 2 h im Ofen bei 100°C Umluft confieren. Die gelben Scheiben nach Halbzeit einmal wenden.
(5) Eier im 64°C heissen Wasserbad 1 Stunde garen. Ich habs mal mit der Kenwood Cooking Chef und dem Isoliermantel von und nach https://www.facebook.com/albino.tuosto probiert: Eier in eine Keramikschale legen und die Schale im Kenwoodrührkessel versenken. Abdeckung drauf: muss einjustiert werden, danach bleibt die Temperatur konstant.

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(6) Gurke (Schale teilweise entfernt) in der Entsafterzentrifuge versaften und abschmecken.
(7) Basilikumblätter in kochendem Wasser 8 Sekunden blanchieren, kalt abschrecken, hacken und mit Rahm zu einer dicken Creme mixen. Abschmecken.

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Montage:
(8) Hautstreifen von den gelben Tomatenscheiben abziehen. Je 1 Scheibe in die Teller legen. Ein Ei vorsichtig öffnen und Inhalt auf die Tomatenscheibe gleiten lassen, würzen. Rote Tomate draufsetzen. Mit Basilikumcrème toppen. Gurkenjus angiessen.

Der Gurkenjus hätte etwas Bindung vertragen. Und ein pochiertes Ei wäre schneller und einfacher herzustellen. Hinterher ist man immer schlauer.

Doubs der Unschlüssige (21) Dole Teil 1

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Neun (9) Monate sind seit meiner letzten Reise an den Doubs vergangen. Eine Ewigkeit. ABEANT FURES MURES LEMURES  (Fort mit Dieben, Mäusen und Geistern)  lese ich über dem Eingang eines Hauses in der Altstadt von Dole. Ich würde den Satz gerne durch MORBUS erweitern, aber das reimt nicht. Umsomehr freue ich mich an einer neuen Etappe meiner Eintagesreisen entlang des Doubs. Bis zum Meer ist es noch weit. Aber die Saône liegt schon in Reichweite. Zeit hatte ich nur wenig eingeplant in Dole, was soll es hier schon zu sehen geben???, das Mittagessen war in Arbois bestellt. Umsomehr überraschte mich das hübsche, herausgeputzte Städtchen. Da muss ich nochmals hin. Besser vorbereitet.

Die im 11. Jahrhundert gegründete Stadt liegt über einer Schleife des Doubs an Verkehrswegen, die sich hier kreuzen. U.a. verläuft der Rhein-Rhone-Kanal parallel zum Doubs. In Dole kreuzen sich die französischen Autobahnen A 36 und A 39. Der Bahnhof liegt an den TGV-Eisenbahnstrecken Paris-Dijon–Frasne–Vallorbe-Lausanne sowie Dijon-Besançon–Belfort-Strassburg).

Historisches:

Die Grafen von Burgund und der deutsche Kaiser als Oberherr der Grafschaft gewährten Dole 1274 einen Freibrief, der ihr eine gewisse Autonomie garantierte.

1422 wurde Dole Hauptstadt und Parlamentssitz der Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) im Burgundischen Reichskreis. Im gleichen Jahr gründete Philipp III. der Gute von Burgund eine Universität, die zur wichtigsten Ausbildungsstätte für Zivil- und Kanonisches Recht in Westeuropa wurde.

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Das alte Spitalgebäude aus dem frühen 18. Jahrhundert beherbergt heute ein Lyzeum.

Zusammen mit dem Herzogtum Burgund, der Freigrafschaft Burgund und der Grafschaft Flandern, die er geerbt hatte, formte Philipp ein Territorium von Gebieten beiderseits der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Aus Hass gegen den Dauphin, den späteren französischen König Karl VII. (der den Vater Philipps umbringen liess), verbündete sich Philipp im Vertrag von Troyes vom 21. Mai 1420 mit Heinrich V. von England gegen Frankreich, um sich zu rächen. In seinen letzten Jahren überließ Philipp die Regierung ganz seinem ehrgeizigen Sohn und späteren Nachfolger, Karl dem Kühnen. Der installierte sich vollends als Oberhaupt eines von Frankreich unabhängigen Reiches, das er allerdings durch seine unbedachte Politik verspielte und das nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld 1477 wieder zwischen Frankreich und Habsburg aufgeteilt wurde.

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Idyllisch der Canal des Tanneurs. Heute gibt es dort keine Gerber mehr. Dafür hat es Restaurants am schmalen Ufer.
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Vom Canal des Tanneurs sind es nur wenige Schritte bis zum Geburtshaus des allgegenwärtigen Louis Pasteur.

1479 belagerten die Truppen Ludwigs XI. die Stadt Dole, die dem französischen König heroischen Widerstand leisteten. Dole wurde erobert und abgefackelt. Wütend über ihren Widerstand verbot Ludwig XI. den Dolois den Wiederaufbau ihrer Häuser Das erklärt das Fehlen von Gebäuden aus dieser Zeitepoche. Letztlich musste die Stadt 1493 von den Franzosen nach dem Vertragschluss von Senlis an die Habsburger zurückgegeben werden.

1636 probierten die Franzosen ein zweites Mal, jedoch erfolglos, die Stadt zu unterwerfen, diesmal unter Leitung von Kardinal Richelieu himself. Wiederum leisteten die Einwohner während der 80 Tage dauernden Belagerung erbitterten Widerstand, so dass von den ursprünglich 4500 Einwohnern nur noch 662 das Ende der Belagerung erlebten.

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Die Schäden der diversen, französischen Belagerungen sind den Fassaden heute noch abzulesen 😉
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Maison des Orphelins (Waisenhaus) Erbaut zu Beginn 18. Jahrhundert. Bis vor wenigen Jahren noch durch eine Stiftung unterhalten. Das Gebäude steht auf den Fundamenten der alten Stadtmauer.
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Hotel de Champagney, dit Palais Granvelle. Hoch über dem Ufer die spätgotische Collegiale Notre Dame aus dem Jahre 1571.
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Nahe der Collegiale eine Hauswand, mit schönsten trompe l’oeil Graffiti verziert. Links oben guckt Louis Pasteur heraus. Im Dachfenster „Die grüne Stute“, ein Werk des Schriftstellers Marcel. Aymé. Auf dem Balkon: andere lokale Grössen verschiedener Epochen.

1668 belagerte Ludwig XIV. die Stadt erneut und eroberte sie, musste sie im Frieden von Aachen aber wieder an die Habsburger abtreten. Erst im Holländischen Krieg 1674 wurde sie endgültig von Frankreich eingenommen. Die Rache liess nicht auf sich warten: 1676 verlegten die neuen Herrscher das Parlament der Freigrafschaft in das nun zur Hauptstadt erhobene Besançon. Wenige Jahre danach wurden im Frieden von Nimwegen (1678/79) die Freigrafschaft sowie die freie Reichsstadt Besançon endgültig vom Heiligen Römischen Reich abgetrennt und an Frankreich abgetreten. Später wurde die Universität von Dole nach Besançon verlegt, die Münzwerkstätte geschlossen und die Befestigungsanlagen unter der Leitung von Festungsbaumeister Vauban geschleift. Durch den Bedeutungsverlust wanderten die reichen Patrizierfamilien nach Besançon ab. Dole musste sich mit dem Status einer Kleinstadt mit heute gut 25000 Einwohnern abfinden.

Kleinstadt? Dole hat in ihren Mauern eine Markthalle, freitags leider geschlossen, Confiseure und Metzger, die ich mir in Basel wünschen möchte.
Mehr darüber nach dem nächsten Besuch. Zunächst weiter nach Arbois durch die weite Landschaft der Franche-Comté.

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Quellen:
wiki: Dole
wiki: Philipp III. Burgund
wiki: Liste des monuments historiques de Dole

Basel Tattoo 2019 Parade

Wenn ich schon nicht mehr an den Doubs komme, so muss die Stadt am Rhein herhalten. Wieder einmal ein paar völlig subjektive Eindrücke vor und von der Tattoo Parade. Headerbild: Hellenic Navy Band. Posieren fürs Erinnerungsfoto.

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was tun die Dancers of the Water Supply and Drainage Company of Shijizhuang, China, hier?

Rätsels Lösung: Was auf der einen Seite in die Kannelüren des Türbogens hinein geflüstert wird, wandert auf die andere Seite und wer dort gegenüber steht, versteht Wort für Wort.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Familienleben im Schatten der Kastanienbäume neben dem Münster.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Mineralwasser als Haarfestiger.

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Schwarzwälder Trachtenverein St. Georgen

Hutablage für St. Georgener Schäppel mit unbeabsichtigter Werbung für das braune Gesöff.

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Markgräfler Trachtengruppe Weil a. Rhein

Die Damen tragen Hörnerchappe mit Fürtuech, die Herren Gehrock, Zylinder oder Hut.

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The Wind Band of the Water Supply and Drainage Company of Shijizhuang, China

Wenn ordensbehangene Chinesen sich in einen historischen US-Sanitätsjeep setzen.

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Kriegsführung mit lackierten Fingernägeln

Bis zum Haarnetz perfekt gestylt.

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Dudelsackbläser der Cape Town Highlanders

In der Parade wie jedesmal: viel Dudelsack

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Der arme Fuchs weiss abends, was es geschlagen hat

Trommeln, Pauken und

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Kavalleriebereitermusik Bern

Trompeten und andere Hörner, ja sogar Schalmeien.

Eiszeit mit Gianduja und Tonka

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Gianduja-Eiscreme mit viel Nuss und wenig Zucker. Einfach herzustellen aus einem guten, handelsüblichen Haselnuss-Schokolade-Brotaufstrich. Den gibts in der Schweiz als Gourmetvariante z.B. in der Confiserie Sprüngli mit 47% Nussanteil oder im Lindt-Store als „Haselnusscreme“ mit einem Nussanteil von 40%. Wers billiger mag, kriegt den Lindt-Brotaufstrich bei COOP in einer beinahe gleich aussehenden Packung unter dem Namen „Crème noisettes“, der jedoch nur 25% Haselnüsse enthält. Wer billiges Palmöl und viel Zucker Haselnüssen vorzieht, greift zu Nutella mit mageren 14% Nussanteil. „Der Morgen mache den Tag“ sagen sie bei Ferrero. Wem der Morgen den Tag nun verdorben hat, findet auch in Deutschland Produkte mit Nussanteilen bis 60%. Mit und ohne Palmöl.

Gianduja Eiscreme mit Tonkabohne aromatisiert

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Zutaten und Zubereitung
200 ml Vollrahm
250 ml Milch
1 kleine Tonkabohne, feinst gerieben
2 Eigelb
50 g Zucker
150 g Haselnusscrème (Lindt, 40% Nussanteil)

(1) Milch und Rahm mit der geriebenen Tonkabohne bis knapp unter den Siedepunkt erhitzen, auf ein Holzbrett ziehen und zugedeckt 5 Minuten ziehen lassen.
(2) Eier und Zucker mit dem Schwingbesen der Küchenmaschine schlagen bis die Masse hell ist.
(3) Heisse Milch-Rahmmischung unter kräftigem Rühren unter die Eimasse rühren.
(4) Die Mischung vorsichtig unter Rühren auf etwa 94°C erwärmen, bis sie bindet und leicht andickt
(5) Zimmerwarme Haselnusscrème homogen untermixen.
(6) Durch ein feines Spitzsieb absieben und über Nacht zugedeckt kalt stellen.
(7) In der Eismaschine zu Eis drehen.

Damit überstehe ich jeden Hitzesommer. Unbezahlte Werbung für piemontesische Haselnüsse und das akribische Lesen von Zutatenlisten: „Die Weisheit der Welt ist kleingedruckt“ (eigener Aphorismus).

Simply Kartoffelsalat

Kartoffelsalat 20190613_120109

Ohne Essig. Yes. Doch mit Kartoffeln. Gesehen im Splendido Magazin. Angepriesen als Idiotensicher. Also passend für mich. Frau Marcella Hazan liess mich kurz schwanken, sie nimmt Rotweinessig. Den liess ich schliesslich doch weg. Fatto a modo mio: Mit meinem inzwischen erwachsen gewordenen, rotstieligen Baby-Mangold anstelle von Kopfsalat. Mit Zitronenöl und grünen Favebohnen, weil die mir immer grün sind. Eine Art Vegi Niçoise ohne Eier, Thunfisch und Sardellen. Let’s call it potato salad.

Kartoffelsalat

Kartoffelsalat 20190613_115701

Zutaten und Zubereitung
2 Personen

400 g festkochende Kartoffeln
1 Lorbeerblatt
1 Handvoll Fave, ohne Hülsen und enthäutet
1/2 junge Tropea-Zwiebel, geschält, fein gehackt
1 Handvoll kleine Cherrytomätchen
1 Handvoll Taggiasca Oliven aus Lake oder Olivenöl, entsteint und halbiert
10 Blatt rotstieliger Baby-Schnittmangold
1 Handvoll Basilikum, kleinblättrig, abgezupft
1 EL Salzkapern, gut gewässert
Salz, Pfeffer
Olivenöl und Olivenöl mit Zitrone

(1) Kartoffeln in kaltem Wasser mit dem Lorbeerblatt aufkochen, salzen und nach Bedarf weichgaren. Kaltes Wasser, weils schneller geht und eine gleichmässigere Textur liefert. Quer in 1 cm Scheiben schneiden. Nach Bedarf halbieren oder vierteln.
(2) Fave enthülsen, im Dampfaufsatz 2 Minuten garen, kalt abschrecken, dann aus der Haut pulen. Zu den Kartoffeln geben.
(3) Tomätchen halbieren und mit den Oliven, der Zwiebel (*), den Ölen und Kapern unter die Kartoffeln mischen. Abschmecken. Kräuter unterheben.
(4) 5 Minuten ziehen lassen.

(*) Kaum war der erste Bissen genüsslich (!) weggeputzt, fiel mir ein, was ich reinzutun vergessen hatte: die eigens angeschaffte Tropeazwiebel. Also doch kein idiotensicheres Rezept.

Der Apfel und die Mutterhefe

Apfel

Mutterhefe und ich. Ein gestörtes Verhältnis. Ich bin weder Bäcker noch Mutterhefepfleger, viel eher Todesengel. Kaufe deshalb mein Brot. Und bins zufrieden.

Doch nun soll alles anders werden: Ein Apfel muss her. Maestro Claudio will das so haben. Kein gewöhnlicher Apfel, leicht angeschrumpelt muss er sein. Und Bio. Leichter gesagt als beschafft. Meine Äpfel wachsen in Plastikkartons zu 6 Stück im Supermarkt. Alle glänzen, keiner schrumpelt. Was nun?

Ich lasse schrumpeln. Eingebettet und bedeckt mit weissem Linnen darf er in der warmen Küche ein bis zwei Wochen vor sich hin altern. Drei Wochen. Der Apfel glänzt und strahlt weiter. Von Lederhaut und Schrumpeln keine Rede. Sechs Wochen…. neun Wochen… ein Bioapfel, versehen mit allen Insignien und Inkunabeln der Bioindustrie.  Glänzt wächsern, wie frisch. Und das Ende Lagersaison im Mai.

Nach zwölf (12) Wochen… endlich… erste Anzeichen leiser Fältchen. Ich rieche schon den Duft meiner künftigen Baguettes. Höre das Krachen der knusprigen Rinde. Prüfe meinen Mehlvorrat. Denke mir einen Namen für die lievito madre aus.

Doch wo ist der Apfel? Verschwunden. Weg. Nicht mehr auffindbar. Unsere fleissige Spitex-Hilfe hat ihn „… dachte, der muss endlich weg“ mit Ingwer und einem  Granatapfel in der Saftpresse  versaftet. Ex und weg.

Mutterhefe zurück auf Feld eins.

Asparagi tonnato

Asparagi tonnato 20190530_115837

Beim e-blättern in der Speisekarte des Ristorante Ornellaia in Zürich (1 Michelinstern) stiess ich auf Asparago tonnato als Vorspeise. Dazu fand sich sogar ein Foto: Spargel im Singular mit wenig Parmesan bestreut, einem grünen Blatt (Basilikum?) belegt, daneben Thunfischsauce. Eine in Italien eingeführte, wenn auch nicht klassische Kombination.
Speisekarten sind mir die liebsten Inspirationen. Zumal die Spargelsaison bald vorbei ist. Den Spargel gare ich SV. Und wenn ich schon am Improvisieren bin, setze ich auf eine mild-nussige, voluminöse, schaumige Thonsauce à base de Sauce Hollandaise rapide. Weg mit Mayo, Fleischbrühe und Sardellen. Klingt doch gut? An die Arbeit!

Asparagi tonnato


Asparagi tonnato 20190530_120035

Vollmahlzeit für 2 Personen

Zutaten und Zubereitung
Spargel
800 g weisser Spargel (10 Stangen)
Spargelfond
Butter
Zucker
Prise Muskatnuss
Schwarzer Pfeffer
Kräutersalz

(1) Spargel rüsten. Schalen für Fond verwenden.
(2) Für den Fond 1 EL Butter, 1 TL Salz und 2 TL Zucker an die Spargelschalen geben und mit 5 dl siedendem Wasser übergiessen. Auf ein Holzbrett ziehen und 30 Minuten ziehen lassen. Absieben.
(3) Spargel in SV-Beutel füllen, etwas Spargelfond und Butter zugeben, würzen und 25-35 Minuten (je nach Dicke) bei 85°C im SV-Bad garen.
(4) vor dem Anrichten: Flüssigkeit aus dem Beutel in eine weite Pfanne geben, stark einkochen, Spargel darin glasieren.

Asparagi tonnato 20190530_110422

Spuma di Tonno
2 Eigelb
1 gehäufter EL Crème fraîche
1 TL Dijonsenf
1 TL Estragonessig
1 TL Zitronensaft
Salz, weisser Pfeffer

75 g Butter
25 g Walnussöl
1 Dose Thon bester Qualität, 120 g, gut abgetropft
1 El Kapern, gründlich gewässert

(5) Mixbecher in einen Topf mit ca. 50°C warmem Wasser stellen. Alle Zutaten ausser Butter/Öl, Thon und Kapern mit dem Mixstab (Zauberstab) gründlich schaumig aufmixen. Mixbecher auf ein Holzbrett stellen.
(6) Parallel die Butter mit dem Walnussöl separat sprudelnd zum Kochen bringen, abschäumen, danach in dünnem Strahl zügig zu der Eiermischung geben, dabei auf höchster Stufe weitermixen.
(7) Etwas abkühlen lassen, dann den Thon und die Kapern untermixen. Abschmecken. Lauwarm servieren.

Garnieren mit leicht confierten, geschälten Tomatenspalten, Kapern und griechischem Basilikum. Spargel mit Parmesan bestreuen.

Für einen Schuss ins Blaue gar nicht schlecht. Eine Thonsauce, die den Spargel nicht totschlägt. Die Sauce hätte für eine weitere Portion Spargel gereicht. Der bereitgestellte Parmesan erreichte die Teller erst nach dem Foto.

Bouillabaisse vom Seefisch mit Sauce Rouille und Knoblauch-Crostini

2019-Markt

Bouillabaisse, mit Fischen gekocht, die es auf dem Luzerner Wochenmarkt zu kaufen gibt. Der Mai 8plus8-Event bei Lucas Rosenblatt ist zeitnah nachgeführt. Die ganze story mit Bildern vom Luzerner Markt, dem ganzen Menu und dem selektierten Rezept wie immer im Blog [K]ein Kochbuch von Lucas Rosenblatt.

Zutaten und Zubereitung
Menugang für 18 Personen oder für 6 Suppenesser

Bouillabaisse vom Seefisch mit Sauce Rouille und Knoblauch-Crostini

2019-05 Menu

Fischeinlagen
3 Egli, ganz, ca. 1.5 kg
1 grosser Balchen, ca. 1.3 kg
½ EL Zucker
½ EL Fleur de Sel
1 EL rosa Pfeffer

1 Stück Seeteufel Filet, ca. 300 g
1 L Wasser
50 g Salz

Egli und Balchen filetieren, entgräten. Rosa Pfeffer mörsern und mit dem Zucker und Fleur de Sel mischen. Die Fischfilets damit 4 Stunden zugedeckt graven, damit ihr Fleisch fester wird.

Den Seeteufel 10 Minuten in eine mit kaltem Wasser zubereitete, aufgemixte Salzlösung legen.

Die Filets vor Verwendung in 18 oder 36 mundgerechte Stücke schneiden und vor Verwendung separat in wenig geklärtem Fischfond aufwärmen.

1 Pulpo, ca. 900 g
1.5 dl Weisswein
Lorbeerblatt
Rosa Pfefferkörner

Kopf mit den Augen abtrennen. Den ganzen Pulpo in 1.5 L Wasser mit den übrigen Zutaten aufkochen und 90 Minuten leise simmern lassen. Herausnehmen. Davon 6 Arme verwenden und in kleine Stücke schneiden. Einen Teil des Pulpofonds für den Fischfond reservieren.
Die Pulposcheiben vor Verwendung auf einem mit Backpapier belegten Blech bei 180°C 4 Minuten erwärmen.

2019-05 Menu
das geht nur mit frischen Fischen

Fischfond
Gräte und Abschnitte der Fische
1 Stange Lauch
1 Bundzwiebel
1 kleiner Fenchel
1 TL Wildfenchelsamen
1 Dillzweig
2 dl Pulpo-Kochfond

Das kleingeschnittene Gemüse in Olivenöl andünsten, die zerteilten Gräte und Abschnitte darauflegen, mit ca. 1.5 L Wasser bedecken, aufkochen und bei kleinem Feuer ca. 30 Minuten simmern lassen. Absieben. Pulpofond zugeben.

Um den Fond zu klären:
Ca. 400 g Fischabschnitte (Reste und tiefgefroren)
2 Tomaten, klein gewürfelt
2 Knoblauchzehen, gehackt
2 Bundzwiebeln, gehackt
1/2 TL Safranpulver
2 Eiweiss
Meersalz

Die Zutaten für die Klärmasse gut mischen und in den erkalteten(!), trüben Fischfond einrühren. Langsam erhitzen, immer wieder umrühren, damit das Eiweiss nicht am Boden anhockt. Einmal richtig aufkochen, bis das Eiweiss an der Oberfläche aufbricht, dann nicht mehr umrühren und die Hitze auf kleinste Stufe reduzieren. Mind. 30 Minuten stehen lassen, dann vorsichtig durch ein Filtertuch filtrieren. Vor Verwendung aufkochen und abschmecken mit Meersalz.

Gemüseeinlagen
1 Lauch
200 g Kefen

Lauch in kurze, feine Streifen schneiden, weiss und grün getrennt. Den Grünanteil kurz in kochendem, gesalzenen Wasser blanchieren.
Kefen putzen und quer in feine Streifen schneiden, im selben Wasser blanchieren.
Das Gemüse vor Verwendung in wenig geklärtem Fischfond garkochen.

Knoblauchcroutons
18 kleine Weissbrotcroutons
Butter
Knoblauch, gepresst
Fleur de Sel

Weiche Butter mit Knoblauch mischen, mit Fleur de Sel salzen und die Brotscheiben damit dick einschmieren.
Vor Verwendung im vorgeheizten Ofen bei 210°C (Grill/Umluft) toasten.

Sauce Rouille
4 junge, kleinere Kartoffeln
2 Bundzwiebeln, weisser Teil, gehackt
3 Knoblauchzehen, gehackt
1 Peperoncino Schote, geschält, entkernt, gehackt
2 Peperoni Ramiro, geschält, ohne Kernhaus, gehackt
1 EL Espelettesirup oder etwas Piment d’Espelette
1TL Paprikapulver scharf
Kräutersalz
½ Orangenabrieb
2 Eigelb

Kartoffeln in Wasser weich garen, schälen, würfeln.
Bundzwiebeln, Knoblauch, Peperoncino und Peperoni in ca. 0.5 dl Olivenöl langsam dünsten, in den Cutter geben, mit den Kartoffeln und dem Eigelb zu einer Creme mixen, abschmecken.

Confierte Datterini
Ca. 40 Datterini-Tomätchen an der Rispe
Fleur de Sel
Puderzucker

Datterini kreuzweise einritzen, kurz in kochendes Wasser legen und die Haut abziehen. Auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen, mit Olivenöl beträufeln und mit Puderzucker leicht bestäuben. Salzen. Im Ofen 1.5 Stunden bei 95°C confieren. Vor Verwendung im Ofen kurz aufwärmen.

Fertigstellen
Lauch und Kefen in kleine, tiefe Teller vorlegen, nach Sorte gegarte Fischstücke und Pulpo auf die Teller verteilen. Heissen Fischfond angiessen. Ein EL Sauce Rouille auf die Fischeinlage legen. Daneben ein Knoblauch-Crostino und 2 Datterinitomätchen.

Genau 40 Jahre ist es her, dass ich mit Frau L. in einem Fischrestaurant in La Ciotat zum ersten Male Bouillabaisse ass. Unterwegs im zitronengelben VW Golf. Lange her. Fisch isst sie nicht mehr. Ans Meer mag, will und kann sie nicht mehr. Zuhause koche ich ihr die geliebten Hörnli mit Hack in mediterraner Note und freue mich auf den Fisch im nächsten 8plus8-event im Juni.

1979 La Ciotat L. sur le mer

Linsen zählen

Albleisa 20190414_104157

„… ich wünsche dir gute Stunden, Kraft für die anstrengenden und frohe, so viel und so froh es geht“ schreibt mir Poliander. Danke, liebe Ulrike. Anstrengend sind meine Stunden tatsächlich. Doch so hinfällig Frau L. derzeit ist, so sehr freut sie sich, wenn ich ihr was Einfaches, Gutes koche. Es muss ja nicht alles dokumentiert, ver- und zerbloggt sein. Das erklärt meine länger werdenden Blogpausen. Dem Druck der digitalen Leistungsgesellschaft will ich mich nicht beugen, ich mache nur so viel noch geht, daneben haben gerade noch ein paar Fotos in instagramm Platz. Fehlen tun mir meine Ausreisen an den Doubs, einen ganzen Tag kann ich nur noch weg, wenn jemand die Pflege übernimmt. Solange führt mich mein grün-gelbes Velo für eine Stunde an den Canal de Huningue.

Hier ein paar Belegfotos aus der derzeitigen, einfachen Alltagsküche. Muss man sich aber nicht antun. Keine Rezepte. Nichts aufgeschrieben. Alles mit der Handyknipse aufgenommen.

Spinatknöpfli-Kalbfleisch

Spinatknöpfli-Kalbfleisch 20190331_123656

Alb-Leisa mit Fave und in Honig karamellisiertem Ziger
Die mir von Frau Buchfink geschenkten Alb-Leisa (wie sind die klein!) hab ich in würzigem Gemüsejus gekocht, Fave hinzu und mit den Zigerkäsewürfeln serviert.

Alb-Leisa-Fave-Ziger 20190414_122412

Spaghetti mit Barba di Frate, Knoblauch, Pinoli und Orangensaft angeregt durch ein Rezept im Splendido Magazin

Spaghetti-Barba di Frate-Pinoli 20190228_124005

Zwischendurch immer wieder meine
Rindsplätzli mit Zwiebeln, im eigenen Saft geschmort und viel gutem Kalbsfond. Hier beim Einschichten in den Topf.

Saftplätzli beim Einschichten 20190204_153707

Immer wieder
Saltimbocca, hier mit Karotten-Safran-Risotto.

Saltim'bocca, Karotten-Safran-Risotto 20190421_122119

Frankfurterwürstchen mit nicht-matschigem Kartoffelsalat

Kartoffelsalat-Frankfurter 20190501_123016

Braune Knusperkartoffeln mit Bohnen und Hackbraten. Wie die Schnellbräunung der Kartoffeln funktioniert, sollte ich gelegentlich mal aufschreiben.

Hackbraten-Bohnen-Kartoffeln 20190506_120848

Risotto mit Erbspüree und ganzen Erbsen sowie Morcheln, ein eher misslungener Versuch, das geht noch besser.

Risotto-Erbsen-Erbsencreme-Morcheln 20190430_124922

Und irgendwann steckten die Spargeltriebe Märzenglöckchengleich ihre Köpfchen durch den Schnee, hier
Spargel à la polonaise

Spargel, polnische Art 20190428_130530

Schliesslich waren wieder einmal Pici an der Reihe, die geliebten, nur echt, wenn Stück um Stück handgerollt und zwar dünn. Dick und Fertigware geht überhaupt nicht und Spaghetti sind nie und nimmer Ersatz.

Pici 20190509_122942

Daraus sind einerseits
Pici all‘ aglio giovane e pomodorini entstanden nach einer im Splendido-Magazin abgekupferten Idee.

Pici-Aglio-Pomodori 20190509_125424

der zweite Teil der Pici-produktion ging in
Pici mit Brösmelibutter und Fagioli occhipinti, sagenhaft zarte, feinste Bohnen aus Apulien

Pici-Fagioli dipinti 20190510_120605

Die letzten Morcheln mit Nudeln und Spargel, diesmal in geordneter Form.

Nudeln-Spargel-Morcheln 20190511_123646

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