
Königsetappe. Weil schön & lang. Weil Längste & Schönste. Weil schattig & kühl. Wichtig bei der herrschenden Hitze. Deshalb habe ich sie mir zum Schluss aufgespart.
Mäxle darf am Lac des Brenets im Schatten warten. Um 10 Uhr fährt das Schiff bis zum Ende des Sees. Die Fjorde des Lac des Brenets (siehe auch hier) wirken vom Schiff aus am schönsten. Deshalb dürfen die Füsse noch etwas schifflifahren und ich hänge am Schluss noch die Strecke von Maison Monsieur bis Biaufond an.

Der ca. 27 Meter hohe Wasserfall Saut du Doubs ist Folge eines Bergsturzes vor etwa 14’000 Jahren, der an dieser Stelle das enge, tief eingeschnittene Doubstal auffüllte und den Lac des Brenets staute.

Nach dem Anblick des Wasserfalls rettet sich die Mehrzahl der Schiffsgäste zurück in die Wirtschaft am Ende des Sees, um sich wieder einzuschiffen. Mit mir waren es nur 3 Personen, die an diesem heissen Tag die Wanderung in der schattigen Schlucht Richtung Maison Monsieur fortsetzten.

Kurz nach dem Wasserfall öffnet sich das Tal zum Stausee des Lac de Moron hin. Schöner, leicht coupierter Wanderweg unterhalb von Felsbändern, teilweise durch kurze Galerien, fast immer mit Sicht auf den See.

Um den See heuer noch zu füllen, müsste es wieder einmal ein paar Wochen regnen, lieber Petrus! Am Ende des Sees: die Barrage du Chatelôt, 1951-53 als schweizerisch-französisches Gemeinschaftswerk erbaut.

Durch vom Kraftwerk angelegte Tunnel und Galerien gelangt man auf die Unterseite der 74 m hohen Staumauer.



Und schon sind wir in „unberührter“ Natur. Allein mit dem Restwasser, das die Kraftwerke gnädigerweise dem Fluss belassen. Das im Stausee von Moron gefasste Wasser wird durch eine Druckleitung zu der vier Kilometer flussabwärts liegenden Elektrizitätszentrale geführt und dort wieder in den Fluss geführt. Immerhin wird dem Doubs seit 2005 etwa 8 mal mehr Restwasser als früher belassen. Die am Fuss der Mauer eingebaute, kleine Turbine kompensiert den Verlust beim Nutzgrad teilweise.

Die Ausbreitung des Protestantismus auf Neuenburger Boden (1530-1536) führte zu einer Spaltung zwischen Neuenburg und der Franche-Comté. Doch vermochte sie die nachbarlichen Beziehungen nicht zu behindern. Bis ins 20. Jahrhundert deckten sich viele Franzosen unter Umgehung von Zoll- und Steuerabgaben in Schweizer Geschäften ein, die an entlegenen Stellen eingerichtet waren. Selbst Hochwasser des Doubs war kein Hindernis. Die Waren wurden an Seilen über Flussengen gehievt. So entstand auch der einsam gelegene Halte du Chatelôt, der heute noch zeitweise bewirtet wird. Anstelle von Schmugglern sind es heute Wanderer, die hier einkehren. Hier wird mit Doubswasser gewaschen. Pasta wäre gemäss Speisekarte zu haben.

Die Wanderung folgt nun auf weiten Strecken in tiefer Schlucht, am Fuss von teilweise spektakulär überhängenden Felsbändern. Schaurig schön. An ehemalige, zerfallene oder verschwundene Mühlen, Glashütten und andere Industrieanlagen erinnern Schautafeln des Kraftwerks.



Gegenüber das französische Ufer, steil, meist weglos.



Zyklopische Felsenformation.

Schattig und feucht: Im Reich der Moose. Moos überwuchert alles. Totholz. Lebendes Holz. Nur schnell raus hier, bevor mich eine Schicht Moos überwuchert.

Doch langsam öffnet sich das Tal. Nach Umgehung der Centrale du Torret, dem Elektrizitätswerk von Le Chatelôt, das den ganzen Uferbereich für sich und eine steile Standseilbahn beansprucht -hieher führt keine Strasse-, zieht sich der Wanderweg weiter entlang des wieder breiteren Doubs bis zum kleinen Weiler Maison Monsieur.

Früher gab es kaum Brücken über den Doubs. Zwischen Morteau und Goumois kein einzige. Waren und Reisende, die von der Grafschaft Neuenburg nach Morteau befördert werden mussten, wurden im Dorf Les Brenets auf Fähren übergesetzt. Dasselbe in Maison Monsieur für die Destination Mömpelgard. Seit 1592 lagen die Zoll und Fischereirechte bei den Herren von Neuenburg, die diese hier an einen Statthalter verpachteten, der als Fährmann, Fischer, Zöllner und Gastwirt amtete. Heute Restaurant, direkt am Ufer. Leider nur Feldschlösschen-Bier (die grösste Brauerei der Schweiz). Aber ich bin leidensfähig. Nach 5 Stunden Wanderung trinke ich alles.

Gestärkt passiere ich den Pavillon des Sonneurs, Versammlungsort eines Freundeskreises radikaler Neuenburger Patrioten aus dem Jahre 1841. Unangefochten von den patriotischen Musen im Garten. Der Name „Sonneurs“ erinnert an die Glocke, mit der früher die Fähre gerufen wurde. Ich wechsle bei La Rasse auf die französische Seite, um die abends von Grenzgängern stark befahrene Strasse zu umgehen.

Nach einer weitern Stunde ist die Brücke von Biaufond erreicht. Das Postauto tutet mich -Heimat wie bist du schön- mit Dreiklang im Tritonus nach La Chaux-des-Fonds. Schnell umsteigen in den supermodernen RER der französischen Staatsbahn. Bis Le Locle. Von dort mit dem Bus nach Les Brenets an den Ausgangspunkt zurück. Geschafft.